Audi-Transformationschefin: „Müssen uns ein Stück weit neu erfinden“
Seit März 2025 verantwortet Yvonne Bettkober die Transformation bei Audi. Im Interview mit der Heilbronner Stimme spricht die 51-Jährige über die Herausforderungen beim Autobauer, erste Erfolge sowie den Standort Neckarsulm. Und darüber, was Audi von Techunternehmen lernen kann.
Als Sie Ihren Job bei Audi angetreten haben, war Ihnen da bewusst, was in dem Unternehmen alles auf Sie zukommt?
Yvonne Bettkober: Ja, definitiv. Ich kenne den CEO Gernot Döllner schon länger und habe mich vor meinem Start bei Audi intensiv mit ihm ausgetauscht. Aber klar: Größer, komplexer, spannender geht es kaum. Diese Größe, diese Maschinen, diese Geschichte – das macht mich demütig. Und vor allem: Die Wahrnehmung von außen ist teilweise eine ganz andere als die von innen.
Warum der Wechsel zu Audi wohlüberlegt war – und welche Überraschungen folgten
Wie war denn die Wahrnehmung von außen von Audi?
Bettkober: Ich bin ja erst sehr kurze Zeit im VW-Konzern und in der Automobilindustrie. Ich fand die Modelle von Audi schon immer gut, besonders die RS-Modelle der Audi Sport GmbH. Die Positionierung der Marke innerhalb des VW-Konzerns hat für mich schon immer gepasst. Was den Blick von innen angeht, hat mich von Anfang an die Mentalität überrascht. Bei Audi ist alles viel familiärer als bei anderen Marken. Das Miteinander ist ein anderes. Das ist ein ganz besonderer Spirit, der in der Transformation hilft. Aber klar: Die Aufgabe ist groß, es ist einiges zu tun.

Wie haben Sie die ersten Wochen bei Audi erlebt?
Bettkober: Ich habe mir am Anfang erst einmal jede Woche die Zeit genommen, um mit 20 Menschen ausführlich zu sprechen. Und zwar quer durch alle Hierarchien – vom Mann beim Werkschutz bis zum Ingenieur in der Technischen Entwicklung, von der Mitarbeiterin am Band in der Produktion bis zur Sachbearbeiterin im Personalwesen. Da habe ich unheimlich viele wertvolle Eindrücke mitgenommen. Ich war auch tageweise an den verschiedenen Standorten, dort habe ich ebenfalls mit dem Führungsteam und den Werkern am Band gesprochen. Da sieht man: Was läuft, wo klemmt der Schuh, was beschäftigt die Menschen? Das ist eine andere Perspektive, als wenn man nur im Vorstand oder auf der obersten Führungsebene diskutiert.
„Wir müssen viel agiler werden, um für die Zukunft gerüstet zu sein“
Die gesamte Autobranche befindet sich in der Transformation. Was macht die Aufgabe bei Audi so herausfordernd?
Bettkober: Audi zieht viel Stolz aus seiner Historie, da sind die Herausforderungen umso bedeutender. In meiner zweiten Woche war ich in Ingolstadt im Audi-Museum. Das hat mich sehr beeindruckt. Audi hat viel erreicht, muss sich jetzt aber ein Stück weit wieder neu erfinden, um diesen Stolz zu bewahren. Ich habe schon Respekt vor der großen Aufgabe. Aber seit meinem Start im März ist bis heute viel erreicht worden, allen voran die Zukunftsvereinbarung und die neue Strategie. Das gesamte Unternehmen und alle Beschäftigten haben nun klare Leitplanken, wohin Audi in Zukunft steuert.
Wie erleben Sie den Vorstand in diesem Prozess?
Bettkober: Der gesamte Vorstand bringt sich sehr intensiv ein. Da wird oft gerungen und konstruktiv diskutiert darüber, was die Prioritäten sind, wo investiert wird, aber auch wo gespart werden muss. Das ist nie ein einfacher Prozess, aber das Ergebnis zählt. Und am Ende hat das gesamte Vorstandsteam ein Ziel: Audi voranbringen.
Deutliche Fortschritte bei Personalstruktur und Organisation im vergangenen Jahr
Wenn Sie mal eine erste Bilanz ziehen: Wo ist Audi im vergangenen Jahr gut vorangekommen?
Bettkober: Die Personal-Transformation ist gut vorangekommen. Wir haben mit der Zukunftsvereinbarung Weichen gestellt, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Mittlerweile sind mehr als 1000 Vorruhestandsverträge unterschrieben worden. Wir haben eine Führungsebene weniger und mehr als 80 Prozent der Gremien im Unternehmen gestrichen. Da sind wir schon deutlich schlanker als Unternehmen. Gleichzeitig müssen wir viel agiler werden, um für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet zu sein. Die Modelloffensive, die bis Ende 2025 mehr als 20 neue Fahrzeuge gebracht hat, läuft in diesem Jahr weiter. Der Start in der Formel 1 steht bevor, die neue Designsprache ist definiert. Das Audi-Team hat schon einiges geschafft. Ein Unternehmen mit mehr als 80.000 Menschen in Bewegung zu setzen, ist ein Kraftakt. Wir haben Momentum aufgebaut – und nutzen es, um den Wandel weiter zu beschleunigen.
