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Extrem-Klettertour

Amelie Kühne ist von ihrer Grönland-Expedition zurück – mit atemberaubenden Bildern

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Ausnahmekletterin Amelie Kühne aus Untereisesheim hat mit dem Exped-Kader des DAV in Grönland 10.500 Klettermeter absolviert. Was die 21-Jährige bei ihrer Tour erlebt hat.

Mit zwei Kletterkameradinnen feiert die Untereisesheimerin − hier mit Eisbärenmütze − die Ankunft nach der Erstbegehung von "Discofox".
Mit zwei Kletterkameradinnen feiert die Untereisesheimerin − hier mit Eisbärenmütze − die Ankunft nach der Erstbegehung von "Discofox".  Foto: Amelie Kühne

Die Seife fehlt. Ein Gast hat sie mitgenommen. Er ist nie eingeladen worden - und schaut doch jede Nacht vorbei: ein Fuchs. "Der hat richtig süß ausgesehen", sagt Amelie Kühne und schränkt ihre Freude etwas ein. Schließlich nagt der hartnäckige Geselle ihre Zelte an. Nicht mal der Ton, den er beim Berühren des Bärenzauns auslöst, schreckt ihn oder nimmt ihm die Neugierde.

Und doch wird sich die Untereisesheimerin noch ewig an ihn und ihr Basislager auf einer Wiese mit rosa Weidenröschen und Moos erinnern – den Ausgangspunkt ihrer Abschlussexpedition nach Grönland. An den Bach mit Gletscherwasser, in dem sie sich gewaschen haben. Und allen voran an die nochmals etwa zwei Laufstunden entfernten Fox Jaw Gipfel im Tasiilaq-Fjord an der Ostküste, jene Reihe felsiger Granitgipfel, die wie der zahnbesetzte Kiefer eines Fuchses aufragen.

 


Intensive Eindrücken, teamstärkende Erlebnissen und schwierige Erstbegehung

Diese besondere Destination wählen die jungen Frauen des Exped-Kaders des Deutschen Alpenvereins nach vier (Lern-)Jahren aus. "Wir haben uns aufs Klettern fokussiert, die Gruppen davor eher aufs Bergsteigen", sagt Amelie Kühne über ihren sorgsam vorbereiteten Trip, der am 11. Juli startet und vier Wochen später mit intensiven Eindrücken, teamstärkenden Erlebnissen und einer schwierigen Erstbegehung endet. "Unsere Neutour heißt Discofox, weil wir auf allen Gipfeln getanzt haben und wegen des Fuchses, der im Lager rumspaziert ist", meint Amelie Kühne.

Ihre Augen strahlen, sie ist auch nach ihrer Rückkehr noch immer beseelt. Mit Vokabeln wie "episch", "überwältigend" und "Wahnsinn" versucht sie zu beschreiben, was sich tief in ihrem Gedächtnis eingebrannt hat. "Es hat sich wie ein großer Traum angefühlt, der viel zu schnell zu Ende war. Ich habe jeden Moment genossen", sagt Amelie Kühne. "Es war die beste Entscheidung, mich zu bewerben. Diese Zeit hat mir Türen geöffnet - und Freunde in vielen Ländern beschert."

 


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"Mein Zuhause ist derzeit die Welt"

Die Studentin für Sport und Französisch fühlt sich nun vorbereitet auf alles, was da noch kommen mag. "Da sieht man, wie man gewachsen ist und was sich alles verändert hat", meint die 21-Jährige. Touren. Erstbegehungen. Weitere Expeditionen. Oder irgendwann die Ausbildung zum Bergführer. Amelie Kühne glaubt zu spüren, wann die Zeit gekommen ist. Im September geht zunächst ihr Studium in Grenoble weiter. Weil es ihr dort nach dem Wechsel von Innsbruck nach Frankreich zu Jahresbeginn so gut gefällt, hat sie verlängert. "Mein Zuhause ist derzeit die Welt", sagt sie und grinst, "in meinem Auto, einem Berlingo, fühle ich mich am wohlsten."

Mit den Mädels aus dem Expeditionskader ist sie zur Familie verschmolzen. In der Abgeschiedenheit Grönlands lernen sie, als Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, meistern alle Widrigkeiten: Beim Schießkurs, um sich vor Eisbären zu schützen. Beim Schleppen ihrer 800 Kilo Gepäck durch einen oberschenkeltiefen Fluss und zehn Kilometer ins Landesinnere. Als Gruppe genießen sie jedoch auch die unkalkulierbaren Schönheiten, die die Fremde ihnen offenbart: Wale im Eismeer oder drollige Husky-Welpen.

 


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Berge, Wale und Husky-Welpen

Amelie Kühne führt Tagebuch. Darüber, dass ihr ursprüngliches Ziel wegen des ungewöhnlich vielen Wintereises doch nicht erreichbar ist und sie Inuits mit dem Boot zu ihrem Alternativort bringen. Und schießt unzählige Fotos. Grandiose Naturaufnahmen mit Eisbergen oder Alltagsszenen wie das Fußballspiel der Frauen in Tasiluk zur Mittagszeit. Die meisten Motive aber sind: Berge. Und Kletterszenen.

Ernüchterung inklusive. Nicht nur, weil sich das Wetter verschlechtert. Auf sandigen Platten zehn Meter über dubiosen Klemmgeräten heikle Züge zu machen, ist nicht das athletische Handrissklettern, das sich die Crew erträumt hat. "Ich habe mich nicht davon beeindrucken lassen. Es ist doch ein Privileg, auf einer Expedition zu sein", sagt Amelie Kühne. Daher richten sie in zwei Teams selbst eine Tour am Molar ein, dem zweiten Gipfel der Zähnekette. Als Belohnung folgen genussreiche Momente. Kühne: "Es war so cool fürs Team, weil alle ihren Beitrag dazu geleistet haben." Die Unterländerin erzählt von der Nacht im Portaledge - und dem Gipfeltanz am fünften Tag. "Danach war ich im Rausch und Flow, wir haben gleich über die nächste Tour geredet."

Die Nacht durchgeklettert

Gesagt, umgesetzt. Mit Rosa Windelband gönnt sich Amelie Kühne noch eine Zugabe, sie starten am Nachbargipfel Incisor in die Route "Beers in Paradise" und stehen nach zwölf Stunden am Gipfel. "Wir sind die Nacht durchgeklettert, das war total crazy", sagt Amelie Kühne, "da wird es ja nicht dunkel. Wir hatten voll Spaß." Krümeliges Körnerbrot mit Erdnussbutter gibt ihnen Energie, doch das Abseilen wird zur Tortur. Zu kurze Seile, zunehmende Müdigkeit. "Jede Bewegung, jeden Hammerschlag machst du nur noch in Zeitlupe", meint Amelie Kühne nach dem 23-stündigen Akt in der Wand, "ich war so platt." Aber viel wichtiger: unsagbar glücklich.

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