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Trotz sinkender Preise an der Börse: Der Gas-Tarif sinkt nicht so bald

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An der Energiebörse sind die Preise auf Vorkriegsniveau, doch der Verbraucher bekommt auch jetzt nicht jede Veränderung sofort zu spüren. Warum, das erklärt HNVG-Chef Frank Schupp.

Ein Monitor zeigt in der European Energy Exchange AG (EEX) in Leipzig Kursdiagramme.
Ein Monitor zeigt in der European Energy Exchange AG (EEX) in Leipzig Kursdiagramme.  Foto: Archiv/Sebastian Willnow (dpa-Zentralbild)

Die Gaspreise sinken - und nicht nur Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck freut sich darüber. Auch die Verbraucher mit Gasheizung hoffen natürlich, ihr Zuhause bald wieder etwas unbeschwerter auf Temperatur bringen zu können. Doch so weit ist es noch nicht. Denn die Preise an den Energiebörsen und die Preise der örtlichen Versorger haben sind nicht eins zu eins verbunden.

Die Gasspeicher in Deutschland sind noch immer zu 90 Prozent gefüllt. "Sie sind so voll wie selten in einem Januar", sagt Frank Schupp, Geschäftsführer des Heilbronner Gasversorgers HNVG.


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Und so kommt es zu der überraschenden Situation, dass Stadtwerke überall in der Republik das Gas, das sie beispielsweise im vergangenen Sommer zu Höchstpreisen erstanden haben, jetzt teils gar nicht benötigen.

Bestellt und nicht abgeholt?

"Wer das Gas geordert hat, muss es entweder abnehmen oder weiterverkaufen", erklärt Peter Seppelfricke, Kapitalmarktspezialist und Betriebswirtschafts-Professor an der Hochschule in Osnabrück. Angesichts der vollen Speicher könne das im Extremfall dazu führen, dass Gas am Spot-Markt, wo beispielsweise Mengen für den Folgetag gehandelt werden, ins Negative rutschen.

Das bedeutet, dass Geld an einen Abnehmer bezahlt werden muss, um es loszuwerden. "Bei Öl und Strom haben wir das schon häufiger gesehen." Die grundsätzlich vorsichtige und weitsichtige Einkaufspolitik der kleinen Versorger könne sich dann gegen sie wenden.

Im Sommer hat die Angst regiert

"Als die Preise im Sommer in die Höhe schossen, ist der Markt überhitzt. Da hat vielleicht zu sehr die Angst regiert", sagt Seppelfricke. Aber das sage sich leicht im Nachhinein. "Ich habe die Entwicklung damals auch nicht vorhergesehen."

Somit spielen die günstigen Preise noch keine Rolle für die Kalkulation des Tarifs. Auch die HNVG muss eher gewisse Mengen billig verkaufen, anstatt sich günstig eindecken zu können. "Es gibt immer eine längerfristige Mischkalkulation", sagt Schupp. Es könne nun niemand erwarten, dass jeder Ausschlag nach unten sofort weitergegeben wird.

"Unsere Kunden mussten vergangenes Jahr aber auch keine Höchstpreise bezahlen, als allein das Gas schon bis zu 34 Cent pro Kilowattstunde an der Börse kostete. Und da kämen für den Endkunden dann ja noch Netzentgelt, Steuer, Abgaben und Umlagen dazu", wie Schupp erläutert.

Es hätte damals also theoretisch bei 50 Cent und mehr liegen können. Stattdessen sei der Tarif in der Grundversorgung in zwei Stufen auf 18,5 Cent erhöht worden.

2024 könnten die Preise sinken - bis dahin wirkt die Gaspreisbremse

Schupp geht davon aus, dass frühestens Anfang nächsten Jahres die Tarife gesenkt werden können. Für den Verbraucher gibt es bis dahin allerdings die Sicherheit der Gaspreisbremse. Rückwirkend ab Januar werden - für 80 Prozent seines Vorjahresverbrauchs - nur 12 Cent pro Kilowattstunde in Rechnung gestellt.

HNVG -Geschäftsführer Frank Schupp.
HNVG -Geschäftsführer Frank Schupp.  Foto: Seidel, Ralf

Eine wichtige Voraussetzung ist dafür, dass in Europa weiterhin Gas eingespart wird. Der überdurchschnittlich warme Winter hat dazu beigetragen, dass die Bundesnetzagentur eine Gasmangellage bislang für unwahrscheinlich hält. Einschränkungen für einzelne (Industrie-)Verbraucher müssen also nicht befürchtet werden. Doch das könnte sich mit dem bevorstehenden Kälteeinbruch ändern.

Nur nicht nachlassen bei den Sparbemühungen

Mit einer gewissen Sorge blickt Frank Schupp deshalb auch auf den Gas-Monitor für Heilbronn-Franken. Der weist zwar eine Einsparung gegenüber den Vorjahren von mehr als 20 Prozent aus. Allerdings liegt das seit Mitte Dezember vor allem am Wetter.

Der "Einfluss der Sparbemühungen" schrumpft dann auf nur noch sechs Prozent. "Ich sehe schon das Risiko, dass die Leute die Heizungen aufdrehen, wenn es kalt wird", sagt Schupp. Erst recht, wenn sie hören, dass die Speicher noch immer voll sind. Doch der Winter sei eben noch nicht vorbei.

Stabile Lage beruhigt die Preise

An der Energiebörse EEX in Leipzig, wo Gaskontrakte gehandelt werden, liegen die aktuellen Preise wieder bei unter sechs Cent pro Kilowattstunde (60 Euro pro Megawattstunde). Das ist in etwa so viel wie vor anderthalb Jahren, vor Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. Gas, das 2024 abgenommen wird, bewegt sich aktuell ebenfalls um die sechs bis sieben Cent.

Seitdem über die russischen Pipelines kein Gas mehr nach Europa kommt, konnten andere Länder die Lücke weitgehend ausgleichen. In diesem Winter fließt also mehr Gas aus Norwegen sowie über Belgien und die Niederlande nach Deutschland. So weist es der Marktgebietsbetreiber für Deutschland, der Trading Hub Europe aus. Auch aus Frankreich werden kleinere Mengen importiert. Neu eingespeist wird nun auch über die Flüssiggasterminals. Fünf hat die Bundesregierung für einen Einsatz an Nord- und Ostseeküste angemietet. Das dritte wird noch in dieser Woche erwartet.

Der europäische Verbund funktioniert aber auch umgekehrt. Gas fließt aus Deutschland etwa nach Tschechien, Polen, Österreich und in die Schweiz. In den vergangenen 30 Tagen wurden so etwa 15 Prozent des Erdgases, das nach Deutschland fließt, weitergeleitet. Auch das hängt an den Wetterverhältnissen. Die Situation in allen Nachbarländern ist der Bundesnetzagentur zufolge stabil.

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