Verhältnismäßig oder nicht?
Die Befragung durch den Zoll und die Folgen für die Neckarsulmer Sport-Union.

Der Besuch des Hauptzollamts Heilbronn vor dem Verbandsliga-Spiel Sportfreunde Schwäbisch Hall gegen die Neckarsulmer Sport-Union und die Befragung der Spieler am Samstag hat Spuren hinterlassen. Wir berichteten am Montag bereits. Die große Frage lautet nun: Warum war die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) überhaupt für eine Prüfaktion vor Ort? Rücken denn 30 Beamte an einem Samstagnachmittag aus, wenn man sich nicht sicher ist, dass man etwas finden wird? Was man bislang weiß, und was nicht:
Das ist bekannt: Der Anwalt der Neckarsulmer Sport-Union, Karl-Heinz Branz, betont: "Das Prüfverfahren in diesem Fall erfolgt verdachtsunabhängig." Soll heißen: Es gibt aktuell keinen konkreten Verdacht gegen die NSU, der für die Präsenz der Finanzkontrolle Schwarzarbeit verantwortlich ist. Es läuft kein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen die Neckarsulmer Sport-Union. Wäre dies der Fall gewesen, hätten die befragten Spieler und Funktionäre am Samstag beispielsweise die Aussage verweigern können und den vorgelegten Fragebogen zu ihrem Arbeitsverhältnis nicht beantworten müssen. "Dann hätte der Zoll nicht so vorgehen können, wie er vorgegangen ist", sagt Karl-Heinz Branz.
Klar ist jedoch auch: Aus dem aktuellen Prüfverfahren kann ein Ermittlungsverfahren werden − so es denn hinreichend belastendes Material aus dem Prüfverfahren gibt. Die Ergebnisse der Befragung werden nun mit Zahlen zum Beispiel der gesetzlichen Rentenversicherung oder dem Finanzamt abgeglichen.
Nach Informationen dieser Zeitung haben Sozialversicherungsträger und Finanzamt die NSU-Bücher der zurückliegenden Jahre überprüft. Einschließlich des Jahres 2013, in dem die Neckarsulmer Fußballer im DFB-Pokal mitspielten. Das Hauptzollamt Heilbronn teilt zum Grund für die Befragungen am Samstag in feinstem Amtsdeutsch mit: "Die Prüfungen der FKS richten sich an einem so genannten risikoorientierten Ansatz aus, bei dem Kriterien wie beispielsweise eine etwaige präventive Wirkung oder branchenspezifische Kenntnisse mit einfließen." Einfach so nur auf die Finger und Füße schauen? Für Branz ist das eine fragwürdige Herangehensweise: "Da werden zwei Vereine unter Generalverdacht gestellt. Es kann nicht sein, dass man so auf eine abschreckende Wirkung setzt."
NSU-Funktionär Martin Dorsch sagt: "Wir fühlen uns zu Unrecht an den Pranger gestellt." Vor allem die Art und Weise der Befragung stößt den Beteiligten in Neckarsulm und Schwäbisch Hall auf: "Müsste man so etwas nicht behutsamer angehen, wenn man nur überprüfen will?", fragt Anwalt Branz. Etliche Zuschauer bekamen am Samstag mit, wie die Sportler vernommen wurden. Fakt ist aber auch: Unerkannt und anonym lässt sich solch eine Befragung wohl nicht durchführen.
Das ist nicht bekannt: "Wir wissen nicht, was uns eigentlich konkret vorgeworfen wird", sagt Vereinsvorstand Rolf Härdtner. Gut möglich, dass das auch noch eine Weile der Fall sein wird, denn das Prüfverfahren könnte noch Monate dauern.
Das sind die Folgen: Wie ein Damoklesschwert schwebt der ganze Vorgang nun über den Neckarsulmer Fußballern. Die Verunsicherung bei Spielern und Funktionären ist groß. Es besteht die Gefahr, dass genau dies negative sportliche Folgen hat. "Ich wünsche mir, dass die Mannschaft sich nicht davon aus der Bahn werfen lässt und wir unser ambitioniertes Ziel weiterverfolgen", sagt Marco Merz, der Sportdirektor. Das ist nämlich der Aufstieg in die Oberliga. Die Neckarsulmer sind ja nicht nur im Fußball die Nummer eins im Unterland, sondern auch im Handball und Tischtennis. Schaut hier der Zoll auch genauer hin? Der Gesamtverein wird zudem interne Vorgänge auf den Prüfstand stellen, denn es ist ja nicht auszuschließen, dass es zu weiteren Besuchen der Zöllner kommt, dann vielleicht auch in Neckarsulm.
Ungewisse Zeit
Der Fußball-Amateurbereich rückt nicht ohne Grund immer mehr in den Fokus der Behörden.
Ein Kommentar von Stephan Sonntag
Es ist nachvollziehbar, wenn sich die Verantwortlichen bei der Neckarsulmer Sport-Union zurzeit fühlen wie Josef K. in Kafkas „Prozess“. Da rückt die Staatsmacht in Mannschaftsstärke zu einem Spiel der 6. Liga an und führt in aller Öffentlichkeit Befragungen durch. Jetzt muss voraussichtlich monatelang abgewartet werden, bis die Protokolle ausgewertet sind. Einblick in die Akten gibt es erst nach Abschluss des Prüfverfahrens. In all der Zeit kann der Verein keinen Einfluss nehmen und nicht nur die Fußballer stehen unter Generalverdacht.
Andererseits kann sich der Zoll für derartige Befragungen schlecht vorher ankündigen, schließlich sollen mit der konzertierten Aktion Absprachen verhindert werden. Fälle wie beim FSV Hollenbach oder der Spvgg Neckarelz haben in jüngster Vergangenheit zudem gezeigt, dass im Fußball-Amateurbereich vielerorts nicht gesetzeskonform gearbeitet wird. In beiden Fällen sind die Behörden fündig geworden.
Es kommen ungewisse Wochen auf die Sport-Union zu. Das schwebende Verfahren wird Schatten auf sportliche Erfolge werfen. Der bereits erlittene Imageschaden erschwert die Sponsorensuche. Daher sollte das Zollamt zusehen, dass das Prüfverfahren zügig abgeschlossen wird. Bis dahin sollten sich alle Seiten mit Spekulationen zurückhalten. Es gilt die Unschuldsvermutung.
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