Tag der Entscheidungen bei Volkswagen betrifft auch Neckarsulm
Der VW-Aufsichtsrat baut den Vorstand um. Schon jetzt scheint klar, dass Audi-Vorständin Hildegard Wortmann wohl nach Wolfsburg wechseln wird. Es fallen aber viele weitere Entscheidungen an diesem Donnerstag. Am Audi-Standort Neckarsulm hofft man auf Klarheit, wann das erste volumenstarke E-Modell kommt.

Der Erwartungsdruck ist groß wie lange nicht: Bei Volkswagen werden am Donnerstag zentrale Beschlüsse fallen. Einer sickerte bereits durch: Die bisherige Audi-Marketing- und Vertriebsvorständin Hildegard Wortmann wird in gleicher Position Verantwortung für den VW-Konzern übernehmen. Am Audi-Standort Neckarsulm ist man gespannt, ab wann auch hier volumenstarke E-Modelle gebaut werden dürfen.
Der wankende Diess bleibt wohl VW-Chef
Dass Vorstandschef Herbert Diess Chef des größten europäischen Autobauers bleibt, ergibt sich aus den bekannt gewordenen Personalien fast zwangsläufig. Die Position des 63-Jährigen wackelte seit Wochen. Auslöser dafür waren Sparvorschläge rund um eine turbulente Sitzung des Aufsichtsrats im September, die zuvor nicht mit dem einflussreichen Betriebsrat abgesprochen gewesen sein sollen.
Nun kommt also Diess alte Weggefährtin aus BMW-Zeiten, Hildegard Wortmann, nach Wolfsburg. Der bisherige Chef der Marke VW, Ralf Brandstätter, soll China-Vorstand werden. Das Unternehmen kommentierte entsprechende Berichte unter anderem von "Spiegel Online" am Mittwoch nicht.
Jenseits der Top-Personalien mussten Manager und Kontrolleure in etlichen Punkten nacharbeiten, etwa bei der Konkretisierung milliardenschwerer Investitionsvorhaben und der Werkbelegung.
Nur nicht ins Hintertreffen geraten bei der Transformation
Die ist aus Neckarsulmer Sicht besonders spannend, weil bisher noch immer nicht klar ist, wann hier ein volumenstarkes Elektro-Modell gebaut wird. Die Befürchtung ist, dass der Standort - unabhängig von der mittelfristigen Auslastung - bei der Transformation ins Hintertreffen gerät und damit Nachteile entstehen, die kaum aufzuholen sind.
Ursprünglich wollte der Konzern die Fragen schon Mitte November geklärt haben, nun lief alles auf den 9. Dezember als Ersatztermin hinaus. Wobei auch hier bis zuletzt "alles im Fluss" sei, wie eine Quelle aus dem engeren Umfeld schätzte.
Ruppiger Ton, aber mit dem richtigen Ansatz
Diess ist in der Branche insgesamt hoch angesehen für den Umfang und das Tempo, mit dem er VW weiter in die E-Mobilität und Digitalisierung führen will. Aufseiten des Betriebsrats, der IG Metall und teils auch des Landes Niedersachsen riefen sein zuweilen ruppiger, provokanter Ton und seine manchmal auch als unberechenbar empfundene Kommunikation allerdings schon öfter Befremden hervor.
Ob er aus der Umstrukturierung gestärkt oder geschwächt hervorgeht, ist noch nicht ausgemacht. Theoretisch denkbar wäre, dass er zwar formal Konzernchef bleibt, sich in seiner Funktion jedoch auf eine Art strategische Gesamtplanung konzentriert. Denn inhaltlich dürfte er einige Aufgaben abgeben. Wenn Wortmann kommt, gibt Diess den Vertrieb ab. Wird Brandstätter China-Chef, ist Diess auch dafür nicht mehr zuständig.
Unsicherheit bleibt bis zuletzt
Ein Vermittlungsausschuss des Aufsichtsrats hatte sich zuletzt mehrfach getroffen, um Lösungen zu suchen, die den reformfreudigen Diess im Amt halten und zugleich die Wogen im Zoff mit der Arbeitnehmerbank dauerhaft glätten könnten. Bis zuletzt war unklar, ob ein Kompromiss steht.
Und es gibt weitere Themen, die intensiv diskutiert wurden. Dazu gehört beispielsweise die Frage, wohin genau weitere der zunächst sechs europäischen Batteriezellwerke kommen. Der VW-Betriebsrat hatte zusätzlich ein weiteres Zellwerk in Deutschland gefordert.
Ob in diesem Zusammenhang auch über die Hochleistungszellen-Entwicklung von Porsche entschieden wird, ist unklar. Hier waren die Standorte Tübingen, Gerlingen und Heilbronn im Gespräch. Bekannt ist, dass Audi in Neckarsulm die Hochvolt-Batterieentwicklung erhält.
Bekommt Wolfsburg ein weiteres Werk?
Umstritten ist ferner die Frage, ob und wann neben Trinity ein gesondertes Elektromodell in Wolfsburg angesiedelt wird. Der VW-Stammsitz ist wegen der Lieferkrise bei Mikrochips derzeit schwach ausgelastet. Gedankenspiele, bei VW könnten in den kommenden Jahren bis zu 30.000 oder gar 35.000 Stellen überflüssig werden, nannte Gesamtbetriebsratschefin Daniela Cavallo "inhaltlichen Unfug".
VW und die Formel 1
Auch die Motorsportwelt könnte womöglich nach Wolfsburg blicken. Immer wieder gab es Spekulationen über einen Formel-1-Einstieg von VW - in Vorgespräche über neue Techniken für teilelektrifizierte Motoren sollen Vertreter der Töchter Audi und Porsche nun zumindest eingebunden sein. Der Motorsport-Weltverband, der auch für die Formel 1 zuständig ist, tagt am 15. Dezember, eine eventuelle Freigabe entsprechender Pläne käme also rechtzeitig.



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