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Erster Standort in Böckingen: Wie aus dem Nichts eine große Hotel-Kette entstand

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Ihsan und Yonca Yalaz übernahmen 2002 ein insolventes Heilbronner Hotel. Heute ist daraus eine Gruppe mit 50 Standorten in Mitteleuropa geworden – darunter ein echtes Juwel an der Ostsee.

In mehreren deutschen Großstädten ist das Heilbronner Unternehmen inzwischen mit eigenen oder gepachteten Standorten vertreten. Bremen kam wie Timmendorfer Strand in den vergangenen zwei Jahren hinzu.
In mehreren deutschen Großstädten ist das Heilbronner Unternehmen inzwischen mit eigenen oder gepachteten Standorten vertreten. Bremen kam wie Timmendorfer Strand in den vergangenen zwei Jahren hinzu.  Foto: Plaza Hotel Group

Es war immer ihr Traum, in die Hotellerie zu gehen. Dabei stammten sie gar nicht direkt aus der Branche: Yonca Yalaz arbeitete zuvor als Pharmareferentin für Dentaltechnik, ihr Mann Ihsan Yalaz hatte nach der Ausbildung zum Industriemechaniker Betriebswirtschaft an der Hochschule Heilbronn studiert, dann ein Hotel an der Mosel geleitet.

Als 2002 das Hotel Kastell in Heilbronn-Böckingen pleite ging, entschlossen sich die beiden zum Sprung ins kalte Wasser: Sie übernahmen den Betrieb und machten sich daran, ihn wieder rentabel zu machen. Damals waren sie gerade mal 34 und 28 Jahre alt.


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Kastell in Böckingen: Wohl erstes Heilbronner Hotel mit WLAN

Heute lässt sich sagen: Es ist ihnen gelungen. Das Hotel Kastell mit anfänglich 64 Zimmern stellten sie rasch wieder auf die Beine. "Wir haben eine Analyse gemacht, was das Hotel braucht und welches Potenzial es hat", erzählt Ihsan Yalaz. "Wir waren dadurch wohl das erste Hotel in Heilbronn mit WLAN." 2009 wurde zum Gebäude mit ausschließlich Einzelzimmern ein Bau mit Doppelzimmern hinzugefügt. "Das war, was gefehlt hat", sagen sie heute. "Wir haben die Banken überzeugt mit unseren Zahlen. Und wir haben viele Stammgäste aufgebaut."

Es folgte der Ansporn, sich für Krisen zu wappnen. Für das Ehepaar Yalaz hieß das: weitere Standorte hinzugewinnen, um bei einer Flaute in Heilbronn mit anderen Regionen ausgleichen zu können. So kam es 2009 zur Anpachtung von zwei insolventen Betrieben in Ditzingen und Filderstadt. 2012 ging es nach Braunschweig, 2014 an den Kurfürstendamm in Berlin. Im selben Jahr übernahmen sie die Mietverträge von gleich zwölf Hotels der Amedia-Gruppe in Österreich.

Das Ehepaar Yalaz: Mit einem Hotel in Böckingen fing die Erfolgsgeschichte an.
Das Ehepaar Yalaz: Mit einem Hotel in Böckingen fing die Erfolgsgeschichte an.  Foto: Plaza Hotel Group

Die Heilbronner traten da schon längst unter der eigenen Marke Plaza Hotel auf. 2016 war die Gruppe auf 24 Häuser angewachsen. 2019, im Jahr vor der Corona-Krise, wurde der bisherige Umsatzrekord mit 110 Millionen Euro erreicht.

Mitarbeiter wurden während der Corona-Pandemie gehalten

Die Pandemie bremste dann die weitere Expansion ab. Doch in den Phasen von Lockdown und Öffnung unter Einschränkungen gingen Ihsan und Yonca Yalaz anders vor als viele Wettbewerber. "Wir haben alle Beschäftigen in unseren damals 41 Hotels behalten", erzählt die Geschäftsführerin. "Wir haben alle zwei Wochen Videokonferenzen abgehalten. Jeder konnte mit seinen Sorgen zu uns kommen. Wir haben den Mitarbeitern immer vermittelt, dass es weitergeht. Denn mit Ängsten sollte man die Mitarbeiter nicht alleine lassen."

