"Genuss gehört nicht zum Standardprogramm im Hohenlohischen"
Heribert Rohrbeck verlässt nach 30 Jahren den Ingelfinger Ventilhersteller Bürkert und kümmert sich nun um eine neue Leidenschaft. Von seiner Krankheit will er sich nicht unterkriegen lassen.

Nach 18 Jahren an der Spitze des Ventilherstellers Bürkert und mehr als 30 Jahren im Unternehmen geht Heribert Rohrbeck zum Jahresende in den Ruhestand. Vor wenigen Wochen machte er seine Parkinson-Erkrankung öffentlich. Im Interview gibt der 62-Jährige preis, wie er in der kleinen Gedichtform eine neue Leidenschaft gefunden hat. Es geht ihm darum, den Moment zu genießen. Und egal wie lang ein Leben auch ist - es ist zu kurz, um nur an der Oberfläche zu verharren.
Beginnen wir mit Small Talk, wie Sie ihn wohl oft erlebt haben, Herr Rohrbeck. Wie geht es Ihnen?
Heribert Rohrbeck: Da sage ich wahrheitsgemäß: gut.
Wie oft haben Sie diese Frage in den vergangenen Jahren gehört und gedacht: Was soll ich sagen?
Rohrbeck: In Amerika habe ich ein paar Mal getestet, wie die Menschen reagieren, wenn man auf das "How are you doing today?" antwortet: "Heute geht es mir nicht so gut." Da kam dann "Oh great" - die eingefahrenen Mechanismen. Deshalb meide ich Small Talk, so gut es geht.
Die Belegschaft hat erst vor Kurzem von Ihrer Erkrankung erfahren. Wie waren die Reaktionen?
Rohrbeck: Durchweg positiv, also sehr aufgeschlossen. Die Menschen, die sich mit der Krankheit nicht auskennen, haben sich teilweise vorsichtig herangetastet. Andere wollten Mut machen und haben gesagt: "Mein Opa hatte das auch, und der ist immerhin 76 geworden." Das sollte mir Mut machen. Aber ehrlich gesagt wäre es damit in 14 Jahren für mich zu Ende. Das kann alles sein, aber ich musste auch schmunzeln.
Warum?
Rohrbeck: Es hatte für mich eine gewisse Situationskomik. Ein netter Mensch möchte mir Mut machen und verwendet dazu den Tod, den alle fürchten. So verrückt das klingen mag, aber die Krankheit hat mir die Angst vor dem Tod genommen, mich bewusster für den Moment gemacht. Ich muss mich nicht mehr verstellen. Ich möchte ich sein können und das Leben genießen.
Was ist für Außenstehende aus Ihrer Sicht eine gute Herangehensweise bei dem Thema?
Rohrbeck: Mitgefühl und Interesse zeigen, positive Signale senden. Wenn ich fühle, dass ich für den anderen noch der gleiche Mensch bin, tut das gut. Denn man kann humpeln, man kann langsam und leise reden, das Wesen ändert sich nicht.
Ihr Nachfolger wird im April seinen neuen Posten antreten. Was hinterlassen Sie ihm bei Bürkert?
Rohrbeck: Von außen betrachtet: Ein gut bestelltes Haus, mit gutem Ertrag und mehr als 30 000 Kunden weltweit. Von den Zahlen, Daten, Fakten her eine sehr solide Basis. Aber was ich wichtiger finde, ist, dass dahinter eine hochmotivierte Mannschaft steht, die alles daran setzt, um das Unternehmen nach vorne zu bringen. Das ist aber keine Hinterlassenschaft.
Die Mitarbeiterzahl in der Region ist in 20 Jahren von 869 auf 2065 gewachsen. Wo sind Ihrer Meinung nach die natürlichen Grenzen hier im Kochertal?
Rohrbeck: Ich sehe keine Grenzen. Nicht, weil ich größenwahnsinnig bin, sondern weil das Unternehmen so viel Potenzial hat. Das ist noch nicht ausgeschöpft, auch nicht im Kochertal und im Rest der Region. Wir investieren gerade kräftig, in Criesbach, Gerabronn und Öhringen. Wir denken global, aber wir brauchen hier am Standort eine solide Basis. Mich stört auch die Diskussion, dass die Politik nicht genug tue, dass wir mehr Arbeitskräfte in die Region bekommen. Die Unternehmen müssen attraktiv sein, dann kommen die Leute von ganz alleine.
Dabei hilft natürlich eine positive Unternehmenskultur, von der Sie schon gesprochen haben. Ein Faktor dabei ist heute auch das Homeoffice. Warum haben Sie damit ein Problem?

Rohrbeck: Habe ich das schon einmal gesagt? Na, Homeoffice ist an sich kein Problem. Wenn ich allein im Kämmerlein sitze, dann ist es egal, wo das Kämmerlein ist. Ich vertraue den Leuten, dass sie zu Hause nicht nur mit den Kindern spielen oder mit dem Hund rausgehen. Aber Teamgeist entsteht nur, wenn man sich in die Augen sieht, wenn man sich austauschen und auch mal über ein Sachthema streiten kann. In einer Videokonferenz bemerke ich aber nicht, wenn jemand innerlich an die Decke geht.
Bürkert ist auf dem Weg zu einem Hightech-Lösungsanbieter, der Künstliche Intelligenz nutzt und Geschäfte mit Wartungsverträgen macht. Wird das Ventil irgendwann gar nicht mehr die Hauptrolle spielen?
