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Drohender Produktionsstopp: „Chipkrise könnte sich über 12 Monate hinziehen“

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In der Autoindustrie drohen massive Produktionsausfälle, weil die Chips des Herstellers Nexperia knapp werden könnten. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer gibt eine Einschätzung der aktuellen Lage.


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Wegen Engpässen bei der Versorgung mit Halbleitern bereitet der VW-Konzern einen möglichen Stopp der Produktion an verschiedenen Standorten vor. Ursache ist ein Streit um den Chiphersteller Nexperia. Auf Druck der USA hatten die Niederlande am 30. September die Kontrolle über das Unternehmen übernommen, die zum chinesischen Technologiekonzern Wingtech gehört.

China hatte daraufhin den Export von Teilen aus der Volksrepublik untersagt. Seitdem ruht die Chipproduktion bei Nexperia teilweise. Beschaffungsexperten im VW-Konzern gehen dem Vernehmen nach davon aus, dass der Vorrat noch zehn bis 20 Tag ausreicht.

Autoexperte: „Krise ist nicht vergleichbar mit der Zeit der Corona-Pandemie“

Die Automobilindustrie und andere Branchen hatten bereits während der Corona-Pandemie vehement mit einem Chip-Mangel zu kämpfen, da die Lieferketten weltweit nachhaltig gestört waren. „Die aktuelle Lage ist nicht vergleichbar mit der Chipkrise während Corona“, sagt Experte Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR) in Bochum. „Der Auslöser sind nach meiner Einschätzung eher willkürliche, unberechenbare politische Entscheidungen und Zwänge, wie wir sie schon bei Zollkriegen und anderen Dingen aus USA erlebt haben. Resilienz scheitert in so einem Zusammenhang.“

„Es ist ein Millionen-Markt“: Experte schätzt Chip-Krise in der Autobranche ein

Die niederländische Firmen NXP und Nexperia sind gewissermaßen Geschwister und sitzen beide unter anderem am wichtigen Standort Hamburg. NXP Semiconductors entstand 2006 aus der Ausgründung der Halbleitersparte von Philips. NXP hat sich dabei immer stärker im Laufe der Zeit auf hochentwickelte Halbleiter (Chips) konzentriert. Das Geschäft mit einfachen Chips wurde dann im Jahr 2017 aus NXP ausgegliedert und als eigenständiges Unternehmen unter dem Namen Nexperia geführt.

Der Grund für die Aufspaltung war in der Unterschiedlichkeit der Chips und Geschäftsmodelle. Massenware ist für einfache Steuerungen notwendig – in der Autobranche geht es beispielsweise bei den Chips von Nexperia darum, Fenster zu öffnen und zu schließen. „Es ist ein Millionen-Markt“, so Dudenhöffer. Hochleistungs-Chips hingegen seien eher in der Welt Unternehmen wie Qualcomm und Nvidia anzusiedeln. Dudenhöffer: „Die Produktionsanforderungen und Vertriebssysteme der beiden Chip-Welten unterscheiden sich deutlich. Also macht es Sinn, sie getrennt laufen zu lassen.“

Dudenhöffer: „Konfrontation gegenüber den chinesischen Eigentümern“

Das Unternehmen Nexperia wurde 2019 von dem chinesischen Konzern Wingtech Technology übernommen und bedient den Massenmarkt. NXP konzentriert sich auf seine Hochleistungs-Prozessoren. Das verlief alles sehr reibungslos und stabil, bis wohl auf Druck der USA vor kurzem die niederländische Regierung bei Nexperia einstieg. Man könnte das auch eine Art „wenig harmonischer“ Übernahme interpretieren, deutet Dudenhöffer die Situation. „Es steht jedenfalls im völligen Widerspruch zu dem, was als Geschäftsgebaren in marktwirtschaftlich organisierten Märkten üblich ist“, so Dudenhöffer. „Um es anders zu sagen, es ist eine Konfrontation gegenüber den chinesischen Eigentümern und damit natürlich auch gegenüber China.“

Chip-Krise trifft auch Deutschland: „USA ist nicht unser Freund“ 

Die Verlierer in diesem Konflikt ist die europäische Industrie und dabei insbesondere die Autoindustrie. „Plötzlich kommt wieder die Chipangst auf und es wird eine rote Karte gegenüber den „bösen Chinesen“ gezogen, dabei wäre die rote Karte für die USA die richtige Entscheidung“, sagt CAR-Direktor Dudenhöffer. Die Krise könnte sich seiner Meinung nach im schlimmsten Fall über zwölf oder gar 18 Monate hinzuziehen.

 Zu hoffen sei, dass in den Gesprächen der niederländischen Regierung mit Wingtech Technology vernünftige Lösungen gefunden werden. „Und zu hoffen ist, dass wir schneller in Abstand zu den USA gehen“, so Dudenhöffer. „Bei Krisen sucht man immer Auswege, um das in der Zukunft zu vermeiden, also Absicherungen. Die beste Absicherung heißt „Distanz zu USA“ und offener mit dem riesigen Handelspartner China umzugehen.“ Das sei wirkliche Resilienz, findet der Autoexperte. „USA ist nicht unser Freund.“  

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