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Gipfeltreffen der Weltmarktführer
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Wohlstand braucht Einsatz – und eine neue Haltung zur Arbeit

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Hohe Sozialleistungen, kurze Arbeitszeiten und demografischer Wandel setzen die Wirtschaft unter Druck. Beim Gipfeltreffen wird deutlich: Ein Weiter-so kann sich Deutschland nicht leisten.


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Zweimal Gold bei Olympischen Spielen, zwölf Weltmeistertitel, dazu noch dreifache Gesamtweltcupsiegerin: Der Leistungsnachweis der früheren Biathletin Magdalena Neuner liest sich beeindruckend. Dahinter steckt viel Arbeit, wie die 38-Jährige beim Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall berichtet. Das Thema „Freude am Leisten“ ist von den Organisatoren nicht zufällig gewählt.

Angesichts der anhaltend schwachen konjunkturellen Lage im Land war in den vergangenen Wochen eine Debatte darüber entstanden, ob die Deutschen zu bequem geworden sind. In einem Interview hatte Unternehmer Reinhold Würth vor Kurzem die Ansicht vertreten, dass in Deutschland wieder mehr gearbeitet werden müsste. „Wir müssen wieder mehr schaffen in Deutschland. Wir müssen fleißiger werden“, sagte der 90-Jährige.

Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden Wohlstand nicht erhalten

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte in dieselbe Kerbe geschlagen und möchte angesichts anstehender Reformen die Eigenverantwortung stärken „Wir werden in Zukunft für die Altersversorgung, für die Krankenversicherung und für die Pflegevorsorge mehr aus eigener Kraft leisten müssen“, sagte Merz in einem Interview. „Mit einer Vier-Tage-Woche und übertriebener Work-Life-Balance lässt sich der Wohlstand unseres Landes nicht erhalten.“

Ein Thema, das auch die Chefetagen der Weltmarktführer im Land bewegt. Dass die Deutschen zu faul sind, darauf wollten sich die Teilnehmer beim Gipfeltreffen so pauschal nicht einlassen. Bei einer spontanen Umfrage in Schwäbisch Hall vor Neuners Auftritt ergab sich eher ein geteiltes Bild – genauso wie nach der Frage, ob das Recht auf Teilzeit abgeschafft gehört, sofern sie nicht zur Weiterbildung, Familien- oder Care-Arbeit genutzt werde.

Magdalena Neuner hat in ihrem Sport alles erreicht, sie gehört zu den größten Biathletinnen der Welt. Leistung habe sie immer als etwas Schönes empfunden.
Magdalena Neuner hat in ihrem Sport alles erreicht, sie gehört zu den größten Biathletinnen der Welt. Leistung habe sie immer als etwas Schönes empfunden.  Foto: Peter, Martin

Hohenloher Unternehmer Rüdinger: Leistung fällt nicht vom Himmel

Einigkeit bestand aber darin, das Renteneintrittsalter hochsetzen zu müssen. Mit Blick auf die Babyboomer, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, sagte Isabel Knauf von der Gebrüder Knauf KG: „Es ist eine Schande, dass wir sie verlieren, das sind wertvolle Arbeitskräfte.“ Den früheren Austritt aus dem Arbeitsleben sieht auch Miele-Chef Reinhard Zinkann kritisch, zumal demgegenüber ein riesiger Sozialstaat stehe: „Das funktioniert nicht“, sagt er.

Der Hohenloher Unternehmer Roland Rüdinger spricht angesichts der üppigen Sozialleistungen im Land gar von einer Flatrate und warnt: „Nur Leistung zu verteilen, ist zu wenig. Wir müssen die Leistung auch erbringen, die fällt nicht vom Himmel.“ Die deutsche Wirtschaft bewege sich auf einer Rutschbahn immer schneller abwärts. 

Deutschland habe auf dem alten Kontinent die kürzeste Arbeitszeit, die meisten Urlaubstage, erinnert auch Reinhard Zinkann: „Wir werden selbst in Europa ausgelacht“, machte er deutlich. Von China und anderen großen Volkswirtschaften ganz zu schweigen. Selbst in einer kritischen wirtschaftlichen Lage, in der es um den Wohlstand von Morgen gehe, zeige sich das Land veränderungsresistent.

Kein Niedriglohnland mehr: Unternehmer müssen mehr in Menschen investieren 

„Wir haben in Deutschland ein extremes Anspruchsdenken“, sagte Reinhard Zinkann. „Egal an welcher Stelle etwas abgeschnitten werden soll, ist das Geschrei groß.“ Die Unternehmen müssten sich dem stellen, meinte der CEO des Haushaltsgeräteherstellers und sagte mit Blick auf die Krise: „Wir müssen die Mitarbeiter mitnehmen und ihnen klar machen: Wir schaffen das.“ Isabel Knauf nahm die Unternehmer auch an anderer Stelle in die Pflicht.

Effizienz sei ein wirksames Instrument, um den Preissteigerungen am Markt entgegenzuwirken. „Deutschland wird kein Niedriglohnland mehr“, sagte sie mit Blick auf die hohen Lohnkosten. „Wir müssen Arbeitskosten nicht billiger, sondern besser machen.“ Das bedeutet für das Mitglied des Gesellschafterausschusses der Knauf KG: „Wir müssen in Menschen investieren, um unsere Produktivität zu steigern.“   

Isabel Knauf von der Gebrüder Knauf KG, sieht in der Qualifizierung von Mitarbeitern die Chance für deutsche Firmen, produktiver zu werden.
Isabel Knauf von der Gebrüder Knauf KG, sieht in der Qualifizierung von Mitarbeitern die Chance für deutsche Firmen, produktiver zu werden.  Foto: Vogt GmbH

Mehr Fokus und ein bisschen mehr raus aus der Komfortzone

Wenigstens ein bisschen raus aus der Komfortzone, wieder ein bisschen mehr fokussieren – das könnte dem Land helfen. Magdalena Neuner weiß, dass ein solcher Schritt schwer fällt, gerade in heutigen Zeiten, in denen Menschen permanent erreichbar sein müssten. Neuner hat in ihrer aktiven Karriere mit einem Unternehmenscoach gearbeitet und sich zur Resilienz-Trainerin ausbilden lassen.

Das wichtigste sei – egal ob Sport, Privat- oder Arbeitsleben – das Mindset, die Einstellung. „Viele Verbinden mit Leistung Anstrengung. Dabei kann Leistung auch was Schönes sein“, sagt Magdalena Neuner. Sie haben 13 Mal in der Woche trainiert und sagt trotzdem: „Ich finde es deutlich anstrengender, meine Steuer zu machen.“

Die niedrigsten Arbeitszeiten in Europa, dazu hohe Energiekosten und eine überbordende Bürokratie belasten den Standort Deutschland. Mit Blick auf die Zukunft des Landes sagt Stefan Klebert, Chef des Maschinenbauers und seit 2025 auch Dax-Unternehmens Gea: „Unser größtes Problem ist die Bildungspolitik.“ Deutschland sei auf dem Weg in die falsche Richtung. Selbst wenn ein Konsens darüber bestehen würde, dass Dividieren auch in der Grundschule sinnvoll wäre, „haben wir frühestens in 20 Jahren vielleicht Leute, die wieder eine etwas besser Bildung hätten.“ Ein Dilemma für Unternehmen. „Wir sind verdammt zu Spitzenleistungen, sonst sind wir morgen weg“, sagt Klebert.

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