Als Helfer unterwegs in Krisengebieten: Bundesverdienstkreuz für "Stelp"-Gründer Serkan Eren
Dem Stuttgarter Serkan Eren wurde vor wenigen Tagen das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Gründer und Vorsitzende der Hilfsorganisation "Stelp" berichtet im Stimme-Gespräch von schönen und schlimmen Erfahrungen bei seinen Einsätzen und spricht über seine Motivation, Menschen in Not zu helfen.

Vor nicht allzu langer Zeit erhielt Serkan Eren, Gründer der Stuttgarter Hilfsorganisation “Stelp”, einen Anruf vom Bundespräsidialamt mit der Frage, weshalb er nicht auf einen Brief geantwortet hätte. Eren, der zu dieser Zeit mehrwöchig in Einsätzen aktiv war, ahnte bislang nichts, auch am Telefon gab es keine Auskunft darüber. Wieder in Deutschland angekommen stand er dann vor der herzlichen Einladung nach Berlin, um dort das “Bundesverdienstkreuz von Präsident Frank-Walter Steinmeier übergeben zu bekommen.
Glücklich erzählt er: “Ich hab tatsächlich mit den Tränen gekämpft, war super stolz, es war eine Wahnsinns-Ehre”. Am Montag, 9. Oktober, war es dann so weit und Serkan Eren hielt tatsächlich den Orden in der Hand, er berichtet davon, “fast die ganze Zeit sprachlos gewesen” zu sein. Im Gespräch mit der Heilbronner Stimme erzählt der Gründer von “Stelp” nun von der Organisation, seinen Erlebnissen und seiner Art, mit Gefahr umzugehen.
Die Hilfsorganisation "Stelp" ist in vielen Ländern aktiv
Bei der Organisation “Stelp”, deren Name sich aus “Stuttgart” und “Help” zusammensetzt, handelt es sich um eine Hilfsorganisation für Menschen in Not: “Wir setzen uns in verschiedenen Regionen der Welt ein, versuchen Leid zu lindern, vor allem auch da, wo kaum noch Hilfe ankommt”. Bei den Einsätzen werde kaum eine Region ausgelassen, die Organisation sei sowohl in Afghanistan, Syrien und Jemen als auch in den östlichsten Gebieten der Ukraine und vielen weiteren Ländern aktiv.
Die Motivation Menschen in Not zu helfen und sogar eine Organisation zu gründen, entwuchs Erens persönlichen Lebensereignisse. Nachdem er in ärmlichen Verhältnissen bei einem alleinerziehenden Vater aufgewachsen war, schaffte er es aus der Wohnsiedlung, in der er lebte, hinaus und hinein in die Landeshauptstadt Stuttgart, wo er immer auf der Suche nach der nächsten Party oder Urlauben gewesen sei.
Auf tragische Weise kam es irgendwann zu einem schweren Autounfall, bei dem Eren mit vier gebrochenen Rippen, wovon eine durch die Aorta ins Herz gestochen hatte, eine Nahtoderfahrung erlitt. Im Krankenhaus habe er dann im Bett gelegen und gedacht: “Hey, was wäre, wenn es jetzt vorbei gewesen wäre? Wo war der Fußabdruck? Du hast gar nichts hinterlassen und nicht von dem Glück der letzten Jahre abgegeben.”
Wie es zur Gründung von Stelp kam
Nach seinem Aufenthalt initiierte Eren im Jahr 2015 zusammen mit einem Freund einen erfolgreichen Sachspendentransport auf den Balkan, gleichzeitig kamen ihm immer mehr Ideen und Gedanken zu humanitärer Hilfe in den Sinn. Im Jahr darauf entstand dann die Organisation “Stelp”, zu der laut Eren mittlerweile weltweit rund 400 ehrenamtliche Mitarbeiter gehören.
Besonders wichtig sei der Organisation die schnelle und direkte Hilfe nach Katastrophen: “Wir sind fast immer die ersten vor Ort, weil wir uns nicht lange Gedanken machen, ob wir es wagen oder nicht. Somit waren wir beispielsweise schon am ersten Tag des Kriegs in der Ukraine und am ersten Tag des Erdbebens in der Türkei da.”
Wie wichtig Menschen in Kriegs- oder Katastrophengebieten ist, hat Eren schon am eigenen Leib erfahren müssen. Als es im August 2020 zu einer gigantischen Explosion am Hafen Beiruts kam, war er in der Stadt.
Gefahr in Krisengebieten kann extrem hoch sein
Eine besonders große Rolle während der Einsätze spielt natürlich auch die Gefahr, die besonders in Kriegsgebieten extrem hoch sein kann. Wie viele Helfer zu einem Einsatzort mit fahren, sei laut Eren deshalb immer situationsabhängig. Grundsätzlich gelte aber: “Je gefährlicher der Einsatzort, desto weniger gehen hin”.
