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Deutsche Industrie verliert bei Digitalisierung den Anschluss

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Eine aktuelle Studie sieht China bei Zukunftstechnologien klar vorn. Deutschsprachige Länder setzen dagegen eher auf Kostenoptimierung und Effizienz. Experten sehen hier einen massiven Modernisierungsbedarf.


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Die intelligente, digital vernetzte Fabrik der Zukunft wird kommen. Doch voraussichtlich zunächst nicht in Deutschland, sondern in China, Indien, den USA und Mexiko. Das ist das zentrale Ergebnis der achten Auflage des Industrie 4.0 Barometers, das die Management- und IT-Beratung MHP gemeinsam mit der Ludwig-Maximilian-Universität München veröffentlicht hat.

Industrie 4.0 im globalen Vergleich: Warum China, USA und Indien deutlich schneller vorankommen

In der Studie wurden mehr als 1200 Personen aus Industrieunternehmen in einigen Industrieländern gefragt, wie sie neue Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI), digitale Zwillinge oder Software-Defined Manufacturing (SDM), also software-basierte Produktion, nutzen.

Das Ergebnis: Während China hier stets an der Spitze steht, landet die DACH-Region, also Deutschland, Österreich und die Schweiz, auf den hinteren Plätzen.

Studie: Software-Defined Manufacturing ist die Zukunft der Industrie

So sind in den deutschsprachigen Industrieländern lediglich drei Prozent der befragten Unternehmen mit dem Konzept des Software-Defined Manufacturing (SDM) vertraut. In China und Indien sind es dagegen jeweils 30 Prozent. „Wer Produktionssteuerung, Daten und Software nicht strategisch zusammenführt, riskiert seine Wettbewerbsfähigkeit“, warnt Markus Wambach, operativer Geschäftsführer bei MHP. Bei SDM gehe es darum, die Intelligenz von den Maschinen in die Software zu bringen. Ziel sei es, Fabriken wie ein Rechenzentrum zu betreiben.

Die Umfrage zeigt klar, dass der Digitalisierungsgrad der Industrie weiter zunimmt.  Im Vergleich zur Umfrage von 2022 erhöhte sich der Gesamtbarometerwert von 48 auf heute 68 Prozent. Während China (72 Prozent), USA (69  Prozent), Indien (68 Prozent) und Mexiko (67 Prozent) hier deutlich zulegten, stagniert die DACH-Region bei 57 Prozent und das Vereinigte Königreich sinkt sogar leicht auf 62 Prozent.

Bei der Nutzung digitaler Zwillinge liegt China ebenfalls vorn

Auch wenn es um die Nutzung digitaler Zwillinge in der Fabrik geht, liegt China klar vorn. Vor allem in der Logistik nutzen dort 84 Prozent der befragten Unternehmen digitale Zwillinge. In der DACH-Region sind es nur 42 Prozent. Eine Vorreiterrolle nimmt China gemeinsam mit Indien und den USA bei Künstlicher Intelligenz im Produktionsumfeld ein. In China nutzen 71 Prozent der Unternehmen KI, in Indien sind es 61 und in den USA 57 Prozent. Die deutschsprachigen Länder liegen hier mit 37 Prozent erneut hinten.

Ein Hauptgrund für den großen technologischen Rückstand der DACH-Länder sehen die Studienautoren in sogenannten „technischen Schulden“. Damit sind heterogene Altsysteme, fragmentierte Datenlandschaften und begrenzte Interoperabilität, also die Fähigkeit der Systeme, sich auszutauschen, gemeint. All das erschwere die Einführung neuer Technologien, betonen die Experten. Grundsätzlich sei dies leichter, wenn es um komplett neue Systeme oder Fabriken (Greenfield) gehe, als wenn solche Technologien in bereits bestehende Systeme (Brownfield) integriert werden müssten.

Das Industrie 4.0 Barometer wird seit 2018 von der Management- und IT-Beratung MHP in Kooperation mit Professor Johann Kranz von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) herausgegeben. Die Ausgabe 2026 analysiert die Aussagen von 1206 Personen aus Industrieunternehmen in der DACH-Region, im Vereinigten Königreich, in den USA, in China sowie erstmals in Indien und Mexiko. Die am stärksten vertretenen Branchen sind der Maschinen- und Anlagenbau sowie die Informations- und Kommunikationstechnologie mit jeweils 13 Prozent, gefolgt von der Automobilindustrie (10 Prozent).  Der Fragebogen erschließt die vier Themenfelder Technologie, IT-Integration, Strategie und Ziele sowie Hemmnisse und Treiber. Zusätzlich stand diesmal SDM im Fokus. Die vollständige Studie gibt es im MHP-Newsroom unter www.mhp.com/newsroom

Andere Länder investieren erheblich mehr in neue Technologien als Deutschland

Eine wichtige Voraussetzung für Digitalisierung ist der Studie zufolge eine hohe Investitionsbereitschaft. In Indien gaben 71 Prozent der befragten Unternehmen an, erhebliche Ausgaben für neue digitale Technologien zu tätigen, in Mexiko sind es 65 und in den USA 59 Prozent. „Erschreckend“ nennen die Forscher das Ergebnis für die DACH-Region, wo die Investitionsbereitschaft bei gerade mal 29 Prozent liegt.

Deutschsprachige Länder sind auf Kostenoptimierung gepolt

„Die DACH-Region fokussiert sich stark auf Effizienz und Kostenoptimierung, wodurch strategisches Potenzial für Wachstum, Flexibilität und Innovation häufig ungenutzt bleibt“, sagt Hochschuldozentin und MHP-Managerin Christina Reich. Sie sieht angesichts der Studienergebnisse Europa vor einer „massiven Modernisierungsaufgabe“.

Der zentrale Hebel für internationale Wettbewerbsfähigkeit liege im Abbau der technischen Schulden, in der Vereinheitlichung der IT- und Produktionsstrukturen sowie in der konsequenten Ausrichtung der Produktion auf softwarebasierte, skalierbare Architekturen, sagt Reich. Für sie ist klar: Software-Defined Manufacturing wird zum Gradmesser für industrielle Zukunftsfähigkeit und zum Fundament industrieller Wettbewerbsfähigkeit.

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