„Hier war Inklusion schon vor 50 Jahren lebendig“, so Stefan Blank von der WfbM Krautheim

INTERVIEW Stefan Blank, Geschäftsführer der WfbM, über die Geschichte und die Entwicklung des Unternehmens

Stefan Blank mit Michaela Schmidt-Lutz, die in der Buchhandlung der Krautheimer Werkstätten arbeitet. Foto: privat

Stefan Blank leitet seit 2014 die Krautheimer Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Im Interview benennt er bishe rige Erfolge und Entwicklungen sowie zukünftige Ziele.

Der Grundstein für die Krautheimer Werkstätten für Menschen mit Behinderung wurde vor 50 Jahren gelegt. Was war damals anders als heute?

Stefan Blank: Das Bewusstsein darüber, dass gesellschaftliche Teilhabe für alle behinderte Menschen ein alternativloser und unumkehrbarer Weg werden muss, war im Rückblick auf das gesellschaftliche Denken und Handeln in Zeiten der Euthanasie noch lebendig in Erinnerung. Die Gründungswelle der Werkstätten beginnt Ende der 50er Jahre und ist sichtbares Zeichen für die Fähigkeit, als Gesellschaft aus Fehlern zu lernen. Mitte der 60er Jahre nimmt die Zahl der „beschützenden Werkstätten“ in einem boomenden Arbeitsmarkt weiter zu. Ein Arbeitsmarkt, der vor allem körperlich voll leistungsfähige Arbeitskräfte braucht. Da die Fähigkeiten geistig behinderter Menschen diesen Anforderungen zum damaligen Zeitpunkt am besten entsprechen, prägen sie mitihrer großen Zahlden Charakter herkömmlicher Werkstätten bundesweit bis heute. Um auch dem Wunsch- und Wahlrecht von Minderheiten, beispielsweise seh-, hör- oder körperbehinderten Menschen, nach Teilhabe im Arbeitsleben zu entsprechen, entstehen einige wenige be sondere Werkstätten mit überregionalem Einzugsgebiet für diese Menschen.

In 50 Jahren hat sich in der Gesellschaft und dadurch auch in den Krautheimer Werkstätten viel verändert. Ein Beispiel? 

Blank: Mitte der 90er Jahre reifte die Erkenntnis, dass wir die in Elektrogeräte verbauten Rohstoffe nicht länger einfach auf unseren Deponien vergraben dürfen, sondern wiederverwerten müssen. Dieses Ideal nachhaltigen Wirtschaftens prägt die Krautheimer Werkstätten seit ihrer Gründung und führte unter ande rem dazu, dass neben Menschen mit körperlich umfassendem Teilhabebedarf jetzt eine zweite Zielgruppe, der Personenkreis seelisch behinderter Menschen, beschäftigt wird. Die Krautheimer Werkstätten schreiben zusammen mit der Abfallwirtschaft des Hohenlohekreises eine in Süddeutschland einmalige Erfolgsgeschichte. Das nachhaltige Recyclingkonzept auf der Grundlage inklusionswirksamer Zusammenarbeit ist einzigartig. Die Bürger eines Kreises legen dabei seit über 25 Jahren einen ganz wesentlichen Teil ihrer Aufgaben und Grundbedürfnisse in die Hände behinderter Menschen.

Was unterscheidet die Krautheimer Werkstätten von anderen sozialen Unternehmen?

Blank: Diese Werkstatt ist nicht im Geiste staatlicher Fürsorge oder auf der Grundlage karitativer Nächstenliebe gegründet worden, welche die Behindertenhilfe bis heute prägt. Hier in Krautheim waren es Ende der 50er Jahre einige körperlich behinderte Menschen, welche die Flucht nach vorne angetreten haben, um der drohenden Abhängigkeit von fremdbestimmter staatlicher Fürsorge zu entkommen. Fast ein Jahrhundert lang haben immer andere festgelegt, wo und mit wem behinderte Menschen zusammenleben und zusammenarbeiten. In Selbsthilfe haben sie alles riskiert und ihr Leben und Schicksal in die eigene Hand genommen. Bis heute sind die Selbsthilfeverbände körperlich behinderter Menschen Eigentümer der Krautheimer Werkstätten. Eine weitere Besonderheit, die bundesweit ihresgleichen sucht.

Warum war diese Erfolgsgeschichte möglich?

Blank: Mir wurde erzählt, dass sich der im Krieg mit einem Wirbelschuss schwer verletzte Eduard Knoll auf die Suche nach seiner Ehefrau gemacht hat, die während des Krieges aus dem Osten fliehen musste. Hier in der Region hat er seine Frau wiedergefunden und ist in Krautheim sesshaft geworden. Die Schicksalsgemeinschaft, die den Grundstein für die Krautheimer Werkstätten gelegt hat, hat sich in den unterschiedlichsten Heilanstalten kennengelernt „und zusammengefunden. Letztlich sei Krautheim auch wegen des günstigen ländlichen Wohnraums attraktiv gewesen. So ist Krautheim in Baden-Württemberg schon früh zur ersten Stadt geworden, in der Inklusion und soziale Teilhabe vor 50 Jahren lebendig geworden sind.

Und wohin soll der Weg gehen? Welche Veränderungen sind in Zukunft noch notwendig?

Blank: Inklusion ist für mich sehen und gesehen werden. Insofern ist der einzige Nachteil, den ich in der Entwicklung von Werkstätten sehen kann, allein der Standort. Werkstätten sollten von der Bundespolitikgezielt darin unterstützt werden, mit ihren Leuten in die Arbeitswelt hinausziehen und dort hineinzugehen, wo auch die Auftraggeber und ihre Mitarbeiter täglich arbeiten. Und nicht die Arbeit weiterhin von den Auftraggeber dahin bringen müssen, wo behinderte Menschen für weite Teile des Arbeitsmarktes unsichtbar bleiben. Ich halte es für möglich, dass allein durch die Dezentralisierung und den Wechsel der Arbeitsorte mitten hinein in die erste Arbeitswelt sich in wenigen Jahren ein inklusiver Arbeitsmarkt durch ein so entstehendes dynamisches Lernfeld entwickeln kann. Ein Arbeitsmarkt, in dem soziale Werte wie Toleranz, Akzeptanz und Hilfsbereitschaft für alle Beschäftigten eine wichtigere Rolle spielen.