Der Unvollendete: VW-Chef Herbert Diess tritt ab
Herbert Diess hat seinen letzten Arbeitstag als Chef des VW-Konzerns. Viele loben die Strategie des 63-Jährigen. Gestolpert ist Diess letztlich wohl aber über die großen Probelme bei der Software-Entwicklung.

Von außen wirkt das nüchterne Hochhaus aus dem Jahr 1959 auf dem riesigen Werksgelände in Wolfsburg eher unscheinbar. Ein Gebäude von vielen, mag man denken. Ein letztes Mal wird Herbert Diess heute das Gebäude betreten, mit dem Aufzug in die oberste Etage, den 13. Stock, fahren. Seit 13. April 2018 hatte der Chef des VW-Konzerns hier sein Büro.
Der 63-Jährige war vor viereinhalb Jahren dort angekommen, wo er immer sein wollte: ganz oben. Dort, wo die Luft schon mal dünn werden kann. Auch für den Chef selbst, denn heute hat Diess seinen letzten Arbeitstag. Morgen schon zieht der Neue ein, Porsche-Chef Oliver Blume.
Letzte große Auftritte
Die vergangenen beiden Wochen hatte man als Außenstehender aber nicht den Anschein, dass Herbert Diess kurz vor seinem Karriereende bei Europas größtem Autobauer steht. Vor gut zehn Tagen war er noch als Teil einer Wirtschaftsdelegation mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Kanada unterwegs. Dort unterschrieb er ein Abkommen, das die Versorgung von VW mit Rohstoffen für die Produktion von Batterien für E-Autos verbessern soll. Vergangenen Samstag schüttelte der Diplom-Ingenieur bei der Audi-Night im Rahmen der Salzburger Festspiele noch viele Hände. Am 31. August 2022 sagt er seinen direkten Mitarbeitern Lebewohl.
Am Ende fehlte der Rückhalt
Offiziell geht Diess in beiderseitigem Einvernehmen. Kein Geheimnis ist aber, dass er am Ende keinen Rückhalt mehr hatte im Aufsichtsrat. Auch die Familien Porsche und Piëch, die den Konzern über die Porsche SE kontrollieren, konnte er nicht mehr auf seine Seite ziehen. Zu oft hatte es in den vergangenen Jahren Krach gegeben - mit dem Betriebsrat, dem Aufsichtsrat, den mächtigen Eigner-Familien. "Diess hat immer gedacht, dass er allein die Macht hat und stets entscheiden kann, wie er es für richtig hält", sagt ein Manager aus Wolfsburg. "Da hat er sich aber geirrt. Diess wollte niemanden neben sich haben, der ihn überstrahlt."
Schwierige Machtverhältnisse
In der Tat ist die Macht in Wolfsburg eben anders verteilt, als es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Volkswagen, das war schon immer ein spezieller Autohersteller. Das liegt schon allein an den Eigentumsverhältnissen. 20 Prozent gehören dem Land Niedersachsen, die Mehrheit und damit das Sagen haben die hin und wieder zerstrittenen Eigentümerfamilien Porsche und Piëch. VW ein Familienunternehmen? Im Prinzip ja. Nicht viele würden die Frage, wem Volkswagen eigentlich gehört, eindeutig richtig beantworten.
Würde man die Arbeiter am Band in Wolfsburg befragen, würden die meisten von ihnen wie selbstverständlich sagen: "VW gehört uns." Die Aktionäre sind für sie weit weg. Erst recht die beiden Eigentümer-Familien. Volkswagen gehört seinen Arbeitern, so die Denke. Und das Sagen hat die IG Metall, die mächtige Gewerkschaft. Diess sah das anders und eckte ein ums andere Mal bei den Betriebsräten an. Seine Strategie sei richtig gewesen, betonen viele, aber im Umgang wäre er einfach sehr schwierig. Weswegen ihn einige intern gerne als den Unvollendeten bezeichnen.
