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"Es passte nicht mehr zwischen uns": Warum Ex-Chef Frank Lehmann Kaufland verließ

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Frank Lehmann erlebte die "wilde Zeit" und arbeitete sich bei Kaufland bis zum Vorstandschef hoch. Doch dieser Berufsweg scheiterte – vor allem aus einem Grund.

Ansturm in einer Filiale: Frank Lehmann erlebte die Zeit ab der Wende bei Kaufland.
Ansturm in einer Filiale: Frank Lehmann erlebte die Zeit ab der Wende bei Kaufland.  Foto: Fritze (klein)/Archiv-HSt (groß)

Es ist schon immer sein Ding gewesen. "Von den Jungs meiner Abgangsklasse sind knapp 80 Prozent auf die Zeche", erzählt Frank Lehmann. Er jedoch nicht: Der Realschul-Absolvent begann in seiner Heimat eine Ausbildung bei Rewe in Dortmund, als Einzelhandelskaufmann. Seitdem hat ihn die Branche nicht mehr losgelassen: Über Berlin ging es zur Schwarz-Gruppe – und heute ist der 59-Jährige erfolgreicher Berater für Themen des Lebensmittel-Einzelhandels.

Handel kann knallhart, aber auch großzügig sein. Der Bad Wimpfener verkörpert beides: entschlossen, aber auch zugänglich ist seine Gesprächsstrategie. Kaufmännisch kalkulierend und dennoch offen für Genuss.


Und wenn er dann von seinem Werdegang erzählt, erscheint die Laufbahn ja auch ganz logisch: Von Rewe ging es 1984 nach West-Berlin zur Karstadt. In ein Warenhaus, dass auf eine Millionenstadt zugeschnitten war – nämlich riesig. Lehmann entwickelte das Food-Geschäft bei Karstadt in Berlin mit seinem Team – "das war eine ganz tolle, wilde Zeit", erzählt er. Es gab reichlich Weiterbildungsangebote im damals sehr erfolgreichen Kaufhaus-Unternehmen.

Aufstieg in die Vorstandsebene bei Kaufland: Frank Lehmann nutzt die Wende 

Und dann kam die Wende. Während die Umsätze nochmals in ungeahnte Höhen schossen, dank der zusätzlichen Kunden aus Ost-Berlin, machte sich jemand Neues in der Region breit: Auf 12.000 Quadratmeter Fläche hatte Kaufland bei Marzahn ein Zelt aufgestellt und verkaufte 5000 verschiedene Artikel von der Palette. Frank Lehmann sah sich das Treiben eines Tages an und entschied für sich: "Das ist die Zukunft."

Er wechselte zu den Neckarsulmern, die damals die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, nach Ostdeutschland expandierten und bald darauf auch nach Osteuropa. Von Prag aus organisierte Lehmann 1996 für sie den Start in Tschechien und somit den ersten Auslandsmarkt für Kaufland – so sehr zur Zufriedenheit der Unterländer Leitung, dass er zuständig für das gesamte Osteuropa-Geschäft wurde, dann in den Unternehmensvorstand aufrückte und schließlich, 2011, an die Spitze des Kaufland-Gesamtvorstands gelangte.

"Es passte nicht mehr zwischen uns beiden": Lehmann verlässt Kaufland wegen Klaus Gehrig

Die Zeiten waren jedoch härter geworden, um das Kaufland-Konzept wurde intern diskutiert, und dann war da ja noch Klaus Gehrig, der im Jahr 2023 seinen 75. Geburtstag feierte: Der Leiter der Schwarz-Gruppe war für hartes Durchgreifen, aber auch für impulsive Entscheidungen bekannt.

Eines Tages, im Oktober 2015, stand fest: "Es passte nicht mehr zwischen uns beiden." Er verließ Kaufland. Und sagt heute trotzdem: "Wir sind nicht im Streit auseinandergegangen."

