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Beginn der Modelloffensive

Audi-Produktionsvorstand Gerd Walker: "Wir werden Neckarsulm gut auslasten"

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Audis Produktionsvorstand Gerd Walker erklärt im Stimme-Interview, wie er sich heute und in Zukunft die Fertigung vorstellt. Der 54-Jährige spricht über die Werke in Neckarsulm und Heilbronn und das neue Elektro-SUV Q6 E-tron.

Audis Produktionsvorstand Gerd Walker am neuen Q6 E-Tron, der am Stammsitz in Ingolstadt gefertigt wird.
Audis Produktionsvorstand Gerd Walker am neuen Q6 E-Tron, der am Stammsitz in Ingolstadt gefertigt wird.  Foto: Audi

Audis Produktionsvorstand Gerd Walker spricht im Interview über die beiden Standorte in der Region, nachhaltige Fertigung und das neue Elektro-SUV Q6 E-Tron.

 

Mitte März hat der neue Q6 E-Tron seine Weltpremiere gefeiert. Freut es Sie ganz besonders, dass dieses immens wichtige Modell am Stammsitz von Audi in Ingolstadt gefertigt wird?

Gerd Walker: Für einen Produktioner ist ein Neuanlauf immer wunderbar. Wir haben uns gut und ausführlich darauf vorbereitet. Qualität ist dabei für uns das wichtigste Kriterium. Und es stimmt schon: Der Anlauf des Q6 E-Tron ist besonders, weil er den Beginn unserer Modelloffensive markiert. Wir planen mit gut 20 neuen Modellen in zwei Jahren über unsere Standorte hinweg. Und da hat jetzt Ingolstadt den erfolgreichen Anfang gemacht.

 

Wie groß war der Aufwand, die Produktion des Q6 E-Tron hier in Ingolstadt vorzubereiten? Zuvor sind hier ausschließlich Modelle mit Verbrennungsmotor gefertigt worden.

Walker: Wir haben unser neues Elektro-SUV in eine bestehende Fertigungslinie integriert. Der Q6 E-Tron wird auf einer ursprünglich reinen Verbrennerlinie produziert. Das ist erst einmal keine Zauberei. Komplex und technologisch anspruchsvoll ist mit Sicherheit die sogenannte Hochzeit, wenn der Antrieb mit der Karosserie zusammengeführt wird. Gänzlich neu aufgebaut haben wir die Batteriemontage. Dort montieren rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich bis zu 1000 Hochvoltbatterien.

 


 

Lange gab es keine Anläufe von neuen Modellen, jetzt geht es Schlag auf Schlag. Besteht da nicht die Gefahr, die Mannschaften an den einzelnen Standorten zu überlasten?

Austausch über viele Themen: Audi-Vorstand Gerd Walker (links) im Gespräch mit Alexander Schnell aus der Chefredaktion der Heilbronner Stimme.
Austausch über viele Themen: Audi-Vorstand Gerd Walker (links) im Gespräch mit Alexander Schnell aus der Chefredaktion der Heilbronner Stimme.  Foto: Audi

Walker: Wir haben uns gut vorbereitet. Zum einen haben wir die Anläufe entzerrt, zum anderen haben wir viel investiert − unter anderem in die Digitalisierung. Gerade in unseren Stammwerken haben wir eine hohe Expertise für Anläufe. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind voll motiviert, die Fahrzeuge an den Start zu bringen − auch in Neckarsulm. Mit dem neuen A5 und dem neuen A7, als Nachfolger unserer Erfolgsmodelle A4 und A6, werden wir den Standort gut auslasten.

 

Apropos Auslastung. In Heilbronn ist unlängst das letzte Exemplar des Audi R8 vom Band gelaufen. Ist es denkbar, dass in den Böllinger Höfen auch ein Fahrzeug einer anderen Konzernmarke gebaut wird?

Walker: Grundsätzlich sind wir immer offen für eine Mehrmarkenfertigung im Konzern. Dafür gibt es ja heute schon Beispiele wie etwa in Zwickau, wo Modelle von Audi, VW und Cupra gefertigt werden. Die Böllinger Höfe sind natürlich ein besonderes Juwel, unser Reallabor, in dem wir die neuesten Technologien in einer kleineren Serie testen, um sie dann in die Großserie zu überführen. Unser E-Tron GT fährt in Heilbronn noch eine ganze Weile vom Band und wird uns noch viel Freude bereiten.

