Inklusion statt Ausgrenzung: Krautheimer Werkstätten (WfbM)

Von der Selbsthilfe zur gesellschaftlichen Teilhabe für alle - Die WfbM heute und damals

Im Krautheimer Leben fest verankert: die Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM). Fotos: Ute Bottinger (5). privat (1)

„Die Wiege der Inklusion steht in Krautheim", da ist sich Stefan Blank, Geschäftsführer der Krautheimer Werkstätten, sicher. Für Menschen mit einer körperlichen Behinderung waren Treppenhäuser in Wohnanlagen oder Fabriken unüberwindbare Barrieren, so dass es zum Leben in großen Behindertenheimen als Pfle ge- und Sozialfall noch vor we nigen Jahrzehnten keine Alternative gab. Betroffene waren aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt und selbst verantwortlich für ihr Schicksal. Das war der Stand im Jahr 1958 und verbrieft in einem Schreiben von Eduard Knoll, einem Körperbehinderten aus dieser Zeit.

Bundesverband Eduard Knoll schrieb nicht nur Ortsgeschichte in Krautheim, er war vielmehr auch der Initiator des heutigen Bundesverban des Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK). "Es wird unser Bestreben sein, dass dies eine Dauereinrichtung bleibt und somit das Band um unsere Schicksalsgemeinschaft enger und fester werden kann", schreibt Knollim ersten Rundbrief an die Mitglieder des Vereins Sozialhilfe für Querschnitts- und Kindergelähmte" im Jahr 1958. Dieser Rundbrief war damit zugleich auch die erste offizielle Publikation des BSK-Vorläufers.

Mit der Gründung der Krautheimer Werkstätten am 2. Februar 1972 gelang es Eduard Knoll, zusammen mit Peter Schelter aus Krautheim, Leonhard Eder aus Monheim, Georg Kraus aus Schweinfurt und dem von ihm gegründeten Bundesverband Körperbehinderter zahlreiche Arbeitslosenprojekte unter einem Dach zusammenzuführen.

Herausforderung „Die Idee von der Inklusion schon in einer Zeit verwirklichen zu wollen, in der ein von sozialer Aus grenzung und Verarmung geprägtes Lebensschicksal als Pflegefall die Regel gewesen ist, verdient heute mehr denn je unseren Respekt und Anerkennung“, sagt Stefan Blank. Weder investive noch personenzentrierte staatliche Fördermittel standen damals zur Verfügung, um für eine behinderte Minderheit Arbeitsplätze zu schaffen. Arbeitsplätze, von denen man leben kann. Die Idee war, möglichst viele gleich Betroffene hier in Krautheim in Lohn und Brot zu bringen. Deshalb investierten die behinderten Jungunternehmer bis 1988 alle Unternehmensgewinne vollständig in die Schaffung weiterer Arbeitsplätze.

Die Gemeinschaft wuchs, und es wurde notwendig, die zahlreichen Arbeitsprojekte an verschiedenen Standorten in Krautheim-Tal und am Berg in einem Neubau zusammenzuführen. Erste Gespräch gab es bereits 1985, und im April 1991 konnte schließlich ein repräsentativer Neubau aus Holz und Glas bezogen werden.

Arbeiten zu dürfen, genießt unter den Beschäftigten der Krautheimer Werkstätten traditionell den allerhöchsten Stellenwert. Erst dann, wenn es gar nicht mehr anders ginge, wechselten sie in den Förder- und Betreuungsbereich, der erst vor wenigen Jahren aufgebaut worden ist. „Daneben ist der Berufsbildungsbereich als zertifizierte Rehabilitationseinrichtung unser gewichtigstes Pfund", sagt Blank. Hier werden auch Menschen, die von Behinderung bedroht sind, dabei gefördert, verloren gegangene Fähigkeiten und Fertigkeiten wieder aufzubauen oder neu zu entwickeln. Ziel ist es, die Rückkehr oder auch den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. Das wiederum bedeutet, selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. "Gelingt das nicht, dann wird es ermöglicht, im Arbeitsbereich der Werkstatt die fehlende soziale Teilhabe zu erleben“, so Stefan Blank.

Sozialunternehmen Die WfbM verstehen sich als Sozi. alunternehmen mit heute überwiegend rehabilitativem Auftrag für Menschen mit körperlich und psychisch bedingtem hohem Assistenzbedarf. "Im Geist der Selbsthilfe genießt das Wunsch- und Wahlrecht und das Recht auf Selbstbestimmung aller behinderter Menschen hier traditionell höchste Wertschätzung und eine breite soziale Akzeptanz", sagt Stefan Blank.