Corona
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Im Abwasser zeigen sich Corona-Ausbrüche schon früh

Am Beispiel des Sars-CoV-2-Erregers wurde jetzt festgestellt, dass aus der Abwasser-Analyse gewonnene Daten den Inzidenzen im Zeitverlauf in der Regel um Tage voraus sind. 

Hans-Jürgen Deglow
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Lesezeit 3 Min
Eine Mitarbeiterin arbeitet an einer Sicherheitswerkbank in einem Labor im Hamburger Institut für Hygiene und Gesundheit, dabei mischt sie isolierte RNA aus Abwasserproben mit PCR-Reagentien für die spezifische Detektion von SARS-CoV-2.  Foto: Daniel Reinhardt (dpa)

Die Untersuchung von Abwässern in Kläranlagen zeigt laut einer aktuellen Studie die Ausbreitung von Corona zuverlässig an. Vorgestellt wurde die Untersuchung jetzt in Thüringen. Im Projekt Corona Monitoring Thüringen (CoMoTH) arbeiten Campusforscher der Analytik Jena gemeinsam mit der Bauhaus-Universität Weimar an einer kontinuierlichen Überwachung der SARS-CoV-2-Viruslast im Abwasser. Laut der Studie könne sehr schnell analysiert werden, wenn eine Virusvariante durch eine andere abgelöst werde, berichteten das Unternehmen und die Universität bei einem Besuch von Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) in Weimar. Das Projekt zum sogenannten Abwassermonitoring wird vom Land mit 370.000 Euro gefördert.

Pilotprojekte in 20 deutschen Städten 

Auch in anderen deutschen Städten laufen ähnliche Projekte, die meisten wurden im Februar 2022 gestartet. Für das bundesweite Pilotprojekt zur Überwachung des Abwassers auf das Coronavirus hatten sich damals 119 Standorte beworben. 20 Städte wurden schließlich ausgewählt: Dabei sind neben Jena unter anderem Hamburg, Berlin, Neustadt an der Weinstraße, Potsdam, Stuttgart, Tübingen, Bonn, Köln, Dresden, Dinslaken und Grömitz. Die gewählten Standorte unterscheiden sich in der Größe ihres Einzugsgebiets und somit der Anzahl an erfassten Einwohnern, außerdem variiert der Einfluss von Touristen und Pendlern zwischen den Standorten. Damit werden die Ergebnisse auf eine breitere Basis gestellt. 

 

EU-Kommission gibt Fördermittel

Drei Bundesministerien begleiten das Projekt: die Ressorts Gesundheit, Umwelt und Forschung. Mittel werden auch von der EU-Kommission allen Mitgliedstaaten zur Verfügung gestellt. Deutschland erhält aus dem Fördertopf in Höhe von 20 Millionen Euro insgesamt 3,72 Millionen. Je Pilotstandort stehen Fördergelder in Höhe von 60.000 Euro zur Verfügung, Städte und Bundesländer können diese Summe durch eigene Zuschüsse erhöhen. Über einen Zeitraum von jeweils 11 Monaten werden zwei Mal pro Woche Abwasserproben entnommen. Diese werden durch Labore auf Corona-Viren untersucht. So ist Agrolab Partner mehrerer Pilotstandorte. Ein Teil der Proben wird im Umweltbundesamt sequenziert, um aktuelle Virusvarianten und deren Anteile zu bestimmen. Nach dem Abschluss der Pilotphase soll eine Empfehlung erarbeitet werden, wie ein zukünftiges Abwassermonitoring für Deutschland aussehen sollte. Ein im Abwasser etabliertes Überwachungsnetz könnte dann auch für zukünftige Pandemien und andere Erreger wie beispielsweise Polio eingesetzt werden.

Daten der Ämter bilden Corona-Sommerwelle nur eingeschränkt ab

Das Forschungsvorhaben von Analytik Jena und der Bauhaus-Universität bezieht 23 Kläranlagen und damit etwa 40 Prozent der Thüringer Bevölkerung ein. Am Beispiel des Sars-CoV-2-Erregers wurde festgestellt, dass die Daten aus dem Abwasser den Inzidenzen im Zeitverlauf in der Regel um Tage voraus seien. Als schließlich weniger auf Corona getestet und damit auch weniger Fälle durch das Robert Koch-Institut gemeldet wurden, stand diesen Angaben ein konstant hoher oder sogar steigender Verlauf der Messwerte im Abwasser gegenüber. Das bedeutet: Von den Gesundheitsämtern gemeldete Zahlen bilden die Corona-Sommerwelle nur eingeschränkt ab, da seit Aufhebung der Maßnahmen weniger individuell getestet wird. Das Abwassermonitoring hat sich hier also als sehr gutes Prognoseinstrument erwiesen.

Im März 2021 hatte die EU-Kommission die Mitgliedsstaaten aufgefordert, das Abwasser-Monitoring systematisch zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zu nutzen. Weil Infizierte das Virus über den Stuhl ausscheiden, lässt sich anhand von Abwasserproben aus Klärwerken schnell zeigen, wo und wie stark sich gerade welche Variante ausbreitet.

 

Johannes Nießen (Amtsärzte): Analysen auf alle Kommunen ausweiten

Amtsärzte forderten Anfang Juli, Abwasseranalysen auf alle Kommunen auszuweiten, um einen genaueren Überblick über den Stand der Ausbreitung des Coronavirus zu erhalten. „Die Abwasseranalyse ist ein hervorragendes Instrument für die Pandemiekontrolle“, sagte Johannes Nießen, Vorsitzender des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Nießen ist Leiter des Kölner Gesundheitsamtes und Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung. Optimal wäre eine Beteiligung aller Kommunen, sagte Nießen. „Je mehr Städte daran teilnehmen, desto präziser wird unser Bild vom Infektionsgeschehen.“ Die Methode koste wenig, der Aufwand sei gering, und man bekomme ein Echtzeit-Lagebild von der pandemischen Situation. In Köln sei auf diese Weise festgestellt worden, dass bei den aktuellen Corona-Meldezahlen nur rund die Hälfte der Infektionen erfasst würden.

Bertolt Gärtner: Verbreitung von Bakterien und Viren in Leitungen reduzieren

Letztlich bleibt aber das grundsätzliche Problem unbestritten, dass die in die Jahre gekommene unterirdische Infrastruktur mit zum Teil maroden Leitungen mögliche Keim- und Bakterienbildung befördern kann. Aus Sicht von Bertolt Gärtner, Geschäftsführer der Norva24 Deutschland, einem der führenden Rohr- und Kanalreiniger, hilft hier nur Vorbeugung: „Die regelmäßige Reinigung und Reparatur der öffentlichen Kanäle und der privaten Wasserleitungen im Haus reduzieren die Verbreitung von Bakterien und Viren. Da Ablagerungen durch die Reinigung entfernt werden, gibt es weniger Möglichkeiten für Bakterien und Viren sich anzusiedeln.“ In Deutschland sind Schätzungen zufolge rund 1,5 Millionen Kilometer Abwasserkanäle verlegt. Bei Untersuchungen der Hauskanalanschlüsse in verschiedenen Regionen Deutschlands wurde eine Schadensquote von 50 bis 70 Prozent ermittelt. 

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