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Tafel-Chef mahnt: Staat muss Ehrenamtliche mehr unterstützen

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V., ist wegen des Ansturms Hilfsbedürftiger besorgt. Er sagt: "Wir kleben Pflaster auf viele Wunden, doch es braucht strukturelle Lösungen."

Hans-Jürgen Deglow
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Tafel Nürnberg
Zahlreiche Menschen, darunter auch viele Geflüchtete aus der Ukraine, stehen vor der Tafel Nürnberg zur Essensausgabe an. Die Tafeln in Deutschland berichten von einem enormen Zulauf seit Beginn des Kriegs in der Ukraine. Gleichzeitig haben sie mit steigenden Energie- und Spritpreisen zu kämpfen.  Foto: Nicolas Armer (dpa)

Herr Brühl, viele Tafeln stehen unter einem enormen Druck: Steigende Lebensmittelpreise sorgen für mehr Andrang, dazu kommen Geflüchtete aus der Ukraine, die auch versorgt werden müssen. In Nürnberg beispielsweise arbeiten die Ehrenamtlichen am Limit. Seit Kriegsbeginn hat die Tafel dort, die zuvor etwa 5500 Bestandskunden hatte, mehr als 4500 Neukunden. Wie ernst ist die Lage aus Ihrer Sicht?

Jochen Brühl: Die aktuellen Herausforderungen sind immens. Für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Wir helfen bei den Tafeln mit all unserer Kraft, sehen aber deutlich: wir können und wollen das nicht alleine leisten. Wir kleben Pflaster auf viele Wunden, doch es braucht strukturelle Lösungen. 

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Wie kann Abhilfe geschaffen werden? Erstens, was die Unterstützung der Tafeln selbst betrifft, zweitens, was die Versorgung mit Lebensmitteln betrifft? 

Brühl: Die Tafeln und unsere Ehrenamtlichen brauchen eine verlässliche und dauerhafte Unterstützung durch die Kommunen und den Staat. Wir wollen nicht Teil des Sozialsystems werden, aber wir finden schon, dass wir als gemeinnützige Organisation unterstützt werden müssen. Mit kostenfreier Miete oder Freistellung von Entsorgungsgebühren, KfZ-Steuer, Energiekosten oder ähnlichem. Da gibt es so viele Möglichkeiten für die öffentliche Hand. Das ist auch eine Frage von Respekt und Anerkennung des ehrenamtlichen Engagements. Ohne freiwillige Hilfe Vieler würde gerade gar nichts funktionieren.

Brühl als Tafel-Vorsitzender wiedergewählt
Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V.  Foto: Jörg Carstensen (dpa)

Auf Twitter schrieben Sie jetzt: „Manche Geflüchtete stehen schon 4 Stunden vor Tafelöffnung - ab 6 Uhr - vor der Tafel und warten! Eine Ukrainerin sagte mir, dass sie erst am 15. Mai einen Termin beim Sozialamt hat und zuvor auf die @Tafel_DE angewiesen sei. Das geht so nicht! #geflüchtete #UkraineKrieg”.

Ein Hauptproblem ist also die Bürokratie? Bitte erläutern Sie uns das. 

Brühl: Ich verstehe, dass die Sozialämter gerade überlastet sind und es Wartezeiten gibt. Sehr viele Menschen aus der Ukraine suchen bei uns Schutz und wollen sich registrieren. In vielen Kommunen gibt es aber keine vorgesehene Übergangslösung wie beispielsweise Einmalzahlungen oder Einkaufsgutscheine. Oder auch das dauert. Die Menschen erhalten ja erst mit ihrer Registrierung regelmäßige Sozialleistungen. Aber wovon sollen sie in der Zwischenzeit leben und sich ernähren? Aktuell werden sie zu uns geschickt. Das kann doch nicht sein! Darüberhinaus brauchen wir eine gezielte Entlastung von Menschen mit geringen Einkommen und Armutsbetroffenen. Hilfen mit der Gießkanne reichen diesen Menschen nicht.

 

Denken Sie, die aktuelle Herausforderung ist in der Politik erkannt? 

Brühl: Hört man der Ampelkoalition zu, habe ich schon den Eindruck, dass das Problem erkannt wurde. Aber die Lösungen fehlen noch, sind unzureichend oder noch nicht umgesetzt. Von den beschlossenen Entlastungspaketen ist ja bei den Menschen noch nichts angekommen.

 

Haben Sie ausreichend ehrenamtliche Helferinnen und Helfer? 

Brühl: Das ist lokal sehr unterschiedlich. In jedem Fall aber befürchte ich eine Überlastung unserer Helferinnen und Helfer. Ich spreche mit vielen, die gerade sieben Tage die Woche bei der Tafel helfen, auch über Ostern. Und das nach zwei Jahren Pandemie, die schon sehr heftig waren. Die Arbeit ist körperlich anstrengend und dazu kommt jetzt noch die psychische Belastung. Es ist schrecklich, Menschen in Not nichts geben zu können, weil wir selbst einfach keine Lebensmittel mehr haben. 

 

Wie es heißt, packen Geflüchtete aus der Ukraine selbst mit an…

Brühl: Ja, das kommt vor. Wir haben das schon 2015 und 2016 mit vielen Menschen aus Syrien erlebt. Es ist sehr beeindruckend und bereichernd für Alle. Die Geflüchteten möchten helfen und brauchen eine Aufgabe. Durch die Arbeit bei uns lernen sie auch etwas deutsch. 

 

Die Inflation macht sich deutlich bemerkbar. Deshalb kommen vor allem alte Menschen, die von einer geringen Rente leben müssen, zurzeit vermehrt zur Tafel. Und was bedeutet die Inflation auch für die Lebensmittelspendebereitschaft? 

Brühl: Es kommen insgesamt viel mehr Menschen, die bis vor Kurzem noch gut ohne Unterstützung über die Runden kamen. Ältere, aber auch kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Geringverdiener. Diese Entwicklung trifft auf weniger Lebensmittelspenden. Aufgrund von gestörten Lieferketten ist weniger verfügbar und bleibt weniger übrig.

 

Braucht es eine Hartz-IV-Anpassung? Und in welchem Umfang?

Brühl: Die braucht es unbedingt. Schon während der Pandemie reichten die Regelsätze hinten und vorne nicht. Fünf Euro pro Tag sind für eine alleinstehende Person für Lebensmittel vorgesehen. Gehen Sie mal in den Supermarkt und schauen Sie, was Sie dafür noch bekommen. Wir brauchen eine Erhöhung der Sätze auf mindestens 600 Euro. 


Zur Person: Jochen Brühl, geboren 1966 in Altena (NRW), hat 1999 die Ludwigsburger Tafel mitgegründet. 2007 übernahm er den Vize-Vorsitz der der Tafel Deutschland, seit 2013 ist er deren Vorsitzender. Er hat ein Studium der Sozialarbeit und Diakonie sowie eine Weiterbildung zum Fundraiser absolviert. Jochen Brühl lebt in Essen. Die Tafeln sind gemeinnützige Hilfsorganisationen, die Lebensmittel, welche im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendet und ansonsten vernichtet werden würden, an Bedürftige verteilen oder gegen geringes Entgelt abgeben. Aktiv sind die Tafeln seit 1993. Es gibt bundesweit etwa 2000 Ausgabestellen.

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