 

Die Auslastung eines Standorts kann man auf zwei Arten betrachten − was technisch möglich ist und zum anderen, wie viele Menschen an einem Standort beschäftigt sind. Was wird künftig die entscheidende Größe sein?

Walker: Wir brauchen beides. Wir müssen uns die Flexibilität erhalten. Das ist die große Kunst. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir schnell auf Kundenwünsche, gesetzliche Anforderungen und andere Faktoren reagieren können. Deswegen würde ich mich weder auf das eine noch auf das andere festlegen. Wir müssen uns grundsätzlich in der Produktion so flexibel wie möglich aufstellen.

 

 

Was macht den Standort Neckarsulm besonders?

Walker: Neckarsulm war schon immer die Heimat unserer Oberklassemodelle. Die Komplexität des Werks ist riesig. Und der schwäbische Fleiß ist ja fast schon legendär. Wir sind dort extrem gut aufgestellt, für alles, was noch kommt.

 

Mit der Strategie "360factory" haben Sie vor knapp zwei Jahren den Startschuss für eine Neuaufstellung in der Produktion gegeben. Tempo hoch, Kosten runter, mehr Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) sind da die wichtigsten Punkte. Wie fällt Ihre Bilanz bisher aus?

Walker: Sehr positiv. Eine Strategie für die Produktion, die 360 Grad abdeckt, also einen Rundumblick, gab es so noch nicht. Wir wollen uns stetig verbessern und einen Mehrwert für Audi, die Produktion und die Menschen, die dort beschäftigt sind, schaffen. Wirtschaftlichkeit ist aber nur ein Aspekt. Nachhaltigkeit, Attraktivität und Flexibilität sind die anderen Säulen. Für jede dieser Säulen haben wir uns Ziele gesetzt und schon große Meilensteine geschafft. Was über allem die Klammer bildet, ist die Digitalisierung. Die zahlt überall ein. Im KI-Ökosystem, das gerade in Heilbronn entsteht, haben wir als Audi die Möglichkeit, zu partizipieren und das Netzwerk aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen zu nutzen, um unsere Themen voranzubringen.

 

Stichwort Nachhaltigkeit. Gerade in Deutschland kommt das Thema Erneuerbare Energien oft nur sehr schleppend voran.

Walker: Unser Ziel steht: Alle unsere Werke sollen bis zum Jahreswechsel bilanziell CO2-neutral sein. Neckarsulm und San José Chiapa in Mexiko werden gerade noch umgestellt, in allen anderen Werken ist das bereits der Fall − zum Beispiel auch in den Böllinger Höfen in Heilbronn. Das funktioniert über viele Maßnahmen, unter anderem über die Eigenerzeugung und den Einkauf von Grünstrom.

 

Nachhaltig gefertigte Autos sind also keine Utopie mehr?

Walker: Richtig. Zum einen produzieren wir wie angesprochen nachhaltig. Wir bei Audi verwenden auch immer mehr recycelte Materialien für unsere Fahrzeuge.

 

Die Autoindustrie hat einige harte Jahre mit verschiedensten Krisen hinter sich. Mehr als einmal wurden zum Beispiel die Halbleiter knapp. Hat sich die Lage etwas verbessert?

Walker: Die Versorgungslage mit Halbleitern wird sich 2024 weiter entspannen. Wir bei Audi haben unsere Lieferketten stabilisiert und sind auch im Verbund des VW-Konzerns robust unterwegs. Wir haben aus der Pandemie viel gelernt und Prozesse angepasst.

 


Zur Person: Audi-Produktionsvorstand Gerd Walker

Gerd Walker wurde am 1. Februar 1970 in Reutlingen geboren. Von 2009 bis 2012 war Walker als Vorstandsreferent für den damaligen Produktionsvorstand tätig. Im September 2012 übernahm er die Geschäftsführung bei Audi Hungaria in Györ. Ab September 2016 wechselte er in den Konzern und übernahm die Leitung der Strategischen Produktionsplanung in Wolfsburg. Von Juli 2018 bis Januar 2022 leitete Walker die Konzern-Produktion in Wolfsburg. Seit 1. Februar 2022 ist Gerd Walker Mitglied des Vorstands der Audi AG, verantwortlich für das Ressort Produktion und Logistik.

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