Personalnot zwingt Gastgewerbe zum Wandel
Höhere Löhne und bessere Freizeitmöglichkeiten sollen die Attaktivität der Jobs in Baden-Württemberg wieder erhöhen.

Zumindest eine der beiden großen Sorgen von Gastronomen und Hoteliers in den touristischen Regionen von Baden-Württemberg löst sich nach und nach in Luft auf. Würden sie wiederkommen, die Gäste - nach den jahrelangen pandemiebedingten Einschränkungen und erschwerenden Auflagen für die Branche? Die Antwort ist: Ja.
Umsätze legen wieder zu
Zwar haben Buchungen, Auslastung und Umsätze noch nicht das Niveau der Vergleichsmonate in Vor-Pandemie-Zeiten erreicht, wie der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Baden-Württemberg für die Branche feststellt, aber der Trend ist klar: Es geht nach oben. Und das verschärft die zweite Sorge: die um das Personal.
Verkürzte Öffnungszeiten
Cafés, Restaurants und touristische Betriebe suchen überall verzweifelt nach Mitarbeitern und kürzen Öffnungszeiten zusammen. "Offene Stellen gibt es in allen Bereichen", sagt Daniel Ohl, Pressesprecher des Dehoga in Stuttgart. "Aber die Abwanderungen in der Pandemie haben sehr große Lücken gerissen, die auch angesichts der allgemeinen Arbeitsmarktsituation nicht einfach und nicht kurzfristig zu schließen sind", so Ohl.
Die monatelange Kurzarbeit mit Einkünften von nur noch 60 oder 67 Prozent des ursprünglichen Einkommens sowie die ungewissen Öffnungsperspektiven hätte Tausende Mitarbeiter veranlasst, in krisenfestere Branchen zu wechseln. "Aber es ist nicht so, dass keiner zurückkommt. Aktuell ist unser auf Mitglieder-Rückmeldungen basierender Eindruck, dass der Personalmangel zwar eine erhebliche Herausforderung darstellt, die Entwicklung aber insgesamt wieder in eine positive Richtung geht. Die Branche gewinnt Mitarbeiter hinzu, ist allerdings noch deutlich vom Vorkrisen-Stand entfernt."
Neuer Tarifvertrag bringt Verbesserungen
Die Arbeitgeber müssen mehr denn je auf die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Arbeitsplätze schauen. Dabei hilft, dass sich die Branche mit dem neuen Tarifvertrag durchaus konkurrenzfähig ist. Schon ab Juli gibt es im Gastgewerbe deutlich mehr Geld für Auszubildende und alle Lohngruppen. Ungelernte Kräfte erhalten zunächst ein Plus von 14,3 Prozent oder 12,30 pro Stunde; Fachkräfte mit abgeschlossener Ausbildung gestaffelt einen Stundenlohn von mindestens 14,30 Euro, ab Oktober 2023 von mindestens 15,50 Euro. Auch die Ausbildungsvergütung steigt. "Viele Tausend Beschäftigte werden deutlich mehr Geld bekommen, oft Hunderte von Euro mehr pro Monat", freut sich Alexander Münchow von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), "das ist nach den Corona-Einbußen und bei der aktuellen Rekordinflationen und den explodierenden Energiepreisen enorm wichtig."
Um Mitarbeiter zurückzuholen, reiche mehr Geld nicht aus, sagt Ohl. Auch wegen der hohen Arbeitsbelastung und unattraktiven Arbeitszeiten seien viele Kräfte abgewandert. Das ändert sich gerade. "Es geht um planbare Freizeit, um eine gesicherte vier- oder fünf-Tage Woche", so Ohl.



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