Rohrbeck: Glücklicherweise wird das Ventil immer dann die Hauptrolle spielen, wenn es darum geht, etwas abzufüllen. Ich kann digitalisieren, ich kann Industrie 4.0 nutzen, aber es braucht ein Ventil, Sensoren und Regler, um Wasser in eine Waschmaschine oder durch eine Kaffeemaschine zu lassen. Zum Internet of Things, das Alltags- und Industrieprodukte miteinander kommunizieren lässt, hat Ministerpräsident Kretschmann mal gesagt, wir müssten aufpassen, dass uns das Internet nicht die Things wegnimmt. Da steckt viel Wahrheit drin. Die Physik lässt sich nicht digitalisieren. Solange es keine virtuelle Milch und kein virtuelles Bier gibt, wird es immer Ventile und andere haptische Dinge brauchen.
Das Unternehmen Bürkert war 30 Jahre lang Ihr Leben. Was war die größte Herausforderung? Ihr größter Erfolg?
Rohrbeck: Den Erfolg müssen andere beurteilen. Aber die größte Herausforderung war, die einmal geformte Kultur zu erhalten. Es kommen neue Leute hinzu, das Unternehmen wächst, da werden Rufe laut nach klarer Struktur, nach einem Regelwerk, nach einem Organigramm - so wie es viele andere machen. Ich wollte dabei bleiben, immer in Prozessen zu denken statt in Hierarchien. Das war teilweise sehr anstrengend, und ist es bis heute. Denn man darf Bedenken nicht wegwischen. Man muss alle mitnehmen.
Was wird Ihnen am meisten fehlen?
Rohrbeck: Die Menschen.
Sie stammen aus Freiburg, jetzt sind Sie nach Baden-Baden gezogen. Waren die Hohenloher so schlimm?
Rohrbeck: Nicht schlimm, aber sie denken sehr viel an die Arbeit. 2007 haben wir ein Systemhaus eröffnet, mit einer Dachterrasse. Es sollte möglich sein, dort gleichzeitig einen Espresso zu trinken und ein Angebot durchzugehen, zu diskutieren, zu arbeiten. Das hat sich keiner getraut. Ich musste Max Weber lesen, um den Pietismus hier etwas besser zu verstehen. Ich genieße gerne. Aber Genuss gehört nicht zum Standardprogramm im Hohenlohischen.
Sie haben während der Corona-Zeit begonnen, Gedichte zu schreiben. Wie kam es dazu?
Rohrbeck: Ich habe mich eines Tages über jemanden, der mir sehr nahe steht, geärgert. Da hatte ich das Bedürfnis, ein Gedicht zu schreiben, nur für mich. Es hat mir Luft verschafft. Am nächsten Tag dachte ich, dass ich nach dem bissigen Schmähgedicht doch etwas Positives schreiben sollte. Dann habe ich ein Gedicht an meine Frau geschrieben. Es beginnt mit "Dieses wundervolle Augenpaar". Auf einer Parkbank habe ich es ihr überreicht. Wir haben beide geweint.
Kann man es irgendwo lesen?
Rohrbeck: Tatsächlich habe ich es heimlich bei einem Wettbewerb eingereicht. Ein Jahr später wurde ich vom Frankfurter Literaturverlag angesprochen. Jetzt steht es im Band "Die besten Gedichte 2022/23".
Da wartet also noch eine zweite Karriere auf Sie?
Rohrbeck: Naja, mein Honorar für mein erstes Gedicht lag bei 50 Euro. Diese Karriere könnte also unter der Brücke enden (lacht). Nein, es macht einfach Spaß. Ich habe eine neue Leidenschaft entdeckt. Man kann mit extrem wenigen Worten komplexe Dinge ausdrücken.
Haben Sie da ein paar Zeilen zum Genuss?
Rohrbeck: Ich genieße gerne ein gutes Essen, nichts Abgehobenes, gerne bodenständig. Den Genuss mache ich aber nicht an der Menge fest, sondern an der liebevollen Zubereitung und dem Geschmack. Dazu die ersten Zeilen meines Gedichts "Genuss": Beim Essen außer Haus Sagt der Gourmand zum Gourmet Was ich auf deinem Teller seh´. Sieht fein aber viel zu klein aus Sagt der Gourmet auf Konter erpicht Bei dir seh´ ich den Teller nicht.
Zur Person
Heribert Rohrbeck (62) wuchs in Freiburg im Breisgau auf und studierte Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart. Als Entwickler arbeitete er sieben Jahre bei Rheinmetall, bevor er zu Bürkert nach Ingelfingen wechselte. Bei dem Hohenloher Familienunternehmen wurde er 2004 zum Nachfolger von Geschäftsführer Gerhard Hettinger bestellt. 2015 erhielt er die Diagnose Parkinson. Das Fortschreiten der Krankheit veranlasste ihn, zum Jahreswechsel vorzeitig seinen Posten aufzugeben. Rohrbeck ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt mit seiner Frau und ihren zwei Kindern in Baden-Baden. Aus erster Ehe hat er zwei erwachsene Kinder. Seine neue Leidenschaft, die Lyrik, mündete bereits in einen persönlichen Gedichtband, der allerdings nicht frei verkauft wird.
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