Trotz PFAS: Solvay investiert weiter in den Standort Bad Wimpfen
Mit der Diskussion um gefährliche PFAS rückte auch Bad Wimpfen in den Fokus. Das Chemieunternehmen glaubt an eine Zukunft und will auch weiter daran arbeiten, weniger Stoffe in die Umwelt abzugeben.

Mit einem traditionellen Solewurstessen wurde vergangene Woche im Chemiewerk von Solvay in Bad Wimpfen an die Anfänge vor mehr als 200 Jahren gedacht. Auf Salz und Sole geht hier alles zurück. Erst mit dem Aufschluss des Flussspats zu Fluorwasserstoff 1963 war der erste Produktionsschritt in die Fluorchemie getan. Mit der Weiterverarbeitung in verschiedene organische und anorganische Produkte hat sich der Standort bis heute gut weiterentwickelt.
Von einem kompletten Verbot wäre Solvay auf jeden Fall betroffen
Das Element Fluor bringt nun allerdings auch ein Problem mit sich. Denn fluorierte Chemikalien, genauer gesagt die per- und polyfluorierten Stoffe (PFAS), sind unter bestimmten Bedingungen für Mensch und Umwelt hochproblematisch. Die EU plant deshalb, sie komplett zu verbieten. Die Trifluoressigsäure (TFA) und ihre Derivate, die in Bad Wimpfen hergestellt werden, sind solche fluorierten Moleküle, die gemäß der OECD-Definition als PFAS eingestuft werden. Es handelt sich dabei jedoch nicht um fluorierte Tenside, die deutlich kritischer zu sehen sind, und sie enthalten auch nur wenige Kohlenstoffatome. Diese Substanzen reichern sich nicht im menschlichen Körper an.
Auf Anfrage erklärt Solvay, dass die Stoffe nach ihren Eigenschaften, ihrem toxikologischen Profil und Verwendungszwecken unterschieden werden sollten. Was ein vollständiges Verbot für den Standort Bad Wimpfen bedeuteten würde, möchte sich wohl auch bei Solvay niemand so genau ausmalen. Man warte auf Klärung, heißt es auf Anfrage.
Die größten Investitionen des Jahrzehnts
Werkleiter Norbert Haas sieht grundsätzlich eine sehr gute Zukunft mit den Vorprodukten aus Bad Wimpfen. "Das hier gewonnene Element Fluor ist eines von gut 100 existierenden Elementen. Und allein daraus lässt sich schon erahnen, wie groß und vielfältig die Anwendungen sind."
Aktuell werden mit einer Erweiterung der Trifluoracetylchlorid-Anlage und dem Neubau einer Fluorwasserstoff-Anlage die beiden größten Investitionen des Jahrzehnts umgesetzt. Außerdem werde aktuell ein Plan erarbeitet, sämtliche TFA-Emissionen in absehbarer Zeit auf null zu reduzieren, wie es heißt.
Die organischen Vorprodukte auf TFA-Basis werden zumeist zu pharmazeutischen und agrochemischen Produkten verarbeitet. So enthalten etwa 50 Prozent aller neuen Medikamente und 20 Prozent der Pflanzenschutzmittel Fluor, das die Effekte anderer Wirkstoffe verstärkt.
Die anorganischen Produkte werden zu einem großen Anteil in der Automobilindustrie verwendet. Hier ist insbesondere die in Bad Wimpfen erzeugte Nocolok-Produktgruppe zu nennen, mit der Solvay Weltmarktführer bei Flussmitteln zum Aluminiumlöten ist. Auch bei der Erzeugung von Computerchips, Halbleitern oder Solarzellen spielt Fluor eine Rolle.
Das Werk
220 Meter breit und 950 Meter lang ist das Solvay-Firmengelände neben dem Neckar in Bad Wimpfen. Gegründet wurde es als Saline Ludwigshalle durch Carl Christian Friedrich Glenck im Jahr 1817. Ab 1960 beteiligte sich die Kali-Chemie AG an der Saline. 1989 übernahm die inzwischen 160 Jahre alte Solvay-Gruppe aus Belgien die Kali-Chemie und damit auch Bad Wimpfen. Heute arbeiten am Standort 340 Mitarbeiter, davon 26 Auszubildende.
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