Investorenverein Venture Forum Neckar löst sich auf
Der Verein hat sich einst einen Namen in der Start-up-Szene weit über die Grenzen der Region hinaus gemacht. Doch inzwischen haben sich die Rahmenbedingungen – nicht nur in Heilbronn – geändert. Das Erbe ist beachtlich.

Die Pioniere der Start-up-Szene in Heilbronn machen Schluss: Nach 21 Jahren löst sich der Investorenverein Venture Forum Neckar (VFN) mit seinen 35 Mitgliedern auf. Vorsitzender Stefan Reineck und Geschäftsführerin Tanja Bockaj kümmern sich dann um eigene alte und neue Projekte, wie sie im Gespräch mit dieser Zeitung erläutern.
Als Heilbronn noch keine Start-up-City war
Es ist eine andere Zeit, von der Stefan Reineck bei seinem Rückblick erzählt. Der promovierte Physiker war schon in den 1980ern im Silicon Valley, übernahm eine Telekom-Firma in Neckarbischofsheim und widmete sich nach dem gewinnbringenden Verkauf 1999 der Investorentätigkeit. Heilbronn befand sich damals noch am Anfang seiner Transformation von alter Industriestadt zu dem, was heute mit Schlagworten wie Wissensstadt, Start-up-City und Heimat des KI-Zentrums Ipai umschrieben wird.
"Es gab keine Uni, keine finanzielle Unterstützung für Gründer", erzählt Reineck. Also schaute er sich anfangs vor allem in München um, wo nicht nur Siemens und BMW die Szene unterstützten.
Mit der Innovationsfabrik IFH keimte aber auch in Heilbronn ein erstes Pflänzchen. Deren damaliger Geschäftsführer Thomas Villinger und der kürzlich verstorbene, ehemalige Knorr-Manager Axel Krauss waren treibende Kräfte, auch in Heilbronn eine Risikokapital-Szene entstehen zu lassen.
"Ich war ja ein Zugezogener, nicht gut vernetzt in der Maultaschen-Connection", sagt Reineck. Doch mit Vorträgen bei den Rotarys, Lions und anderen Netzwerken sollte sich das ändern. "Das war Basisarbeit, wir wurden oft verständnislos angeschaut."
Viele bekannte Namen unter den Gründungsmitgliedern
2002 wurde der Verein gegründet. Mit dabei waren neben Reineck, Krauss und Villinger auch Persönlichkeiten wie Helmut Steeb, Gründer der All for One Group, Bechtle-Gründer Ralf Klenk, Stimme-Verleger Tilmann Distelbarth und Thomas Philippiak, Gesellschafter von EBM-Papst und etwas später auch IHK-Präsident. Innerhalb weniger Jahre wuchs der Verein auf 50 Mitglieder. Er sollte eine Plattform werden, auf der man sich gemeinsam interessante Start-ups anschaute, teilweise auch gemeinsam investierte.
Vergleichbare Einrichtungen hat es damals im weiten Umkreis offenbar nicht gegeben. Nicht in Mannheim oder Stuttgart, nicht in Nürnberg oder Würzburg. Das Venture Forum Neckar machte sich somit einen Namen weit über die Region hinaus, bis in die Schweiz und nach Österreich.
"Falk Strascheg, Grandseigneur der deutschen Business-Angel- und Start-up-Szene, hat damals erkannt, dass bei uns zwar die Universitäten fehlen, aber die Entwicklung dafür von den Unternehmen mitgetragen wird", so Reineck.
Heute kann sich jeder selbst nach Start-ups umschauen
Die Venture-Capital-Welt hat sich in den vergangenen Jahren allerdings verändert. Mit Investments von 30.000 oder 50.000 Euro komme man nicht mehr in den Bereich, um sich an einem Start-up zu beteiligen, erklärt Reineck. Zudem habe sich Heilbronn verändert. Wer als Investor Start-ups sucht, braucht keinen Verein mehr. "Die können jetzt direkt bei den Campus Founders vorbeischauen."
Das Venture Forum Neckar habe aber eine zentrale Rolle dabei gespielt, was in Heilbronn derzeit entsteht. Viele der Männer der ersten Stunde hätten Zugang zu Dieter Schwarz gehabt, der zwar selbst nie Mitglied wurde, aber wohl sehr genau beobachtete, was da vor sich geht.
"Tom Villinger, heute Geschäftsführer des Zukunftsfonds Heilbronn, hat mal gesagt, ohne uns hätte es den Zukunftsfonds nicht gegeben", so Reineck. Villinger, bis zuletzt auch stellvertretender Vorsitzender, bestätigt das. "Ich habe schon eine Träne im Knopfloch. Wir dürfen das, was das Venture Forum hier geleistet hat, nicht vergessen."
Der Verein wird nun aufgelöst. Die Kosten sind gedeckt. Für Reineck (71) geht eine "wertstiftende" Zeit zu Ende. Persönlich werde er sich weiter für Start-ups engagieren. Tanja Bockaj will der Start-up-Szene ebenfalls treu bleiben.
Beteiligt an bekannten Namen
Während viele andere Netzwerke damals von ihrer Stadt oder IHK unterstützt wurden, finanzierte sich das Venture Forum Neckar (VFN) immer selbst. Rund 100.000 Euro standen für die Geschäftsführung und die Veranstaltungen zur Verfügung. Jeden Monat wurden teilweise Start-ups eingeladen. Eines der größten Investments war vor mehr als zehn Jahren Extoll in Mannheim, erzählt Tanja Bockaj. Für das Unternehmen, das sich mit Halbleiter- und Quantentechnik beschäftigt, kamen mehr als eine Million Euro zusammen - und es sei lukrativ für die Beteiligten gewesen. Auch in Pallas Ludens wurde investiert, bevor das Start-up von Aleph-Alpha-Gründer Jonas Andrulis 2016 an Apple verkauft wurde. Ebenso sind VFN-Mitglieder am Karlsruher KI-Start-up ThingsThinking des Bad Friedrichshallers Sven Körner beteiligt. Drei bis sechs Investments pro Jahr waren üblich.
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