Das Kohlekraftwerk am Standort ist Geschichte - und doch raucht es derzeit aus den Schornsteinen. „Wir werden angerufen mit der Frage, ob wir das Kohlekraftwerk wieder hochgefahren haben“, sagt Michael Kübel. Doch das ist nicht der Fall: „Das ist nur die Gebäudeheizung“, beruhigt der Projektleiter. Einen Plan für den Rückbau der Anlage aus den 1960er Jahren gibt es noch nicht. „Aber es gibt Überlegungen, zumindest den Schornstein als sichtbares Zeichen abzureißen.“ Zumal die Wartung kostet und er ungenutzt mit der Zeit eine Gefahr darstellen könnte.
Kraftwerk Walheim: EnBW baut Ofen für den Klärschlamm der Zukunft
In Walheim baut die EnBW eine Anlage, die ab 2029 gesetzliche Vorgaben erfüllen soll. Dabei läuft gegen das Projekt eine Klage der Gemeinde. Ausgang ungewiss.
Noch ist das Herzstück nur eine Ansammlung von Einzelteilen. Die vier Segmente des Wirbelschichtofens für das Kraftwerk in Walheim liegen unweit ihres Bestimmungsortes im Inneren der Klärschlamm-Verbrennungsanlage, die das Energieunternehmen EnBW hier errichtet, auf einem Haufen im Schnee. Angeliefert per Schiff über den Neckar. Für die letzten Meter aber braucht es einen tonnenschweren Autokran.
Seit sechs Uhr stehen der Koloss und Kranführer Günther Mühleck an jedem Morgen bereit. Bis das erste Segment des Wirbelschichtofens – allein immerhin 26 Tonnen schwer – angehoben wird, vergehen allerdings noch Stunden. Und doch herrscht Hochbetrieb: Der Kran muss ausgerichtet und vorbereitet werden. „Es kommen noch 140 Tonnen Ballast auf den Kran“, sagt Mühleck. Die Gewichte stehen auf mehreren Lkw bereit, die nach und nach vorfahren.
Kraftwerk Walheim: Gemächlich schwebt erstes Segment des neuen Ofens an seinen Platz
Erst gegen Mittag ist alles aufgeladen, der Kran für große Lasten gesichert, der große Moment gekommen. Ganz gemächlich schwebt das erste Segment des Wirbelschichtofens an den Bestimmungsort, den zwölf Auflagepunkte im Inneren der noch im Rohbau befindlichen Verbrennungsanlage markieren. „Die großen Hübe sind schon etwas Besonderes“, sagt EnBW-Projektleiter Michael Kübel.
So wie im vergangenen Sommer am Kraftwerk in Heilbronn, als die mehrere hundert Tonnen schwere Gasturbine eingebaut wurde. In Walheim ist alles eine Nummer kleiner: Zusammengesetzt wird der Wirbelschichtofen letztlich 25 Meter hoch sein. Die Inbetriebnahme ist im ersten Quartal des Jahres 2028 geplant, bis dahin werden noch viele Teile ineinandergreifen müssen. Und auch der Autokran von Günther Mühleck wird schwer heben müssen.
Ab 2029 muss Klärschlamm in Baden-Württemberg thermisch verwertet werden
Am Dienstag schafft es nur das erste Teil an seinen endgültigen Einsatzort. Das zweite Segment, die Brennkammer, wird nur aufgerichtet und tags darauf installiert. „Wenn alles montiert ist, werden die Einzelteile verschweißt“, sagt Projektleiter Kübel. Später wird die Wand im Inneren des Blechofens gemauert – als Wärmeisolierung, aber auch als Schutz vor Abrasion. Zumal im Inneren einmal Sand mit hoher Geschwindigkeit umherwirbelt.
„Die großen Hübe sind schon etwas Besonderes.“
Michael Kübel
Mithilfe des Sands wird einmal Klärschlamm verbrannt. Von 2029 an muss Klärschlamm in Baden-Württemberg thermisch verwertet und der darin enthaltene Phosphor als Dünger-Rohstoff zurückgewonnen werden. So sieht es die Gesetzgebung vor. Das Kohlekraftwerk auf dem Gelände ist seit vergangenem Frühjahr außer Betrieb, die letzte Kohle wurde in den Pfingstferien nach Heilbronn gebracht. Auch dort wird Kohle bald der Geschichte angehören.
EnBW baut auf eigenes Risiko: Ein Gericht entscheidet im März über eine Klage
Die Klärschlamm-Verbrennungsanlage ist ein weiteres Puzzleteil der Energiewende. Die Freude in Walheim scheint jedoch Grenzen zu haben. Die Gemeinde hat Klage gegen die Baugenehmigung eingereicht – im März soll ein Gericht darüber entscheiden. Ausgang ungewiss. „Es gibt ein Restrisiko, dass der Klage am Ende stattgegeben wird“, erklärt eine EnBW-Sprecherin. In dem Fall müsste der Energieversorger die Anlage theoretisch zurückbauen.
Die EnBW ist aber zuversichtlich, würde sonst nicht bauen, sagt die Sprecherin. Der technische Projektleiter zeigt Verständnis, bei Veränderungen in solchen Dimensionen spielten auch Emotionen eine Rolle. Der Energieversorger versuche mit größtmöglicher Transparenz aufzuklären. Mehr als 800 Einwendungen seien zur Anlage eingegangen. „Wir hatten nach Stuttgart 21 den größten Erörterungstermin“, sagt Michael Kübel. Mehrere Tage lang hätten die Verantwortlichen den Bürgern in Ludwigsburg Rede und Antwort gestanden.
Der Antrag auf Betriebsgenehmigung wird im Laufe des Jahres eingereicht
Eine wesentliche Sorge im Zusammenhang mit Klärschlamm betrifft die Geruchsentwicklung im Ort. Kübel verweist auf das geschlossene System der Verbrennungsanlage und darauf, dass das Unternehmen auf alles geachtet habe, was Unannehmlichkeiten verursachen könnte. Eine andere Sorge der Anwohner betrifft den Verkehr auf der B27. 75 bis 90 Lkw pro Tag sollen ab 2028 den Klärschlamm aus der Region Heilbronn anliefern.
Laut EnBW befassen sich „extrem ausgiebige Gutachten“ mit dem Thema, auf einer umfangreichen Projektseite im Internet beantwortet der Energieversorger die wichtigsten Fragen rund um Bau und Betrieb der Anlage. Der Antrag auf Betriebsgenehmigung wird erst noch eingereicht. Derweil geht auf der Baustelle alles seinen Gang. Der rund 100 Meter lange Neubau soll bis Mitte des Jahres fertiggestellt sein. Der Wirbelschichtofen steht bis dahin längst – der Koloss von Autokran ist nach wenigen Tagen schon wieder verschwunden.
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare