Audi-Tochter PSW schließt Standort in Neckarsulm – auch IAV baut Stellen ab
Der Kampf um den Erhalt des PSW-Standorts Neckarsulm ist verloren. Die Audi-Tochter schließt, alle Beschäftigten verlieren ihren Job. Ein weiterer Dienstleister der Automobilbranche mit Standort in der Stadt hat ebenfalls Probleme.
Bis zuletzt haben Beschäftigte und Gewerkschaft um den Erhalt des PSW-Standorts in Neckarsulm gekämpft. Vor gut zwei Wochen tagte die Einigungsstelle zum zweiten Mal im PSW-Gebäude in der Heiner-Fleischmann-Straße, während draußen die Beschäftigten des Entwicklungsdienstleisters ihrem Protest gegen die geplante Schließung des Standorts Ausdruck verliehen.
Standortschließung in Neckarsulm: PSW einigt sich mit Gewerkschaft auf Abwicklung
Unternehmensleitung und Gewerkschaftsvertreter haben sich nun nach intensiven Verhandlungen darauf geeinigt, dass der Standort Neckarsulm geschlossen wird. Rund 100 Beschäftigte erhalten eine Abfindung. Zudem können sie sich den Angaben zufolge für den Übergang in eine Transfergesellschaft entscheiden. Dort sind sie mindestens neun, maximal zwölf Monate angestellt und können Fortbildungsmaßnahmen in Anspruch nehmen. Für zehn Beschäftigte besteht die Möglichkeit, an den Standort Gaimersheim unweit von Ingolstadt zu wechseln.
„Die Audi AG hat sich von einer Schließung nicht abbringen lassen“, sagt Gewerkschaftssekretär Christian Thym von der IG Metall im Gespräch mit der Heilbronner Stimme. „Unter den gegebenen Umständen ist es uns gelungen, ein sehr attraktives Abfindungsprogramm mit dem Faktor 1,8 auszuhandeln.“ Die Maximalsumme sei auf 190.000 Euro gedeckelt, aber nach Angaben von Thym fallen nur wenige Beschäftigte unter diesen Betrag.
„Viele Kompetenzen gehen verloren“: PSW-Mitarbeiter verlieren ihren Job in Neckarsulm
Der PSW-Betriebsratsvorsitzende Michael Koch hatte im Vorfeld zur Entscheidung immer wieder kritisiert, dass durch eine Schließung des Standorts Neckarsulm wertvolle Kompetenzen verlorengingen. „Und diese Kompetenzen kauft man dann künftig von extern ein“, mutmaßt Koch. Die Enttäuschung bei den Kolleginnen und Kollegen sei groß. „Leider haben wir auch mit dem Betriebsrat von Audi keine Lösung gefunden, um dort neue Stellen zu finden“, sagt der Betriebsratschef.
Natürlich sei der Standort Deutschland teurer als viele ausländische Standorte. Aber die Qualität sei sehr gut und habe in den zurückliegenden Jahren dazu beigetragen, dass Audi Milliardengewinne einfahren konnte. Koch zufolge sei die Entscheidung von ganz oben getroffen worden, „da war viel Politik im Spiel“. Zufriedenstellend sei zumindest, dass den Betroffenen der Übergang in ein neues Beschäftigungsverhältnis mit der Abfindung und der Transfergesellschaft etwas leichter gemacht werde.
PSW-Personalchef: „Die Entscheidung haben wir uns nicht leicht gemacht“
„Die Entscheidung, unseren Standort Neckarsulm zu schließen, haben wir uns nicht leicht gemacht. Ich kann nachfühlen, welche persönliche und berufliche Belastung dieser Schritt für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen bedeutet“, sagt PSW-Personalchef Peter Mosch gegenüber unserer Zeitung. „Deshalb war es uns wichtig, sozialverträgliche Lösungen zu finden und die Menschen bestmöglich in ihrem Übergang zu unterstützen.“ Mosch, der vor seiner Zeit bei PSW Betriebsratschef des Audi-Standorts Ingolstadt war, dankt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Neckarsulm „für ihre Professionalität und ihr Engagement in einer Zeit, die für niemanden einfach ist“.
