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Warum die Meinungsumfragen zur US-Wahl wieder daneben lagen

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Die Prognosen sollten dieses Mal genauer sein als bei den Präsidentschaftswahlen vor vier Jahren. Doch nicht zuletzt die Spaltung der USA führte dazu, dass Wahlforscher häufig keine ehrlichen Aussagen mehr bekamen. Die Unsicherheit der Umfragen sollte klarer kommuniziert werden.

Eine Wahlhelferin wirft einen Briefwahl-Stimmzettel in eine Wahlurne bei der Stimmabgabe für die Präsidentschaftswahlen. Foto: Lynne Sladky/AP/dpa
Eine Wahlhelferin wirft einen Briefwahl-Stimmzettel in eine Wahlurne bei der Stimmabgabe für die Präsidentschaftswahlen. Foto: Lynne Sladky/AP/dpa  Foto: Lynne Sladky (AP)

Laut den Demoskopen lag Joe Biden über viele Wochen stabil und deutlich in Führung vor Donald Trump. Auch wenn das Wahlergebnis in den USA noch aussteht, ist heute schon klar: Die Wahlforscher lagen daneben – wie schon 2016, als sie einen Sieg der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton vorhergesagt hatten und daran bis weit in die Wahlnacht hinein festhielten.

„Das ist ein amerikanisches Problem“, sagte Matthias Jung, Leiter der Forschungsgruppe Wahlen mit Sitz in Mannheim, unserer Redaktion schon vor vier Jahren. Das Parteiensystem in anglo-amerikanischen Ländern sei viel weniger stabil als in Europa – so sei es schwieriger, zuverlässige Vorhersagen zu machen.

Zudem gebe es in den USA wenige große Wahlen, bei denen die Demoskopen gefragt sind. In Deutschland würden häufiger Meinungsumfragen gemacht und es werde in den Bundesländern auch häufiger gewählt.

Meinungsforscher waren nach dem Debakel von 2016 gewarnt

Dabei wollten die Meinungsforschungsinstitute in den USA aus den Fehlern von 2016 lernen und dieses Mal genauer hinschauen. Dass dies offenbar nur bedingt gelungen ist, hat eine Reihe von Gründen. Schon im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl 2020 waren jedenfalls viele weiterhin bestehende Unzulänglichkeiten bekannt. Ihnen wurde in der allgemeinen Berichterstattung jedoch zu wenig Beachtung geschenkt.

In Wisconsin, wo Clinton 2016 überraschend verloren hatte und damit den Wahlsieg Donald Trump überlassen musste, gestanden sich die Wahlforscher im Nachhinein ein, dass sie viele entscheidende Bevölkerungsgruppen nicht detailliert genug betrachtet hatte. Zudem habe man zu früh mit den Wahlumfragen aufgehört, so dass der Schwenk der lange unentschiedenen Wähler hin zu Trump unbemerkt blieb.

Das sollte diesmal besser laufen. Deshalb wurden in wichtigen Swing States wie wie Wisconsin und Michigan in diesem Jahr teils doppelt so viele Menschen befragt wie vor vier Jahren. Noch ist nicht klar, wie weit die Umfragen daneben lagen. Daneben lagen sie auf jeden Fall.


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Viele sagen am Telefon nichts, und einige die Unwahrheit

Ein grundsätzliches Problem der Wahlumfragen ist: Sie finden häufig am Telefon statt. Amerikaner – ganz besonders die konservativen – sind hier grundsätzlich misstrauisch. Der Großteil beantwortet Fragen gar nicht. Und ein gewisser Teil gibt sogar zu, dass er bewusst die Unwahrheit sagt. Wie eine Studie des Cloud-Research-Instituts in New York herausfand, erklärten fast zwölf Prozent der Anhänger der Republikaner, am Telefon nicht ihre wahre Meinung wiederzugeben.

Das führt zu einer Unsicherheit in den Umfragen, die in der Regel nicht ausgewiesen wird, wie Courtney Kennedy vom Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center in einem Artikel vor der Wahl erläuterte.

Vieles wird sich im Nachhinein nun wieder leicht erklären lassen. Einen Eindruck über die schiere Unmöglichkeit, ein exaktes Meinungsbild von Amerikas Wählerschaft zu zeichnen, vermittelte kurz vor der Wahl der Podcast „The Daily“ der „New York Times“. Eine Reporterin hatte sich nach Florida aufgemacht, wo zahlreiche Senioren aus dem mittleren Westen ihren Lebensabend genießen.

Der Gruppenzwang ist groß

Bekannt ist, dass die Rentner überwiegend konservativ sind und Trump 2016 zum Wahlsieg im „Sunshine State“ verholfen haben. Trotz größeren Aufwands gelang es aber nicht, einen Eindruck von der politischen Gefühlslage in den Wohnanlagen zu erhalten.

Deutlich wurde nur: Wer hier als Liberaler gilt, muss mit sozialer Ächtung rechnen. So blieb es ungewiss, wie viele sich dem Gruppenzwang in der Wahlkabine widersetzen würden und ihr Kreuz für Biden machen. Nun ist klar: Es waren viel weniger als gedacht.


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