Bei Audi geht eine Ära zu Ende: Wie geht es bei Chefdesigner Marc Lichte weiter?
Am Freitag hatte Audis Chefdesigner Marc Lichte seinen letzten Arbeitstag. Die vielen Neuheiten in den nächsten zwei Jahren hat Lichte noch entscheidend mitgeprägt.

Bis Samstagabend hat sein Beitrag mehr als 2600 Reaktionen ausgelöst. Mit einem emotionalen Post auf dem sozialen Netzwerk Linkedin blickt Marc Lichte auf seine Zeit als Chefdesigner bei Audi zurück. Nach mehr als einem Jahrzehnt hatte Lichte am vergangenen Freitag seinen letzten Arbeitstag bei Audi. "Es war eine unglaubliche Reise, in der ich zehn Jahre lang meinen Kindheitstraum leben konnte", schreibt Lichte auf Linkedin. "Gemeinsam als Team haben wir die Audi-Designsprache entwickelt und ins Zeitalter der Elektromobilität getragen."
Zerwürfnis zwischen Audi-Chef Döllner und Marc Lichte
Mitte Februar hatte die Nachricht, dass Marc Lichte seinen Posten räumen muss, innerhalb und außerhalb von Audi wie eine Bombe eingeschlagen. Nach Informationen der Heilbronner Stimme hatte sich das Zerwürfnis zwischen Audi-CEO Gernot Döllner und seinem Designchef bereits im vergangenen Jahr angebahnt. Zum großen Knall soll es Anfang 2024 gekommen sein. Lichte wird auch nicht, wie zunächst angekündigt, eine neue Aufgabe im VW-Konzern annehmen, sondern sucht außerhalb des Unternehmens "neue Impulse", wie es offiziell heißt. Dem Vernehmen nach haben einige Autobauer, auch aus China, großes Interesse daran, Marc Lichte zu verpflichten. Wie es für ihn weitergeht, lässt der passionierte Designer und Auto-Fan bislang noch offen.
Marc Lichte steht für deutliche Worte, klare Formen und mutiges Denken. In den vergangenen 28 Jahren hat er mehr als 150 Fahrzeuge gestaltet. Vor seiner Zeit bei Audi hat er bei Volkswagen unter anderem die Golf-Baureihen fünf, sechs und sieben optisch auf den Weg gebracht. Zum Abschied findet Audi-Chef Döllner trotz der Differenzen lobende Worte: "Marc und sein Team haben ein Jahrzehnt lang Großes für die Marke Audi und ihr Design geleistet."
Marc Lichte hat das Design von Audi auf Vordermann gebracht
Zehn , fast schon elf Jahre ist es her, da stand die Optik der Audi-Modelle heftig in der Kritik, weil sich die Baureihen zu sehr ähnelten. Von weitem konnte man einen A4 kaum noch von einem A6 oder gar einem A8 unterscheiden. Um die Wende zu schaffen, holte der damalige Audi-CEO Rupert Stadler aus Wolfsburg Marc Lichte als neuen Designchef nach Ingolstadt. Die Maßgabe damals: Die künftigen Modelle sollten sportlicher, kraftvoller und dabei trotzdem sehr elegant werden.
Gleich kurz nach seinem Start bei der Marke mit den vier Ringen setzte Marc Lichte ein dickes Ausrufezeichen: Im November 2014 enthüllte der großgewachsene Mann aus dem Sauerland bei der Automesse in Los Angeles die Studie Prologue. Das über fünf Meter lange Coupé gab seinerzeit einen konkreten Ausblick auf die künftige Formensprache. Als erste Modelle der neuen Designära kamen 2017 und 2018 die neuen Generationen der Oberklassefahrzeuge A6, A7 und A8 aus dem Werk Neckarsulm auf den Markt.
Die Marke Audi ins Zeitalter der Elektromobilität geführt
Marc Lichte hat nicht nur die Designsprache für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor neu definiert. Der kreative Kopf hat mit seinem Team die Marke auch ins Zeitalter der Elektromobilität geführt. In seine Ära fallen die Stromer E-Tron, der E-Tron GT aus Heilbronn, von dem er heute noch sagt: „Das schönste Auto, das ich jemals gezeichnet habe“. Auch der Q4 E-Tron fällt in Lichtes Zeit, ebenso wie der jüngst vorgestellte Q6 E-Tron und die Baureihe A6 E-Tron, die im Sommer vorgestellt wird. Aber auch die neuen Verbrennermodelle A5 und A7 aus Neckarsulm sowie der Q5 aus Mexiko, die noch in diesem Jahr gezeigt werden, tragen die Handschrift von Lichte. Gleiches gilt für die Studie Grandspehere Concept, die einen konkreten Ausblick auf eine vollelektrische Luxuslimousine mit dem Arbeitstitel Landyacht gibt. Gebaut wird das Auto ab 2027 am Standort Neckarsulm.
Marc Lichte wurde 1969 in Arnsberg im Sauerland geboren. Bereits während des „Transportation Design“-Studiums an der Hochschule Pforzheim begann er 1996 seine berufliche Laufbahn bei der Volkswagen AG. Dort stieg er zum Leiter des Design Exterieur Studios auf und arbeitete an Serienmodellen wie dem VW Golf (Generationen 5, 6 und 7), dem VW Passat (Generationen 6, 7 und 8), dem VW Touareg (Generationen 2 und 3) und dem VW Arteon.
Wenn er an die Anfangszeit und die Studie Prologue zurückdenkt, würde er immer noch eine Gänsehaut bekommen, so Lichte. „Es ist immer ein Team, das Großes leisten kann. Ich bin mehr als stolz darauf, dass ich so lange mit so inspirierenden Menschen zusammenarbeiten durfte“, erklärt Lichte. „Doch besonders beim Gestalten gilt: Das wichtigste Projekt ist immer das nächste. Nur wer sich bewegt, bleibt relevant – und bewegt etwas. Doch gutes Design, das bleibt.“
Neuer Designchef war für Optik bei Jaguar und Land Rover verantwortlich
Bis vor kurzem war Audis neuer Designchef Massimo Frascella für die Optik der beiden Marken Jaguar und Land Rover verantwortlich. Wer sich die Modelle der englischen Marken ansieht, darf mit einigen Veränderungen für Audi rechnen. Denn das Credo von Frascella heißt: „Die Essenz meines Zugangs zum Design ist das Einfache. Meine Leidenschaft gilt einem Design ohne überflüssige Ornamentik und das nicht einfach nur zeitgenössischen Trends folgt, sondern zeitlose Ästhetik und Raffinesse verkörpert." Zum 1. Juni hat der Italiener seinen neuen Job bei Audi angetreten. Angesiedelt ist das Design bereits seit vergangenen Jahr bei Audi-CEO Döllner, der zurzeit auch die Technische Entwicklung leitet.
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