Kommentar: VW muss Porsche loslassen. Eine Chance auch für Audi
Die Bilanzwoche im VW-Konzern hat gezeigt, dass die Flucht nach vorn in Richtung E-Mobilität gelingen könnte. Für Audi Neckarsulm blieb wenig greifbares - bis auf eine Perspektive.
Das war eine turbulente Woche. Und es lag nicht an den Zahlen, die Volkswagen, Audi und Porsche vorlegten. Denn die waren weitestgehend schon bekannt. Eher sorgte die Begleitmusik für Aufsehen. Von tief unten aus dem Börsental erklommen die VW-Aktien neue Höhen, und das mit steigender Geschwindigkeit. Am Ende katapultierten zwar Zocker die Vorzugsaktien auf ein Fünfjahreshoch und Stammaktien sogar auf den höchsten Stand seit 2008. Doch es scheinen auch viele Anleger darauf zu vertrauen, dass der Wolfsburger Tanker die Kurve kriegt.
Alle auf Linie, keine zwei Meinungen mehr
Das hat mit der Strategie von VW-Chef Herbert Diess zu tun. Der hat die Technologieoffenheit im Konzern beendet und lässt alles auf die batterieelektrische Mobilität ausrichten - zuweilen auch auf Kosten von Projekten wie der Brennstoffzellenentwicklung in Neckarsulm, die ohne Not ausgebremst wurde.
Doch auch Audi-Chef Markus Duesmann ist längst auf Linie, spricht bei Fragen nach Alternativen zur Batterie nur noch von "Technologieklarheit". Und diese Klarheit ist ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt für die Kommunikation nach außen wie nach innen. Jetzt wissen alle, wo es hingeht, also volle Kraft voraus.
Audi und Porsche haben ganz unterschiedliche Positionen
Vor diesem Hintergrund werden die Unterschiede zwischen Audi und Porsche umso deutlicher. Während Audi immer näher an die Mutter rückt, zentrale Projekte in der Digitalisierung und Elektrifizierung zwar federführend für den Gesamtkonzern vorantreibt, sich aber auch immer enger verflicht mit Schwestern und Mutter, darf und muss Porsche seinen eigenen Weg finden.
Völlige Unabhängigkeit für Zuffenhausen ist zwar undenkbar. Auch dort wartet man auf das gemeinsam entwickelte Betriebssystem der Car Software Org. Auch dort muss man Synergieeffekte nutzen, die sich aus einer gemeinsamen Elektroplattform PPE ergeben. Doch schon bei Batterie- und Motorentechnik darf man nicht am Tropf von Wolfsburg hängen. Wendigkeit ist bei Porsche nicht nur auf der Straße essenziell.
Alle könnten profitieren
Porsche-Chef Oliver Blume hat mit 4,2 Milliarden Euro Gewinn im Coronajahr allen Grund, Selbstbewusstsein zu zeigen. Er macht auch keinen Hehl mehr daraus, dass ein Börsengang von Porsche aus seiner Sicht für alle Vorteile haben könnte. Sein Unternehmen wäre damit flexibler und finanzkräftiger. VW hätte als Großaktionär weiterhin Einfluss, könnte über die Dividenden dauerhaft auch finanziell von der guten Entwicklung in Zuffenhausen profitieren.
Vor allem aber würde der Börsengang viel Kapital in die Kassen spülen, das in der derzeitigen Transformation dringend benötigt wird. Erst mit der Aktienrallye der vergangenen Woche konnte die Marktkapitalisierung von VW die 100-Milliarden-Euro-Marke überschreiten. Damit war der Gesamtkonzern an der Börse erstmals wieder höher bewertet als seine Tochter Porsche allein.
Neckarsulm muss auf Rückendeckung aus Ingolstadt hoffen
Für Audi wäre Porsches Börsengang die Chance, wieder die erste Geige im Konzert der VW-Marken zu spielen. Es ist nachvollziehbar, dass Volkswagen nicht zwei Töchtern die große Unabhängigkeit zubilligen kann, während Auslandstöchter streng auf Linie gebracht werden müssen. Sobald aber Porsche wieder eigene Wege geht, darf Audi auf eine etwas längere Leine hoffen. Als die eine, feine und profitable Premiummarke im Konzern wäre Ingolstadt verantwortlich für die Innovation im Gesamtkonzern - und bräuchte dafür eigentlich auch wieder mehr Gestaltungsspielraum.
Das wäre für Neckarsulm eine riesige Chance. Beim Geschacher um die Verteilung neuer Modelle hatte der Standort zuletzt mehrfach eine Niete gezogen. Auf Dauer lässt sich das nicht verkraften. Know-how ist flüchtig.
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