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Die Idee des "Genderns" wurde nur halbherzig übersetzt

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Aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum schwappten einst die feministischen Theorien nach Deutschland. Im Alltag angekommen ist nur die Hälfte, findet die kanadische Übersetzungswissenschaftlerin Luise von Flotow.

Gendern. Mit diesem Wort kann sich Luise von Flotow schon mal nicht anfreunden. "Im Englischen gibt es nur das Substantiv, als Verb kennt man das nicht", erklärt die Übersetzungswissenschaftlerin. "Und weil man sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hat, dafür ein deutsches Wort zu finden, bleiben auch die Konzepte dahinter fremd", ist die Professorin an der Universität von Ottawa in Kanada überzeugt.

Nicht nur schwarz oder weiß

Das Konzept dahinter - dass es neben dem biologischen Geschlecht auch ein gesellschaftlich geprägtes Rollenverständnis gibt - bietet die Grautöne und Schattierungen, die der polarisierende Begriff "Gendergerechte Sprache" und seine Reduzierung auf das bekannte Sternchen vor dem "innen" derzeit kaum hergibt.


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Verständlichkeit ist beim Gendern nicht immer absolut entscheidend


Von Flotow beschäftigt sich seit den 1970er Jahren damit, wie Sprache gesellschaftliche Veränderung bewirken kann und soll. Früh hat sich die Kanadierin mit deutschen Wurzeln mit feministischer Literatur beschäftigt und daran gearbeitet, wie die Ideen der Frauen von einer Sprache in die andere transportiert werden können.

Die gar nicht so kleinen Unterschiede...

Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre war Luise von Flotow Dozentin in Marburg und Freiburg. Damals konnte sie ihren Studentinnen und Studenten schon davon erzählen, welche Nachteile eine Frau im deutschen Wissenschaftsbetrieb erleben kann.

In Kanada durfte sie damals noch nicht einmal ein Foto auf die Bewerbung kleben, um eine Diskriminierung aufgrund von Aussehen oder Ethnie auszuschließen. In Deutschland musste sie zu ihrer Überraschung sogar angeben, wie viele Kinder sie hat.

Trotzdem hat sie sich behauptet, war zehn Jahre lang Direktorin der School of Translation an der Universität von Ottawa und ist inzwischen auch glückliche Großmutter. Anlass, sich über die Rechte der Frauen Gedanken zu machen, sieht sie weiterhin genug.

Manches treibt Blüten

Einfache Antworten gibt es aber auch von ihr nicht. So hat sie beispielsweise wenig Verständnis, wenn am Anfang einer Tagung jeder Teilnehmer verkünden soll, mit welchem Pronomen er oder sie bezeichnet werden möchte - vielleicht mit "em", "zie" oder "thon"? Hinweise auf Geschlechtsidentitäten, die sich nicht mehr nur auf männlich und weiblich beschränken. "Das ist teilweise absurd geworden", sagt die 69-Jährige.

Der Umkehrschluss, dass alles so bleiben soll, wie es ist, gelte aber nicht. Mit einer Sprache, die gesellschaftliche Machtstrukturen aufbrechen will, werde manches unweigerlich komplizierter. "Das ist eben so." Doch sie sieht hier durchaus Unterschiede zwischen Literatur und Alltagssprache. Die Frage, wie weit man im Alltag gehen kann und soll, möchte sie nicht abschließend beantworten.

Im Englischen gab es wenig zu verändern

Sprachlich führt das Vorhaben, Frauen mit der männlichen Form nicht mehr einfach nur "mitzumeinen", im Deutschen wie im Französischen zu Verwerfungen, die es im angloamerikanischen Sprachraum so nicht gibt. Citizen, lover oder friend - für solche Bezeichnungen gibt es im Englischen eben keine weibliche Form. Gestritten wird allenfalls um die wenigen Ausnahmen wie "chairman".

Doch schon vor Jahrzehnten hat sich eingebürgert, dass es nicht mehr heißt "Everybody should bring his lunch", sondern "Everybody should bring their lunch". Damit war das Thema "gendergerechte Sprache" im anglo-amerikanischen Sprachraum für die breite Masse angesprochen und durchgesetzt.

Europa hinkt hinterher

Die Idee wurde exportiert. Im französischsprachigen Teil Kanadas, in Quebec, führte das schon vor vielen Jahren dazu, wann immer möglich auch die weibliche Form zu berücksichtigen: Citoyen et citoyenne, Bürger und Bürgerin. "In Frankreich ist man längst nicht an diesem Punkt", sagt Luise von Flotow.

In Deutschland und anderen europäischen Ländern köchelte die Diskussion über Jahre vor allem im akademischen Bereich weiter. Stellenanzeigen müssen zwar auch hierzulande geschlechtsneutral formuliert sein. Nach und nach sickerten dann die "Bürgerinnen und Bürger" sowie verwandte Formulierungen in die öffentlichen Reden und politischen Ansprachen. Doch in Zeitungen, im Radio, in öffentlichen Bekanntmachungen galt die männliche Form als Standard.

Dann kam die Entscheidung der Duden-Redaktion

Als der Duden vor wenigen Wochen begann, in seiner Online-Ausgabe klar zwischen Bürgerin und Bürger, zwischen Mieterin und Mieter zu unterscheiden, wirbelte eine Windhose durch die deutschen Amtsstuben, Pressestellen und Redaktionen, und sie gewinnt an Vehemenz.

Gilt die Schlagzeile "Lehrer fordern Schnelltests" noch immer für alle Lehrkräfte? Oder fühlen sich Lehrerinnen damit zu Recht ignoriert? Es ist keine theoretische Frage mehr.

Audi macht jetzt eine Pause

Zuletzt verkündete Audi, dass im Unternehmen der sogenannte Gender Gap eingeführt wird - der Unterstrich, der als Pause gesprochen werden soll.

Mit "Audianer_innen" will das Unternehmen auch "Raum schaffen für alle nicht-binären Geschlechteridentitäten". Im Netz folgte ein Shitstorm auf das vermeintliche "Gendergaga". Jede Entscheidung bei diesem Thema birgt Risiken fürs Image.

Die Gesellschaft ist zerrissen

Jetzt räumen die großen Zeitungen dem Thema Platz ein. Darf ein Rechtschreibwörterbuch Sprache gestalten? Welche Gefahren lauern, wenn die männliche Form nur noch für Männer gilt? Welche Konsequenzen kann es haben, wenn man bei einem Bewerbungsanschreiben keine gendergerechte Sprache verwendet? Die Meinungen spiegeln die Zerrissenheit der Gesellschaft bei diesem Thema wider.

Luise von Flotow verfolgt die Diskussion aus der Distanz und mit wachsendem Unbehagen. "Mancher Autor kommt mir da sehr unehrlich vor, manche Autorin sehr müde." Sie hoffe, dass sich die Linguistinnen jetzt aufrappeln und der Allgemeinheit immer wieder erklären, warum Sprachgebrauch wichtig ist und warum Frauen "als spezielle Mitglieder jeder Gesellschaft" nicht einfach als Männer benannt werden sollen.

Jahrzehnte später noch immer am gleichen Fleck?

Sie selbst arbeitet gerade an einem Text über "Die Töchter Egalias". In diesem norwegischen Roman ist Sprache konsequent weiblich. "Ich habe Tränen gelacht, als ich ihn in den 90er Jahren das erste Mal in deutscher Übersetzung gelesen habe." Als sie jetzt die englische Übersetzung bearbeitete, fand sie es "einfach nur traurig, dass es immer noch dieselben blöden Argumente und Kämpfe zu diesem Thema gibt".

 
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