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Neue Linienrichter-Technik beim Heilbronner Neckar-Cup nicht ganz fehlerfrei

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Beim Neckar-Cup in Heilbronn ersetzt das nicht gerade günstige ELC erstmals die Linienrichter. Auf Sand ist die neue Technik nicht ganz fehlerfrei. Und noch immer braucht es viel Personal.

Es ist ein Reflex. Wenn eine Stimme auf dem Platz "out!" ruft, suchen Tennisprofis gerne den Blickkontakt zum Linienrichter, frei nach dem Motto: Bist du dir sicher? Beim 10. Heilbronner Neckar-Cup geht der Blick ins Leere, denn es gibt auf dem Platz keine Linienrichter mehr. Es ist eine Maschine, die mit einem etwas blechernen "Out!"-Ruf mitteilt, dass der Ball im Aus gelandet ist.

Die Maschine ist Hightech. Die drei Turnierplätze am Trappensee sind belagert beziehungsweise umzingelt von jeweils 40 Infrarot-Ultra-Hochgeschwindigkeitskameras, die bis zu 3000 Bilder in der Sekunde erfassen können, und werden von einem Hochgeschwindigkeits-Laserscanner-System unterstützt.

Auf Sand war die Technik lange nicht ausgereift

Das Prinzip kennt man aus dem Fernsehen, wenn ganz großes Tennis gezeigt wird. Bei einem Sandplatzturnier der Challenger-Kategorie ist Electronic Line-Calling (ELC) neu. "Oh, das wusste ich noch gar nicht, dass ELC hier eingesetzt wird", sagt Yannick Hanfmann. "Ich bin gespannt." Denn auf Hartplatz und Gras steht ELC für Technik, die begeistert. Auf Sand war sie jedoch lange nicht ausgereift. Weil es auf diesem Belag einen Abdruck gibt und der sprichwörtlich ein dehnbarer Begriff ist. Welches der 3000 Bilder pro Sekunde ist das richtige?

Sie haben mit ELC weniger Arbeit: Stuhlschiedsrichter wie Christoph Damaske.
Sie haben mit ELC weniger Arbeit: Stuhlschiedsrichter wie Christoph Damaske.  Foto: Berger, Mario

Die Firma Foxtenn wirbt im Turniermagazin des Neckar-Cups damit, dass ihre Technologie "zum ersten Mal den Ballaufprall genauer erfassen kann als die tatsächliche Ballmarkierung auf dem Boden". Das will Louis Weßels so nicht bestätigen. "Bei mir war am Sonntag eine Fehlentscheidung dabei", sagt der 25-Jährige, der damit aber gut leben kann. "Es ist eine sehr gute Idee. Es wird sich weiterentwickeln. Und zuallererst ist es für die Schiedsrichter einfacher." Denn die müssen nicht mehr bei strittigen Entscheidungen von ihrem Stuhl aufspringen und die Abdruckmarke begutachten, sondern starten im Fall der Fälle eine Abfrage, die in Sekundenschnelle auf den Videoboards eingeblendet wird und zeigt, ob der Ball "in" oder "out" war.

Der Abdruck auf Asche ist eine besondere Sache

Louis Weßels findet es "cool, dass man Bälle checken darf". Das kommt nicht übertrieben häufig vor. "Die Spieler können das unbegrenzt einfordern", sagt Ahmed Abdel-Azim, der in Heilbronn die Spielerorganisation ATP als Supervisor vertritt. Aber die Erfahrung lehrt Akzeptanz. "Es ist praktisch immer richtig", sagt der 18-jährige Lasse Pörtner. "Ich kenne das von den US Open der Junioren. Auch wenn es auf Sand nicht sein müsste: Ich finde es trotzdem gut, weil der Call steht." Der Inder Sumit Nagal ist auf seine ELC-Premiere auf Sand gespannt: "Bei ELC hast du keine Argumente, wobei der Abdruck auf Asche eine besondere Sache ist. Ich hoffe, es funktioniert." Sollte es, denn der Aufwand ist beträchtlich.

 Foto: Berger, Mario

Foxtenn ist mit einem zwölfköpfigen Team aus Barcelona angereist. Firmenchef Javier Simon ist froh, dass er sich mit seinem Test für Heilbronn entschieden hat: "Die Unterstützung ist großartig." Ja, die Spanier sind grundsätzlich auf eigene Rechnung beim Neckar-Cup. "Wenn wir ELC mieten würden, müssten wir dafür 45 000 Euro zahlen", hat Turnierdirektorin Mine Cebeci vor zehn Tagen gesagt. Ja, es lässt sich für Veranstalter Geld sparen, wenn es 30 bis 40 Linienrichter weniger braucht - acht sind beim Neckar-Cup noch immer im Einsatz: um die Bälle auszutauschen und als Sicherheit, falls die Technik zickt. Aber das alles kann einem durchaus spanisch vorkommen, wenn auf dem Platz weniger Menschen sind, aber umso mehr hinter den Kulissen, mit ständigem Blick auf Monitore.

Wie soll man Nachwuchs für die Schiedsrichterei finden?

Ab 2025 ist ELC nur auf der ATP-Ebene Pflicht. Deshalb liefern sich Hawk-Eye, Foxtenn und Co. gerade eine Hightech-Schlacht. Es geht um Lizenzen, es geht ums Geld. ELC in der Turnierliga darunter, auf Challenger-Ebene, wäre ein (unnötiger) Kostenfresser. Auch ohne ELC-Pflicht sind dieses Jahr drei der zuvor zehn deutschen Challenger nicht mehr im Kalender - neben dem Aus von Troisdorf und Meerbusch ist auch der Wechsel von Ismaning von einem Männer- auf ein Frauen-Turnier amtlich. Und wie soll man Nachwuchs für die Schiedsrichterei finden, wenn der Einstieg als Linienrichter (fast) wegfällt? Oder werden die Stuhlschiedsrichter als nächstes abgeschafft?

 
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