Heilbronner Rugby-Nationaltrainer Mark Kuhlmann: "Wir waren bereit, füreinander zu sterben"

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Rugby-Nationaltrainer Mark Kuhlmann spricht im Interview über den Sport, der sein Leben geprägt und seine vorgezeichnete Beamtenkarriere verhindert hat.

Rugby-Nationaltrainer Mark Kuhlmann in seinem Mini-Fitness- und Devotionalienraum versteckt unter der Treppe in seinem Haus in Böckingen.
Rugby-Nationaltrainer Mark Kuhlmann in seinem Mini-Fitness- und Devotionalienraum versteckt unter der Treppe in seinem Haus in Böckingen.  Foto: Veigel, Andreas

Das rote Trikot mit dem Bundesadler auf der Brust trägt Mark Kuhlmann extra für den Interview-Termin. "So laufe ich normalerweise nicht zu Hause herum. Was sollen denn die Nachbarn denken?", scherzt der 52-Jährige. Bei Cappuccino und Cola light auf seiner weitläufigen Terrasse in Heilbronn-Böckingen dreht sich das Gespräch darum, wie der Sport eine zeitlebens bestehende Leidenschaft entfacht, den Charakter formt und persönliche Bindungen schafft.

Wenn Sie Rugby in drei Worten beschreiben müssten. Welche wären das?

Mark Kuhlmann: Teamgeist. Spaß. (überlegt) Und Wahnsinn.


Können Sie sich erinnern, wann Sie das erste Mal ein Rugby-Ei in Händen hielten?

Kuhlmann: Das muss sehr früh gewesen sein, mir drei, vier Jahren. Denn in meiner Familie haben alle Rugby gespielt, meine Onkels, meine Cousins. In unserem Stadtteil in Hannover war Rugby Sportart Nummer eins. Wir waren also ständig auf dem Rugbyplatz. Mir hat das auch gefallen. Trotzdem bin ich erstmal aus der Art geschlagen, weil ich mit Fußball angefangen habe.


Wie lief die Fußballkarriere?

Kuhlmann: Ich war immer gerade gut genug, um in der ersten Mannschaft zu spielen, aber eher der Typ Holzer, kein guter Techniker.


Wann erfolgte der Wechsel?

Kuhlmann: Mit zwölf Jahren habe ich angefangen, Rugby und Fußball parallel zu spielen. Erst mit 16 bin ich dann komplett gewechselt. In dem Alter war ich enorm sprintstark und hatte ein sehr gutes Ballgefühl. Das ist heute noch so, alle Rückschlagsportarten liegen mir. Eigentlich hätte ich mich viel früher auf Rugby konzentrieren sollen. Das Offensichtliche war aber offenbar nicht offensichtlich genug für mich.


Wäre sonst noch eine ganz andere Rugbykarriere möglich gewesen?

Kuhlmann: Nein, das nicht. Selbst in den großen Rugbynationen entscheidet sich oft erst nach der Pubertät, wohin der Weg führt. Dann lässt sich die körperliche Entwicklung absehen.


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Hatten Sie während der Karriere mal die Option, zu einem Proficlub im Ausland zu wechseln?

Kuhlmann: Ich hatte zu meiner besten Zeit mit 30 Jahren ein Angebot aus Frankreich. Damals steckte das Profitum aber noch in den Anfängen. Das Geld hätte für den Lebensunterhalt nicht gereicht und wäre auch unter der Hand bezahlt worden. Zudem hatte ich mich beruflich bereits etabliert und wollte den Schritt nicht mehr gehen. Heute würde meine Entscheidung definitiv anders ausfallen.


In anderen Ländern lässt sich heute mit Rugby viel Geld verdienen. In Deutschland ist es ein reiner Amateursport. Es braucht also schon eine große Leidenschaft, sich für diesen Sport zu entscheiden.

Kuhlmann: Das ursprüngliche Interesse eines Kindes oder eines Jugendlichen an einer Sportart wird ja nicht durch die Aussicht auf Geld und Ruhm geweckt. Sonst gäbe es ja auch keine Judoka, Wasserballer oder Hockeyspieler.


Anfangs vielleicht nicht. Rugby ist aber ein enorm trainingsintensiver und körperlich beeinträchtigender Sport. Da braucht es schon eine gewisse Opferbereitschaft.

Kuhlmann: Stimmt. Man muss schon ein kleines bisschen verrückt sein, um Rugby zu spielen. Der Reiz geht aber auch vom Teamgedanken aus. In unserer heutigen Zeit gibt es das nicht mehr so wahnsinnig oft - eine Gemeinschaft, die zusammen durch dick und dünn geht.


Ist das nicht in jeder Teamsportart der Fall?

Kuhlmann: Im Rugby ist das schon besonders ausgeprägt und geht auch schon Mal über ein gesundes Maß hinaus. Wenn ich mich an meine erfolgreiche Zeit bei meinem Heimatverein DRC Hannover zurückerinnere, da waren wir eine eingeschworene Truppe. Das war mehr als nur Freundschaft, wir waren wie Brüder. Wir waren bereit, füreinander zu sterben.


Im wörtlichen Sinne?

Kuhlmann: Ja.