Nach einem Jahr Pause: Kaufmann Frank Lehmann will wieder in die Branche zurück

Es folgte ein Jahr Pause. "Ich habe mich ein bisschen sortiert, ein bisschen frei gemacht, ein paar Vorträge gehalten", erzählt Lehmann. Doch klar war für ihn: Der Branche wird er nicht den Rücken kehren. Die Vorträge drehten sich bereits um die Entwicklung des Lebensmittel-Einzelhandels in der Zukunft – insbesondere, was die Rolle des E-Commerce angeht.

Schließlich sprach hier jemand, der mehr als drei Jahrzehnte in dieser Branche tätig gewesen war und an der Spitze von Kaufland auch die Trends der Ladenkonzeption, des Sortiments, des Kundenverhaltens erahnen musste. Heute sagt er: "Corona hat dafür gesorgt, dass der Uplift beim Onlinehandel stattgefunden hat, zumindest temporär."

Weg von Kaufland, hin zur Beratung: Lehmann vermittelt sein Wissen als Handelsexperte

Kaufland spielt aber nur noch insofern eine Rolle, als Frank Lehmann mit Weggefährten aus jener Zeit hin und wieder zusammenarbeitet. 2017 hob er mit einem Partner die Firma Retail Profiling aus der Taufe. "Das ist unsere Beratungs-Boutique", erläutert der Handelsexperte: "Wir verkaufen im Endeffekt eine Zweitmeinung. Die Kunden wollen ihre Meinung um einen Menschen ergänzen, der einmal in einem Großkonzern gearbeitet hat. Das stößt zumindest eine Diskussion an."

Und das funktioniert – vom Mittelständler bis zum börsennotierten Konzern, von Deutschland bis in den Kaukasus war Lehmann schon tätig. Da geht es um Nachfolgeregelungen, Managementunterstützung, Hilfe beim Markteintritt. "Wir haben ein sehr gutes Verständnis, was der Lebensmitteleinzelhandel braucht und wie er funktioniert", meint der Ex-Kaufland-Chef. "Wir" heißt übrigens: Ein kleines Kern-Team im Büro in Bad Wimpfen und Profis aus dem eigenen Netzwerk. Zum Teil, räumt er ein, "sind alte Kollegen sehr gerne involviert".

Frank Lehmann setzt auf Digitalität: "Der größte kostenlos zu nutzende B2B-Blog des Lebensmitteleinzelhandels"

Am sichtbarsten nach außen ist aber der Blog www.supermarkt-inside.de. Quasi täglich werden Beiträge gepostet, die Autoren nehmen die Entwicklungen im Handel national und international unter die Lupe – die Schwarz-Gruppe findet da natürlich besondere Beachtung, alleine schon, weil sie größter Einzelhändler Europas ist. Der Blog ist etabliert, zählt nach eigenen Angaben 150.000 Stammleser, 3500 Abonnenten, mehr als 2,5 Millionen Nutzer im Jahr - und inzwischen, seit dem Start vor sieben Jahren, auch mehr als 5000 Beiträge. "Das ist der größte kostenlos zu nutzende B2B-Blog des Lebensmitteleinzelhandels", sagt Lehmann stolz. 

Auch als Investor aktiv: Frank Lehmann möchte "das Gewöhnliche außergewöhnlich gut machen"

Bliebe noch ein drittes Standbein - jenes, bei dem er verschwiegener wird. Der 59-Jährige bekleidet nicht nur einige Beiratsposten, sondern ist auch als Investor aktiv. In mehreren Startups sei er engagiert, erzählt er - am erfolgreichsten sei "Prep my Meal", ein Anbieter von Fertiggerichten für Sportler und Diäten. Lebensmittel, Handel – das ist auch hier das Thema. Und so fasst sein Motto alles zusammen, seine Laufbahn, seine Branche, sein Unternehmen: "Das Gewöhnliche außergewöhnlich gut machen." Das ist natürlich auch Marketing. Aber das gehört im Handel einfach dazu.

 
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