Die Audi-Tochter PSW soll sich in Zukunft stärker auf wirtschaftlich relevante Zukunftsfelder wie Elektrik, Elektronik und automatisiertes Fahren konzentrieren. Beschäftigte aus weniger ausgelasteten Bereichen will das Unternehmen durch gezielte Qualifizierung auf neue Aufgaben vorbereiten.
Doppelte Freiwilligkeit und Mehrarbeit in Gaimersheim
Über die Einigung für den Standort im bayerischen Gaimersheim unweit des Audi-Stammsitzes in Ingolstadt wurden die Beschäftigten unseren Informationen zufolge bereits im Dezember informiert. Diese sieht eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 vor. Bis dahin sind betriebsbedingte Kündigungen in Gaimersheim ausgeschlossen.
Im Gegenzug wurde für Gaimersheim ein Stellenabbau von insgesamt rund 100 Stellen im Rahmen eines Freiwilligenprogramms vereinbart. Hierbei gilt das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit. Das bedeutet: Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer müssen zustimmen. Neben dem Verzicht auf Gehaltskomponenten umfasst die Einigung auch eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit um 0,5 Stunden auf 38 Stunden.
Sparpläne treffen auch IAV – Standort Neckarsulm betroffen?
PSW ist aber nicht der einzige Entwicklungsdienstleister, der Probleme hat. Bei der IAV GmbH könnten bis zum Jahresende bundesweit 1500 Arbeitsplätze wegfallen. Das Kürzel IAV steht für „Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr“. Die Firma mit Sitz in Berlin entstand als Ausgründung der Technischen Universität Berlin. Inzwischen ist der Volkswagen-Konzern mit 50 Prozent größter Anteilseigner.
Im Jahr 2023 entwickelten bei der IAV noch knapp 6400 Menschen Lösungen, vor allem für die Auto-Bordelektronik, Antriebsstrangtechniken und an gesamten Fahrzeugen. Das größte Entwicklungszentrum betreibt die IAV im niedersächsischen Gifhorn, unweit des Volkswagen-Stammsitzes in Wolfsburg. Es existieren aber viele Niederlassungen deutschlandweit, unter anderem in Neckarsulm sowie in Chemnitz, Sindelfingen, Nürnberg, München, Ingolstadt und Großmehring. Ob der Standort Neckarsulm betroffen sein wird, ist derzeit noch unklar.
Unsicherheit in der Automobilbranche: „Mir ist bewusst, dass wir den Menschen viel zumuten“
In mehreren Interviews nahm Jörg Astalosch, Vorsitzender der Geschäftsführung bei IAV, zumindest indirekt Stellung zu den Zahlen, die gerade im Umlauf sind. Infolge der natürlichen Fluktuation und eines Freiwilligenprogramms arbeiten derzeit bei der IAV noch rund 5500 Menschen. „Mir ist bewusst, dass wir den Menschen viel zumuten. Aber es geht dabei um die Frage, ob und wie wir die IAV zukunftsfähig aufstellen“, so Astalosch. „Es geht darum, unsere technologische Exzellenz am Standort Deutschland langfristig zu stärken.“
Den Grund für die schwindenden Aufträge sieht IAV in der Krise der Autoindustrie, die dazu führt, dass die Hersteller wieder mehr Entwicklungsarbeit im eigenen Haus ansiedelten und bei den Zulieferern den Kostendruck erhöhten. Bei IAV will man nun auch auf die Bereiche Rüstung, Landwirtschaft und Energie setzen. Gleichwohl ist es nach Angaben aus der Geschäftsleitung unabdingbar, dass man sich „verändern“ müsse.
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