Eren selbst zeigt sich im Gespräch recht angstfrei und erzählt, dass er selbst bei den gefährlichsten Einsätzen dabei gewesen sei: “Wenn die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei einem Einsatz sterbe, bei 15 Prozent liegt und ich damit aber 15 Leute retten könnte, ist das für mich eine einfache Rechnung. Ich sehe mein Leben nicht als wertvoller an, als das der Leute, denen wir helfen”, berichtet er.
Warum Eren selbst in heiklen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt
Die Angst vor dem Sterben sei bereits seit seiner Nahtoderfahrung verschwunden, wodurch es ihm nun möglich sei, selbst in den gefährlichsten Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und sachlich zu entscheiden. Dennoch hätte es auch schon Situationen gegeben, in denen Einsätze für die eigene Sicherheit abgebrochen werden mussten, beispielsweise wenn sich hilfsbedürftige Menschen hinter der Frontlinie befanden und jeder Versuch dahin zu kommen, “quasi Selbstmord” gewesen wäre.
Für seine Familie und Freunde sind Serkan Erens Einsätze nicht einfach zu handhaben. Er erzählt: “Am Anfang waren natürlich alle noch sehr stolz und ich habe viel Support bekommen”. Inzwischen würde es anders aussehen, die Angst Eren als einen Familienangehörigen oder guten Freund im Kriegsgebiet zu verlieren sei bei vielen hoch. “Besonders wenn ich mal einige Tage kein Netz habe und niemandem Bescheid geben kann, dass ich noch lebe, sind diese Tage für die Leute die Hölle”, gibt er zu.
Im Stimme-Gespräch schildert Eren seine schönsten und schlimmsten Erfahrungen
Trotz allem ist die Angst der Leute für den Stuttgarter kein Grund, aufzuhören. Der Wille, möglichst vielen Menschen aus Notsituationen helfen zu können, ist größer. Eren berichtet im Gespräch auch von den schönsten und schlimmsten Erfahrungen: Er erzählt von einer Situation, in der er an der syrischen Grenze aushalf. Besonders die kleinen Kinder würden nur das Leben mit Krieg und Flucht kennen. Eines der Kinder sagte damals zu Eren, nachdem er Spielzeug verteilt hatte: “Ich habe immer gedacht, dass es außerhalb meiner Familie nur böse Menschen gibt”. Der “Stelp”-Gründer wurde sich dabei klar, das Weltbild eines Kindes ins Bessere verändert zu haben.
Oft würden auch Eltern auf ihn zugekommen sein, mit dem Dank: “Ich habe mein Kind schon lange nicht mehr so herzhaft lachen gesehen”
Doch auch besonders schlimme Momente, die Nachts für zahlreiche Albträume führen, erlebt Serkan Eren bei seiner Arbeit. Am extremsten seien die ersten Stunden nach Katastrophen, besonders die nach dem Erdbeben in der Türkei, das im Februar 2023 geschah. Immer noch bedrückt beschreibt er: “Es war wie in einem Horrorfilm, überall lagen leblose Körper, man hörte Schreie, einzelne Menschen wärmten sich an kleinen Lagerfeuern.”
Mann bedankt sich für Hilfe
Wie genau es den Menschen nach der Hilfe von “Stelp” und anderen Organisationen ergeht ist mittlerweile nicht mehr so überschaubar wie noch vor einigen Jahren. “Mittlerweile sind wir in einem sechsstelligen Bereich an Menschen, die wir versorgt haben, angekommen”, berichtet er stolz.
Dennoch sei ihm vor nicht allzu langer Zeit plötzlich mitten in der Stuttgarter Innenstadt ein Mann, den er auf der griechischen Insel Chios damals versorgt hatte und der es nun nach Deutschland geschafft hat, dankend um den Hals gefallen.
Auf Instagram zu Nahost-Konflikt geäußert
Zu dem aktuellen Nahost-Konflikt hat sich Serkan Eren bei Instagram geäußert, möchte sich ansonsten jedoch weitestgehend enthalten. Dennoch antwortet er auf die Frage, ob auch dort Hilfsgruppen von “Stelp” denkbar wären: “Die Opfer des Terrors in Israel sind derzeit gut versorgt. (...) Im Gaza-Streifen brauchen die Leute zwar ganz dringend Hilfe, jedoch kommen wir dort nicht rein, der ist komplett abgeriegelt und wir haben keine Chance irgendetwas zu tun”.
Damit die Organisation weiterhin so bestehen und wachsen kann, ist sie besonders an Spenden und Partner gebunden. Der “Stelp”-Gründer versichert, dass 100 Prozent der Spenden an die humanitäre Hilfe gehen. Das sei nur durch treue Partner möglich, die die gesamte Struktur der Organisation finanzieren. Auch die Anwälte, Handwerker, Marketingagentur und viele weitere wichtige Bestandteile würden ihren Dienst auf freiwilliger Basis erledigen, um so einen Teil zur Hilfe von Menschen in Not beizutragen.



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