Das sind Bande, die heute noch bestehen, oder?

Kuhlmann: Absolut. Erst vor sechs Wochen war ich mit vier meiner ehemaligen Mitspieler für ein Wochenende in Prag. Das sind meine vier besten Freunde. Wenn man im Leben überhaupt mehr als zwei richtige Freunde findet, hat man schon enormes Glück gehabt.


Sind die ebenfalls noch dem Rugby verbunden?

Kuhlmann: Sie verfolgen es noch, aber nur einer ist als Spieler und Trainer aktiv. Er ist aber auch ein paar Jahre jünger als ich.


Sie haben auch bis Mitte 40 in Neckarsulm noch den Spielertrainer gegeben.

Kuhlmann: Ich hatte meine aktive Karriere ja eigentlich mit 36 beendet. In der 2. Liga konnte ich dank meiner Erfahrungen schon noch helfen. Das hat mir auch Spaß gemacht. Sicher war das zu lang. Es hat mich aber nicht kaputter gemacht, als ich ohnehin schon war.


Nach einem kurzen Intermezzo als Interimslösung sind Sie seit fast zwei Jahren Trainer der deutschen 15er-Nationalmannschaft. Allerdings dürfen Sie sich nicht Bundestrainer nennen. Warum?

Kuhlmann: Bundestrainer wäre eine hauptamtliche, vom Innenministerium bezahlte Stelle. Das bin ich aber nicht. Ich arbeite auf Honorartrainer-Basis für den Verband. Ich bin also Nationaltrainer im Nebenberuf.


Das ist schon ungewöhnlich in einer Sportart, deren WM als drittgrößte Sportveranstaltung der Welt gilt. In vielen deutschen Nachbarländern ist die Sportart deutlich populärer.

Kuhlmann: Das hängt mit der deutschen Sportlandschaft zusammen. Wir sind ein fußballverrücktes Land...


...das sind Engländer oder Franzosen aber auch...

Kuhlmann: Die Deutschen brauchen aber immer erst den strahlenden Helden. Wie im Tennis der 80er Jahre und später in den 90er Jahren im Radsport. Dann rennt plötzlich alles dahin und das ganze Drumherum wird aufgebaut. Auf einen solchen strahlenden Helden wartet der Rugbysport hierzulande noch.


Der könnte aber am wahrscheinlichsten in der Siebener-Variante geboren werden, die seit 2016 olympisch ist.

Kuhlmann: Ich vergleiche das 15er- und Siebener-Rugby gerne mit Volleyball und Beachvolleyball. Es ist die gleiche Ursprungs-Sportart, aber eine andere Spielform. Die 15er Variante bietet sich für Olympische Spiele auch nicht an, weil mindestens eine Woche Pause zwischen zwei Partien liegen sollte.


Bliebe als Plattform für Helden-Geburten nur die Rugby-WM, für die sich Deutschland aber noch nie qualifiziert hat.

Kuhlmann: Das Teilnehmerfeld bei der Rugby-WM wächst zwar kontinuierlich, nur für Deutschland hat es bisher immer noch nicht gereicht. Von der Qualifikation sind wir noch einen ganzen Schritt entfernt, obwohl wir jetzt wieder in die höchste europäische Liga aufgestiegen sind.


In der spielt auch das WM-Teilnehmerland Georgien. Nicht gerade bekannt als internationale Sport-Nation.

Kuhlmann: Rugby ist Nationalsport in Georgien. Gegen Italien waren zuletzt 60.000 Zuschauer im neuen Stadion in Batumi. Ich hoffe, dass wir eine ebensolche Kulisse haben, wenn wir dort spielen.


Das würde Sie nicht nervös machen?

Kuhlmann: Nein. Der Sport hat mich gelehrt, mit Stresssituationen umzugehen. Ich bin eigentlich immer Herr der Situation.


Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Rugby in ihrem Leben keine Rolle gespielt hätte?

Kuhlmann: (überlegt) Ich wäre wohl ein spießbürgerlicher Beamter geworden. Mein familiäres Umfeld war prädestiniert dafür. Mein Vater war Beamter, wir haben in Hannover ein durch und durch durchschnittliches Leben geführt. Ich habe ja sogar mal eine Beamtenlaufbahn eingeschlagen, bin aber leider, leider durch die Zwischenprüfung gefallen (lacht). Viel von meiner Persönlichkeit, von meinem Werdegang ist eng mit dem Rugbysport verknüpft.


Beim Traditionsclub DRC Hannover hat Mark Kuhlmann das Rugbyspielen gelernt und sieben deutsche Meistertitel gefeiert. 48 Mal hat der gelernte Innendreiviertel den Adler auf der Brust getragen, war mehrere Jahre Kapitän der 15er-Nationalmannschaft. Im Jahr 2012 übernahm Kuhlmann das Traineramt beim Zweitligisten aus Neckarsulm und führte den Verein 2017 in die erste Bundesliga. Seit knapp zwei Jahren ist der Versicherungskaufmann Nationaltrainer der deutschen 15er-Nationalmannschaft. Mit seiner Frau Stefanie lebt Kuhlmann in Heilbronn-Böckingen.

 

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