Stimme+
Pulverdingen/Leingarten

Stromleitungen: Netzausbau trifft in Baden-Württemberg auf mehrere Hindernisse

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

EnBW-Vorstand Dirk Güsewell benennt die zentralen Probleme beim Umbau des Leitungsnetzes in Baden-Württemberg, der für die Energiewende notwendig ist. Benötigtes Personal und Schwierigkeiten bei den Lieferketten sind nur zwei der Herausforderungen.

Das 380-Kilovolt-Feld des Umspannwerkwerks Pulverdingen muss verdoppelt werden, um den Anforderungen der Energiewende zu genügen. Die EnBW investiert hier einen dreistelligen Millionenbetrag.
Das 380-Kilovolt-Feld des Umspannwerkwerks Pulverdingen muss verdoppelt werden, um den Anforderungen der Energiewende zu genügen. Die EnBW investiert hier einen dreistelligen Millionenbetrag.  Foto: Fritze, Heiko

Ein leichtes Brutzeln ist zu hören, dort, wo die Masten stehen und die Leitungen hängen. Das 380-Kilovolt-Feld ist eine gefährliche Zone. Aber auch schon für das 220-Kilovolt-Feld, wo nur ein leichtes Summen aus den Transformatoren zuhören ist, gibt Fred Oechsle, Anlagenmanager Strom bei Netze-BW, die Warnung heraus: "Die Arme nicht über Brusthöhe heben." Keiner der Besucher soll schließlich zum Blitzableiter werden.

Dabei führt der Weg für EnBW-Vorstand Dirk Güsewell, zuständig für die Netze des Energiekonzerns, bei dem Pressetermin mitten durch die hohen Gestänge voller Isolatoren, Schalter und Leitungen. Seit Mai wird das Umspannwerk zwischen Pulverdingen und Markgröningen umgebaut. Zehn Jahre sind dafür veranschlagt und ein dreistelliger Millionenbetrag, dessen Höhe noch noch gar nicht genau bezifferbar ist – weil niemand weiß, was ein Transformator in ein paar Jahren kosten wird.


Mehr zum Thema

Das neue Gaskraftwerk entsteht direkt neben dem Kohle- und Müllkraftwerk von Stuttgart Münster. 2025 soll es in Betrieb gehen.
Stimme+
Nach Ansicht von EnBW-Vorstand
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Nicht nur in Heilbronn: Es müssen noch viel mehr Gaskraftwerke gebaut werden


Der Höchstspannungsbereich muss für die Energiewende erweitert werden

Fest steht nur: Das 380-Kilovolt-Feld, der Höchstspannungsbereich, muss für die Energiewende erweitert werden. Seine Fläche wird nahezu verdoppelt, um künftig sowohl die Energieerzeugung aus Windkraft und Photovoltaik zu verarbeiten als auch den durch E-Mobilität und Wärmepumpen steigenden Verbrauch befriedigen zu können.

Deutschlandweit werde sich der Verbrauch bis 2045 von 550 auf 1000 Terawatt verdoppeln, sagt Güsewell. "Es ist sehr klar erkennbar, wohin die Reise gehen wird. Wir stehen vor einem Generationenprojekt. Wir müssen die Kapazität für diesen zusätzlichen Bedarf schaffen." Dabei stünden alle Netzbetreiber und Energieversorger vor den gleichen vier Herausforderungen, macht der Vorstand deutlich.

Knapp zwei Milliarden Euro hat die EnBW letztes Jahr ins Stromnetz investiert

Da ist zum einen die Finanzierung - die EnBW steckte alleine vergangenes Jahr 1,9 Milliarden Euro in Netzausbauprojekte, 60 Prozent aller Investitionen und doppelt so viel wie im Schnitt der Vorjahre, sagt Güsewell. Und für den weiteren Ausbau sei eine nochmalige Verdopplung nötig. Das heiße aber auch: "Nur finanziell leistungsfähige Netzbetreiber werden diese Herausforderungen managen können."

Dirk Güsewell ist im Vorstand der EnBW für den Betrieb und den Ausbau aller Netze zuständig. Er sieht vier Herausforderungen für Netzbetreiber.
Dirk Güsewell ist im Vorstand der EnBW für den Betrieb und den Ausbau aller Netze zuständig. Er sieht vier Herausforderungen für Netzbetreiber.  Foto: Fritze, Heiko

Zweiter Punkt sind die Lieferketten: Die Hersteller von Komponenten für Umspannwerke und Stromnetze sind so stark ausgelastet, dass manche Geräte, etwa Transformatoren für Offshore-Anlagen, bis zu sieben Jahre Lieferzeit haben. "Die Auftragsbücher sind einfach randvoll", erzählt Güsewell. "Die Lieferanten müssen mitwachsen, sonst schaffen wir den Zeitplan nicht."

Allein 3000 Kilometer Hochspannungsleitungen in Baden-Württemberg müssen ertüchtigt werden

Die EnBW selbst muss aber auch Personal aufstocken, führt Güsewell als dritten Punkt an: 5000 Beschäftigte müssen ersetzt werden, die in den nächsten Jahren in Ruhestand gehen, aber es müssen auch 2500 Mitarbeiter zusätzlich eingestellt werden. Und schließlich müssten auch die Genehmigungsverfahren schneller werden. "Zum Teil hängen wir da schon seit zwölf Jahren drin", berichtet der Vorstand. "Eine Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien ist wichtig - aber wir dürfen das Netz dabei nicht vergessen."

Der Ausbau des Umspannwerks Pulverdingen ist dabei nur eine Baumaßnahme von vielen, macht Fred Oechsle deutlich. Alleine in Baden-Württemberg müssten 65 Prozent der Hochspannungsleitungen ausgebaut werden, da sie mit immer mehr erneuerbaren Energien aus Norddeutschland zu überlasten drohen - insgesamt 3000 Kilometer Strecke. Außerdem müssten fast alle großen Umspannwerke - 95 Prozent von etwa 300 im Land - erweitert werden. Und etwa 50 bis 100 neue müssen hinzukommen, berichtet er. Einige zigtausend Kilometer neue Stromleitungen müssten verlegt, einige tausend neue Trafostationen in den Kommunen errichtet werden. "Da sind wir auf rasche Genehmigungsverfahren angewiesen", sagt Oechsle. "Und auf Flächen von privaten Grundstückseigentümern."

Reservekraftwerke sind nötig

Der von der Bundesregierung auf 2030 vorgezogene Kohleausstieg beschleunigt nun alles noch mal, ergänzt Olaf Sener von Transnet BW. Zumal die Stromversorgung nicht ausschließlich mit Erneuerbaren funktionieren werde. "Wir sind weiter der Meinung, dass es einen gewissen Kraftwerks-Reservepark braucht."

Das Umspannwerk Leingarten wird zurzeit gleich in zweifacher Hinsicht umgebaut: Zum einen entsteht dort der Konverter als Endstation des Suedlink-Kabels, das Windstrom von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg bringen soll. Zum anderen wird die Anlage seit 2017 ebenfalls umgebaut. Transnet BW investiert dazu 60 Millionen Euro. Dabei wird eine zweite Schaltanlage für 380 Kilovolt gebaut. Zum Projekt gehören auch ein neues Betriebsgebäude, eine neue 110-KV-Schaltanlage und ein neuer Transformator.

 
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben