VW-Konzern vor dem Einstieg in die Formel 1
Am Donnerstag entscheidet der Aufsichtsrat über ein mögliches Engagement. Audi war im Jahr 2015 bereits startklar, der Motor lief in Neckarsulm bereits auf dem Prüfstand. Doch dann kam der Dieselskandal.

Der VW-Konzern und die Formel 1, darüber wird seit etlichen Jahren immer wieder spekuliert. So ist es aktuell wieder, in der sogenannten Planungsrunde an diesem Donnerstag, in der milliardenschwere Investitionen beschlossen werden, könnte eine Entscheidung fallen. Die Pläne sind ziemlich konkret.
Neckarsulmer Spezialisten hatten bereits einen Motor entwickelt
Aber nicht zum ersten Mal. Denn nach Informationen der Heilbronner Stimme war es schon einmal deutlich mehr als nur ein Gerücht. 2015 war der Einstieg von Audi in die Formel 1 bereits beschlossene Sache, zunächst als Motorenlieferant, später mit einem eigenem Team. Unter der Ägide des damalige Sportmotorenchefs Ulrich Baretzky hatten Spezialisten am Standort Neckarsulm einen Motor entwickelt, der bereits auf dem Prüfstand getestet wurde. Zudem hatte das Unternehmen im Zeichen der vier Ringe den ehemaligen Rennleiter von Ferrari, Stefano Domenicali, bereits abgeworben.
Der Italiener sollte die Weichen vollends stellen und als erfahrener Experte den Weg in die Formel 1 ebnen. Für Ende September 2015 war bereits der Termin für eine Pressekonferenz in London fixiert, auf der Audi seine Pläne für die Königsklasse des Motorsports vorstellen wollte. Doch dann platzte kurz vorher die Bombe mit dem Dieselskandal und über Nacht waren die Motorsportpläne vom Tisch. Domenicali wurde damals wenig später Chef bei der Audi-Tochter Lamborghini. Mittlerweile ist der 56-Jährige Chef der Rennserie Formel 1. Damit schließt sich der Kreis wieder.
Neues Reglement ab 2026
Derzeit werden gleich zwei Hersteller aus dem VW-Konzern mit der Formel 1 in Verbindung gebracht: Audi und Porsche. Die sportlichen Marken hatten sich in der Vergangenheit bereits legendäre Duelle beim Langstreckenklassiker 24 Stunden von Le Mans geliefert. Am Donnerstag soll nun in Wolfsburg seitens des Aufsichtsrats eine Entscheidung fallen. Am 15. Dezember wiederum tagt in Paris der Motorsport-Weltverband. Das Gremium könnte dann schon das neue Motorenreglement ab 2026 festschreiben. Die Chance für Audi und/oder Porsche.
Hybridmotoren mit nachhaltigem Kraftstoff
Die Formel 1 macht die Verabschiedung aber von einer verbindlichen und langfristigen Zusage abhängig - zumindest einer der beiden VW-Töchter. Schließlich ist ihnen die Königsklasse des Motorsports auch mit einem Regelkompromiss entgegengekommen. Ab 2026 sollen die Hybrid-Motoren mit 100 Prozent nachhaltigem Kraftstoff betrieben werden. Der Verbrenner im Aggregat soll nur noch 50 Prozent der Leistung beitragen, der Rest ist elektrisch.
In Vorgespräche waren Vertreter von Audi und Porsche eingebunden. Die Kontakte von Formel-1-Geschäftsführer Stefano Domenicali, der als ehemaliger Audi-Mann schon vor Jahren eine Studie des Autobauers zum Einstieg vorantrieb, waren da hilfreich.
Nur Motorenliefernat oder Werksteam?
Die Frage ist: Will Volkswagen unbedingt das kostspielige Engagement in der Formel 1? Wenn ja: Nur mit Audi oder mit Porsche? Oder mit beiden Marken? Und in welcher Form würde dieser Einstieg ablaufen? Würde ein Rennstall gekauft werden? Oder würde nur mit einem zusammengearbeitet werden?
Zuletzt hatte es Gerüchte über eine Übernahme der McLaren Gruppe durch Audi gegeben, womit sich die Ingolstädter auch den Einstieg in die Formel 1 sichern könnten. "Zu Gerüchten und Wasserstandsmeldungen äußern wir uns nicht", sagt ein Audi-Sprecher. Der Autobauer beschäftigt sich demnach "laufend mit Kooperationsideen mit verschiedenen Partnern." McLaren wies die Spekulation fast schon lautstark zurück.
Porsche verhandelt angeblich mit Red Bull
Porsche wurde mit Verstappens Red-Bull-Team in Verbindung gebracht. Doch als Motorenpartner liefert man die Antriebe frei Haus und muss für den Schriftzug auf dem Auto extra zahlen. Immerhin wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, mit Red Bull schnell um Siege fahren zu können.
Denn Audi und Porsche - einen Einstieg vorausgesetzt - wollen nicht nur mitfahren, sie wollen technische Überlegenheit zur Schau stellen. Die werbewirksame Strahlkraft der Formel 1 entfaltet sich eben nur im Erfolgsfall so richtig. Die verschärfte Budgetobergrenze in der Formel 1, die ab 2023 pro Rennstall auf 135 Millionen Dollar im Jahr weiter sinkt, macht ein Werksengagement jedenfalls nicht uninteressanter.
Deutlicher Zuschauerrückgang der Formel 1
Die Formel 1 hat bei den TV-Übertragungen schon vor dem letzten Rennen einen drastischen Zuschauerrückgang zu verzeichnen. Nach dem Verkauf der Medienrechte an den Pay-TV-Sender Sky und nur vier Rennen im Free-TV bei RTL mit durchschnittlich 3,48 Millionen TV-Zuschauern hat die wichtigste Motorsportserie der Welt in Deutschland insgesamt ein Minus von mehr als 50 Prozent zu verzeichnen. "Das ist ohne Zweifel ein herausfordernder Balanceakt zwischen Gewinnoptimierung und Markenbildung", sagt der Sport- und Medien-Experte Christian Frodl.
"Aus Sicht der Formel 1 ermöglicht der Vertrag höhere Erlöse und ist daher wirtschaftlich nachvollziehbar", erklärte Frodl. "Auf der anderen Seite erzielen Übertragungen im Pay-TV in Deutschland niedrigere Zuschauerreichweiten und haben damit weniger öffentliche Aufmerksamkeit als frei empfänglichen Live-Übertragungen." Der früher bei der DFL und bei Sky beschäftigte Frodl arbeitet in der Beratung der Sport- und Medienbranche für die Frankfurter Kanzlei Klinkert.

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