Die Folge: Als die Betriebe wieder öffnen durften, war das Personal nahezu vollständig an Bord, alles konnte wieder in vollem Umfang starten. "Das ist für mich eine echte Erfolgsstory", sagt die Geschäftsführerin. Dass dann das Unternehmen zum besten Arbeitgeber seiner Branche in einer Umfrage von "Stern" nach Statista-Daten gewählt wurde, sehen die Inhaber als nachträgliche Bestätigung ihres Kurses: "Ein gutes Team aufzubauen dauert Jahre. Das wirft man nicht so einfach weg."

Hotelgruppe trennt sich von sechs unwirtschaftlichen Standorten

Eines der bekanntesten Objekte im Portfolio der Plaza Hotels ist das Hochhaus am Timmendorfer Strand an der Ostsee. Das Gebäude gehört seit zwei Jahren zur Heilbronner Gruppe.
Eines der bekanntesten Objekte im Portfolio der Plaza Hotels ist das Hochhaus am Timmendorfer Strand an der Ostsee. Das Gebäude gehört seit zwei Jahren zur Heilbronner Gruppe.  Foto: Plaza Hotel Group

Einige Einschnitte gab es dennoch: 2021 trennte sich die Gruppe von sechs unwirtschaftlichen Standorten. Dafür gewann sie in den folgenden Monaten acht neue hinzu. Und darunter ist ein echtes Juwel: Das Hotel-Hochhaus am Timmendorfer Strand. "Das kennt jeder", hat Yonca Yalaz festgestellt. Auch hier hatte sich der Betrieb festgefahren. Die neuen Inhaber investierten mehrere Millionen Euro in das Gebäude. Nun sei es wieder gut ausgelastet - und auch die Einheimischen kämen wieder, weil dort endlich wieder etwas los sei. Den Beweis hat die Geschäftsführerin erst vor wenigen Wochen als Video erhalten. Mit einem gewissen Stolz zeigt sie ihn gerne herum.

Inzwischen ist die Plaza Hotelgroup auf 50 Hotels in Deutschland, Österreich und den Niederlanden angewachsen und zählt damit zu den fünf größten familiengeführten Hotel-Unternehmen in Deutschland. 1700 Mitarbeiter werden beschäftigt. 2022 lag der Umsatz wieder bei 95 Millionen Euro. Dieses Jahr sei die Belegung bereits wieder auf Vorkrisenniveau, berichtet Ihsan Yalaz. "Wir können die Inflation ausgleichen. Wir sind mit den Zahlen zufrieden."

Geschäftsleute unter den Gästen: Tagungen boomen wieder

Die Gestaltung der Inneneinrichtung ist eher modern als verschnörkelt und auf alt getrimmt. Hier die Lobby des Plaza-Hotels in München.
Die Gestaltung der Inneneinrichtung ist eher modern als verschnörkelt und auf alt getrimmt. Hier die Lobby des Plaza-Hotels in München.  Foto: Plaza Hotel Group

Die Kunden unterscheiden sich zwar je nach Standort - mal sind es eher Geschäftsleute, mal Touristen, mal ist es je nach Wochentag oder Monat gemischt. Tagungen boomten wieder, bekräftigt er. "Alle hatten vorhergesagt, Tagungen und Messen würden sterben nach Corona. Aber das Gegenteil ist der Fall. Außendienstler bleibt Außendienstler – man muss sich treffen", ergänzt Yonca Yalaz. "Man kann nicht das Verkaufsteam eines Konzerns per Videokonferenz motivieren".

Für die Zukunft plant das Unternehmer-Paar mehr Digitalisierung. Den Wegfall des Meldescheins sieht es daher positiv. "Asien und Amerika sind uns weit voraus. Das wird jetzt wieder aufgeholt", erwarten sie. Was weiteres Wachstum angeht, bleiben Ihsan und Yonca Yalaz pragmatisch. "Wir haben keine festen Ziele", sagen sie. "Gier frisst Hirn – man muss sich alles mit Bedacht ansehen, immer mit Vorsicht. Wenn es passt, nehmen wir es, aber nicht, um Größe zu zeigen." Und Yonca Yalaz fügt hinzu: "Alles, was man mit Liebe macht, wird gut." Die einstige Pharmareferentin hat selbst jahrelang aus dem Koffer gelebt. "Reisende sind einsame Menschen", hat sie da erfahren. "Wenn sie in ein Hotel kommen, sollten sie sich wie zu Hause fühlen."

 


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