"Diess unterlag einer Fehleinschätzung"
Am Ende, so erzählen es die meisten im Umfeld des Aufsichtsrats, musste Diess gehen, weil sich die Entwicklung der konzerneigenen Software für künftige Modelle massiv verzögert. Trotz Tausender Programmierer und immer neuer Investitionen in Milliardenhöhe stockt das immens wichtige Projekt. Die Folge: Elektroautos wie der neue Audi Q6 E-Tron und der elektrische Porsche Macan kommen deutlich später als geplant. Erst vor wenigen Monaten hatte Diess das Thema Software zur Chefsache erklärt, konnte das Ruder aber nicht herumreißen.
"Diess unterlag einer Fehleinschätzung: VW ist groß genug, um das hinzukriegen", sagt Autoexperte Stefan Bratzel. "Doch er hat die Rechnung ohne die eigen Kompetenzlücke gemacht. Eine solche Software für die vielen Marken zu entwickeln, das ist eine herkulische Aufgabe." VW, so erzählt man sich, habe sich einen Wertschöpfungsanteil von 60 Prozent bei Software vorgenommen. Die Ausgangslage seien etwa zehn, maximal 15 Prozent.
Auf Elektromobilität getrimmt
Zum Abschied gibt es aber durchaus auch positive Stimmen. "Ohne Diess wären wir beim Thema Elektromobilität noch in den Kinderschuhen", sagt ein Ingenieur aus der technischen Entwicklung. Dafür lohnt ein Blick zurück ins Jahr 2015, wieder auf das Werksgelände von VW in Wolfsburg. Ein großer, fensterloser Raum mit riesiger Video-Leinwand und Drehtellern, die in den Boden eingelassen sind. Diesen Ort nennen sie intern Walhalla. In der nordischen Mythologie ist damit der Ruheort gefallener Kämpfer gemeint.
Walhalla von Volkswagen befindet sich im Herzen des Designzentrums. Hier wird Vorstand, Aufsichtsrat und anderen Entscheidern in regelmäßigen Abständen präsentiert, was in einigen Jahren auf die Straße kommen soll. Damals, im Sommer 2015, kommen die Granden des VW-Konzerns mal wieder zusammen in Walhalla. Auf den Drehtellern wird die Zukunft von Volkswagen hell im Scheinwerferlicht erleuchtet. "Was ist mit den E-Autos?", fragt einer, der neu ist in der Runde. Herbert Diess, damals VW-Markenchef.
Birnen-Bauer und Hotel-Besitzer
Im September 2015 beginnt im VW-Konzern eine neue Zeitrechnung. Der millionenfache Diesel-Betrug fliegt auf. Die Stunde von Herbert Diess ist gekommen. Weg von Verbrennern, hin zu Stromern. Er trimmt den Konzern auf Elektromobilität. Ohne Wenn und Aber. Die Brennstoffzellenentwicklung am Audi-Standort Neckarsulm bremst er ein, Budget und Personal werden immer weiter verkleinert.
E-Fuels, also synthetische Kraftstoffe, um Verbrenner klimafreundlicher in die Zukunft zu führen? Hält Diess für Unsinn. Das wird sich mit seinem Nachfolger ändern: Oliver Blume forciert das Thema schon länger bei Porsche. Und Herbert Diess? Einem bisher geheimen Instagram-Account zufolge wird er nun Birnen-Bauer und Hotel-Besitzer in Spanien. Weg von Autos, Streitereien und dem nüchternen Hochhaus auf dem Werksgelände in Wolfsburg.
Zur Person
Herbert Diess wurde am 24. Oktober 1958 in München geboren. Von 1989 an arbeitete der Diplom-Ingenieur bei der Robert Bosch GmbH in Stuttgart. Im Jahr 1996 wechselte er zur BMW AG nach München. 2003 wurde Diess die Leitung von BMW Motorrad übertragen. 2007 folgte die Berufung in den Vorstand der BMW AG für das Ressort Einkauf und Lieferantennetzwerk. Im Jahr 2012 wurde er Entwicklungsvorstand der BMW AG. Von 13. April 2018 war Herbert Diess Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG und Aufsichtsratschef der Audi AG.




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