Jenische Spuren in Pfedelbach: Vom Galmenguffer bis zur Nobelgusch

Pfedelbach  Jenisch, die Geheimsprache des fahrenden Volkes, hat in der Gemeinde Pfedelbach in den vergangenen Jahrzehnten wieder einen festen Platz gefunden. 1972 gab sich etwa die Schülerzeitung einen jenischen Namen. Und die Theatergruppe des Bürgervereins Heuberg-Buchhorn führt Stücke in jenischer Sprache auf.

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Jenisch diwert wurde bei der Einweihung der Nobelgusch im Theaterstück des Bürgervereins Heuberg-Buchhorn samt Bürgermeister (Zweiter v. li.). Foto: Archiv/Hachenberg

"An quante Schei, ihr Mosseme und Herrles." Nein, hier hat sich die Hohenloher Zeitung nicht verschrieben. Vielmehr ist es die Begrüßung in einer alten Sprache, die in Pfedelbach seit zwei Jahrhunderten verwurzelt ist und in den zurückliegenden 30 Jahren in der Gemeinde eine Renaissance erlebt.

Es ist die einstige Geheimsprache der Jenischen, der fahrenden Leute, die der katholische Graf von Hohenlohe-Bartenstein im 18. Jahrhundert als Ortsfremde ins evangelische Pfedelbach holte und auf dem Heuberg ansiedelte. Hier vermischte sich die Sprache der Jenischen, die sich als Handwerker, Krämer und Hausierer ihr Brot verdienten, mit dem Hohenloher Dialekt. "Einen schönen Tag, ihr Frauen und Männer", heißt es übersetzt.

Von den Eltern übernommen

Bis heute gibt es in Heuberg und in Pfedelbach Menschen, die seit ihrer Kindheit jenisch diwern (reden) können, weil sie es von den Eltern übernommen haben. Zu ihnen zählen Günter Echle (76) und Dorothea Herrmann (68). Echle ist ein Heuberger Urgestein. "Ich kenne die Sprache von klein auf." Nach dem Krieg habe es in Heuberg viele Ein-Mann-Handwerksbetriebe gegeben, wo man jenisch sprach. Er selbst arbeitete als Maurer auf dem Bau, und da wurde bis in die 1960er Jahre "jenisch diwert". Das habe erst nachgelassen, als die ersten Italiener als Gastarbeiter gekommen seien.

Dorothea Herrmann wurde in Pfedelbach in ein Elternhaus geboren, wo der Vater Robert Seiler "daheim nur jenisch diwert hat". Er habe zum Beispiel nicht gesagt: "Gib mir mal meine Jacke und meine Schuhe", sondern "Buckel a mol mei mulfes und mei trittling". Der Vater stammte aus der Geißgasse in Pfedelbach, der heutigen Biedermannstraße. Hier, im "oberen Dorf", berichtet Herrmann, hätten fast alle "jenisch diwert" . Ihre Mutter Irma, die aus dem "unteren Dorf" kam, habe zwar alles verstanden, aber selbst nicht "jenisch geschwätzt".

Echle und Herrmann haben heute immer wieder Gelegenheit zu diwern. Denn die beiden zählen ebenso wie die Heuberger Rosemarie (63) und Friedrich Messer (65) sowie weitere Mitstreiter zur anlässlich der Landesgartenschau 2016 gegründeten jenischen Theatergruppe des Bürgervereins Heuberg-Buchhorn. Messer, der aus Unterohrn stammt, aber mit der Tochter des Wirts (Baizer) vom Gasthaus "Linde", Rosemarie Fischer, eine Heubergerin heiratete und seit 40 Jahren auf dem Berg lebt, ist Vorsitzender des Vereins. Und beherrscht ebenso wie seine Frau die einstige Geheimsprache.

Aufführungen der Gruppe, die auch Bürgermeister (Scharle) Torsten Kunkel und die evangelischen Pfarrer (Gallach) Konrad Köhnlein und David Mayer bei den stets selbstgeschriebenen Stücken verstärken, fanden nicht nur zur Laga in Öhringen, sondern auch bei der Buga in Heilbronn statt. Und natürlich 2017 zur Einweihung der neuen Gemeindehalle, die den jenischen Namen Nobelgusch (edles Haus) erhielt.

Wiederaufgelebt mit erster Theatergruppe

Jenische Spuren in Pfedelbach: Vom Galmenguffer bis zur Nobelgusch
Die Festhalle trägt einen jenischen Namen: Nobelgusch nämlich. Foto: ArchivHachenberg

Ganz vergessen war die jenische Sprache in Pfedelbach nie. Mit dem "Galmenguffer" (Lehrer) gab es durch Initiative von Axel Münster seit 1972 eine Schülerzeitschrift mit jenischem Titel an der Grund- und Hauptschule. Richtig wiederaufgelebt ist die jenische Sprache dann 1990 unter dem damaligen Pfedelbacher Bürgermeister Jürgen Wecker.

Viele hatten zwar noch jenische Worte im Gedächtnis, aber keiner sprach sie mehr. Schon beim ersten Schlossfest 1990 wurde im Schlosshof von einigen Pfedelbachern jenisch diwert. Die erste Theatergruppe formierte sich, die zum zweiten Schlossfest 1993 mit dem selbstgeschriebenen Stück "A quante Schwecherei vorem Midschaibutte" (Eine gute Trinkerei vor dem Mittagessen" ) eine viel beachtete öffentliche Aufführung hatte. Weitere folgten.

Das Jenische hielt wieder Einzug in Pfedelbach: Ob mit einem Auftritt des perfekt jenisch sprechenden Pfedelbachers "Fidde" Burkhardt und Dr. Werner Kurz, ob mit dem Sonderpreis des Schulamts 1993 für den "Galmenguffer" oder mit sprachwissenschaftlichen Vorträgen - die Begeisterung für das Jenische in Pfedelbach wuchs. Sie wurde so groß, dass man Pfedelbach sogar in "Jenischdiwerbach" umtaufen wollte, heißt es in der Chronik der Gemeinde. Als sich 2002 die erste Theatergruppe auflöste, wurde es jedoch wieder ruhiger um das Jenische - bis zur Gründung der zweiten Theatergruppe 2016.

Umstrittene Namenssuche für die Halle

Für viel Furore sorgte dann die Namensuche für die neue Gemeindehalle. Zahlreiche Vorschläge gingen ein, darunter Nobelgusch. Nicht bei allen stieß dieser Name auf Gegenliebe. Von den Befürwortern als "Alleinstellungsmerkmal" für Pfedelbach gepriesen, lehnten ihn die anderen als einer "Gaunersprache" entlehnt, entrüstet ab. Die Leserbriefspalte der HZ bekam ordentlich Futter. Neun von 21 Ratsmitgliedern stimmten bei der Abstimmung dagegen. Gut drei Jahre nach der Einweihung hat sich die Aufregung längst gelegt. "Wir gehen in die Nobelgusch" ist zur Selbstverständlichkeit in Pfedelbach geworden.

 

Bettina Hachenberg

Bettina Hachenberg

Autorin

Bettina Hachenberg ist seit Februar 1988 Redakteurin bei der Hohenloher Zeitung in ihrer Heimatstadt Öhringen.

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