Was VfB-Legende Karlheinz Förster über Musiala, Wirtz und den VfB denkt
Karlheinz Förster spricht über den EM-Titel 1980, gibt Tipps für den VfB Stuttgart und vergleicht den jungen Lothar Matthäus mit den aktuellen DFB-Talenten Jamal Musiala und Florian Wirtz.

Er galt in den 80er Jahren als der weltbeste Vorstopper, verteidigte gegen Ikonen wie Gerd Müller oder Diego Maradona und wurde 1982 Fußballer des Jahres: Karlheinz Förster. Zu seinen größten Erfolgen zählt neben der Meisterschaft mit dem VfB Stuttgart 1984 auch der Gewinn der EM 1980 in Rom. Vor der EM 2024 spricht Förster über seine Erfahrungen, den VfB und seine Ex-Schützlinge Timo Werner und Niklas Süle.
Herr Förster, welche Erinnerungen haben Sie an den EM-Titel 1980?
Karlheinz Förster: Das war ein riesiges Ding für mich. Wir reisten als junge, hungrige Kerle aus Stuttgart zur Nationalmannschaft – Hansi Müller, mein älterer Bruder Bernd und ich. Drei erfolgreiche Jahre nach dem Bundesliga-Aufstieg des VfB gaben uns Selbstvertrauen. In der Mannschaft herrschte trotz der früher üblichen Grüppchenbildungen ein guter Geist, und wir hatten mit Hrubesch, Rummenigge und Co. viel Qualität.
Damals waren mit dem 19-jährigen Lothar Matthäus und Bernd Schuster zwei Ausnahmetalente im Kader, die sich zu Weltstars entwickeln sollten.
Förster: Bernd Schuster war ein überragender Techniker und als Stratege im Mittelfeld gesetzt, während Lothar nur einmal gespielt hat. Er wurde beim Stand von 3:0 gegen die Niederlande zur Halbzeit eingewechselt, danach fielen noch zwei Tore für Holland. Lothars Potenzial erkannten wir damals schon alle.
Heute gibt es ebenso zwei Ausnahmetalente im Kader: Jamal Musiala und Florian Wirtz. Lässt sich das vergleichen und gibt es für sie noch Grenzen?
Förster: Ein Stück weit kann man das vergleichen. Musiala und Wirtz sind aber schon einiges weiter als der 19-jährige Lothar. Sie haben beim FC Bayern und in Leverkusen schon gezeigt, dass sie enge Spiele entscheiden können. Solche Spielertypen haben uns lange gefehlt. Und wohin ihr Weg noch führt, zeigt allein die Diskussion über die Transfersummen und Gehälter, die angeblich von fast allen internationalen Topklubs für sie aufgerufen werden.
Ihre Vita spricht Bände: Europameister, Vizeweltmeister und das Double mit Marseille. Ist es heute schwerer, eine solche Karriere hinzulegen?
Förster: Ich glaube eher, dass es heute viel mehr Spieler mit hohem Potenzial gibt. Das liegt an den wesentlich besseren Trainingsbedingungen in den Nachwuchsleistungszentren und die gezielte Ausbildung der Kinder geht viel früher los – trotzdem schaffen viele den Durchbruch nicht.
Sie kennen den VfB als Teammanager, aber auch Hoffenheim als Sportlicher Berater von Dietmar Hopp. Was würden Sie dem VfB raten, damit er kein zweites Union erlebt?
Förster: Was den VfB angeht, sehe ich das Ganze sehr positiv. Die Vizemeister-Truppe bleibt zum Großteil zusammen, es wurden schon früh sehr gute Transfers getätigt. Das wurde in den Meisterjahren 1984 und 2007 total versäumt. Ich denke, man beendet die nächste Saison unter den ersten Fünf. Trainer Sebastian Hoeneß verfolgt eine klare Linie, damit sollte man weiter gut fahren.
Wie würden Sie das Saisonziel der TSG definieren?