Wird Ihnen das auch von der Belegschaft widergespiegelt?
Bettkober: Mein Eindruck ist auf jeden Fall, dass Aufbruchstimmung zu spüren ist, dass ganz viel Energie im Unternehmen freigesetzt wird. Klar ist noch viel zu tun, aber so ein Unternehmen wie Audi krempelt man nicht über Nacht um. Ab und zu ist es wichtig, auch mal kurz innezuhalten und darauf zu blicken, was wir schon alles geschafft haben. Man darf nicht vergessen: Wir erleben gerade den Hochlauf der Elektromobilität, kämpfen mit Unsicherheiten auf wichtigen Märkten wie China und den USA und parallel verändern wir uns als Unternehmen in großem Stil.
„Ein Fehler ist nicht das Ende der Welt, denn man lernt schnell daraus“
Wie geht es in diesem Jahr weiter?
Bettkober: Wenn ich 2026 in einem Wort zusammenfassen würde, dann wäre das: Umsetzung. Wir haben uns für jedes Strategiefeld klare Ziele gesetzt. Wir wollen zum Beispiel die Digitalisierung noch einmal deutlich beschleunigen.
Wie ist ihr Eindruck vom Audi-Standort Neckarsulm?
Bettkober: Hier ist alles noch einmal familiärer als in Ingolstadt. Mich begeistert, was sich hier alles tut. Bei Audi in Neckarsulm passiert ja bereits einiges im Bereich KI. Da ist auch die Nähe um Ipai in Heilbronn von großem Vorteil. Ich denke, dieser Austausch ist enorm wertvoll. Für mich ist das sehr spannend, da ich lange in Techunternehmen tätig war. Wir wollen die KI-Befähigung und -Begeisterung der Beschäftigten in diesem Jahr quer durchs Unternehmen weiter vorantreiben.
Sie waren schon bei Amazon und Microsoft. Was kann Audi von diesen Unternehmen lernen?
Bettkober: Das sind zum einen mal jüngere Unternehmen, die schon mit einer digitalen Grundlage gestartet sind. Da ist die Basis eine andere. Das macht Prozesse deutlich einfacher. Was Techunternehmen auszeichnet, ist die Freude am Experimentieren, am Ausprobieren. Da ist ein besonderes Mindset: Ein Fehler ist nicht das Ende der Welt. Man will sogar Fehler machen, denn man lernt schnell daraus und kann Dinge korrigieren. Dazu kommt die Fokussierung auf bestimmte Themen. Wenn bei Amazon etwas Priorität hatte, konzentrierte sich das gesamte Unternehmen darauf. Davon kann sicher auch Audi lernen. Prozesse weiter zu verschlanken und Entscheidungen zu beschleunigen, das sind zwei elementare Ziele nun auch bei Audi.
„Wir setzen uns klare Ziele, wo wir jeweils zum Jahresende stehen wollen“
Vermissen Sie die Zeit bei Amazon und Microsoft?
Bettkober: Es war eine gute Zeit, ich vermisse sie aber nicht. Ich habe nichts verloren, ich habe dazugewonnen. In der Techbranche arbeitet man eigentlich nie wirklich an etwas Greifbarem. Im Vergleich zu Software ist das Auto ein sehr begehrenswertes, faszinierendes Produkt – auch für mich ganz persönlich.
So eine Transformation ist kein Sprint, es ist eher ein Marathon. Wie weit sehen Sie sich und das Unternehmen auf der Wegstrecke?
Bettkober: Das ist schwer zu sagen. Wir arbeiten da von Jahr zu Jahr. Wir setzen uns klare Ziele, wo wir jeweils zum Jahresende stehen wollen. Das sind dann Etappensiege. Wenn man sich die Welt heute anschaut, dann ist klar: Die nächste Krise kommt sowieso. Unsere Aufgabe ist es, das Unternehmen fit dafür zu machen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Eines habe ich in meiner Anfangszeit bei Audi schnell verstanden: Wir haben viele Mitarbeiter, deren Kinder auch einmal bei Audi arbeiten wollen. Nun gilt es, die Grundlage dafür zu schaffen. Und dazu möchte ich gerne meinen Beitrag leisten.
Yvonne Bettkober wurde im März 1974 im Tschad geboren. Die Familie floh vor dem dortigen Bürgerkrieg nach Kamerun. Nach dem Abitur verschlug es Bettkober 1992 dann nach Deutschland. Die heute 51-Jährige ging nach Berlin, studierte dort an der Technischen Universität Elektrotechnik. Inzwischen hat sie mehr als 20 Jahre internationale Führungserfahrung – unter anderem war Bettkober für Microsoft und Amazon tätig. Zuletzt leitete die Managerin die Transformation im VW-Konzern und bei der Softwaretochter Cariad.
Seit 1. März 2025 ist Yvonne Bettkober Chief Transformation Officer der Audi AG und berichtet direkt an Vorstandschef Gernot Döllner. Bettkober ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne.
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