Förster: Die TSG ist nun seit knapp 15 Jahren in der Bundesliga – eine Leistung, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Ihre Zielsetzung als Ausbildungsclub haben sie mehr als übertroffen und als Double-Gewinner der U19 Dortmund und Freiburg in diesem Ranking abgelöst. Ein ganz starkes Zeichen an die großen Traditionsklubs und den Rest der Liga. Dazu schaffte es Maximilian Beier auf den letzten Drücker in den EM-Kader. Diese Titel im Nachwuchsbereich bestätigen die Hoffenheimer nicht nur sportlich, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Dietmar Hopp und seine Leute werden sich von ihrem langfristigen Nachwuchskonzept nicht abbringen lassen. Sie sind sich bewusst, dass es auch mal zu Leistungsschwankungen kommen kann.
Kann Maximilian Beier auch im Nationalteam durchstarten?
Förster: Er hat eine gute erste Bundesliga-Saison gespielt, jetzt muss er sich weiter beweisen. Die Gegner werden sich mehr auf ihn einstellen, da wird es schwieriger für ihn. Ich traue ihm den nächsten Schritt zu. Beier steht nicht ohne Grund auf der Liste etlicher Topclubs.
Sehen Sie beim VfB Stuttgart nach Mittelstädt, Anton, Führich, Undav und demnächst wohl Nübel weitere Kandidaten für Julian Nagelsmann?
Förster: Definitiv Angelo Stiller. Er hat unter Sebastian Hoeneß, der ihn von der zweiten Mannschaft des FC Bayern zur TSG Hoffenheim mitgebracht hatte, in seinem ersten Jahr beim VfB einen riesigen Sprung gemacht. Die Art und Weise, wie dieser junge Kerl schon ein Spiel liest. Er ist zwar nicht besonders schnell, aber vom Kopf her ist er vielen Gegenspielern einen Schritt oder Pass voraus, weil er in den entscheidenden Umschaltsituationen defensiv als auch offensiv nicht mehr nachdenken muss. Stillers Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen.
Sie haben Anfang des Jahrtausends eine Spieleragentur gegründet, die vor allem jungen Spielern bei deren Entwicklung zum Profi helfen will. Welche Kriterien gelten da?
Förster: Ich verlange von meinen Jungen absolute Hingabe zum Fußball. Im Gegenzug stehe ich mit Rat und Tat zur Seite. Meine Spieler sollten mein Vertrauen spüren und wissen, dass ihnen jemand gegenübersitzt, der es von Schwarzach bis zur Nationalmannschaft und ganz nach oben im Fußball geschafft hat.
Bis vor zwei Jahren gehörten Timo Werner und Niklas Süle zu Ihrer Agentur. Sie hatten sie über Jahre aufgebaut. Seitdem haben die Zwei beim Bundestrainer an Kredit und in der Öffentlichkeit an Standing verloren. Woran könnte dies liegen?
Förster: Es gibt Agenturen, die Spielern noch größere Karrieren versprechen. Werner und Süle waren Nationalspieler und Champions-League-Sieger. Dann wollten sie neue Wege gehen, was ich bis heute nicht nachvollziehen kann.
Wie und wo verfolgen Sie die EM?
Förster: Beim Spiel Deutschland gegen Ungarn im Stadion, den Rest schaue ich alleine vor dem Fernseher – meine Frau ist nicht der größte Fußball-Fan.
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Kommen dabei Emotionen oder nostalgische Gefühle hoch?
Förster: Ich bin da relativ entspannt und springe nicht bei jedem Tor auf. Aber ich würde mich freuen, wenn die Leidenszeit von drei erfolglosen Turnieren endlich vorbei wäre.
Zur Person: Karlheinz Förster, geboren am 25. Juli 1958 in Mosbach, begann seine Karriere beim TSV Schwarzach. Über Waldhof Mannheim ging es 1975 zum VfB Stuttgart. Dort spielte der Fußballer von 1977 bis 1986 und wurde 1984 deutscher Meister. 1986 wechselte er zu Olympique Marseille, gewann dort zweimal die französische Meisterschaft und beendete 1990 seine Karriere. Förster bestritt 81 Länderspiele, wurde 1980 Europameister und 1982 sowie 1986 Vizeweltmeister. Nach seiner aktiven Laufbahn arbeitete er als Manager und ist heute Spielerberater.
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