Eine zweite Chance für Ringer Papi bei den Red Devils Heilbronn
Der aus dem Iran geflüchtete Abdolmohammad Papi von den Red Devils feiert seine EM-Premiere im deutschen Nationalteam. Erst vor viereinhalb Jahren kam Papi nach Deutschland.

Die Bilder ukrainischer Kriegsflüchtlinge, die in Deutschland ankommen, rufen bei Abdolmohammad Papi schlimme Erinnerungen hervor. An seine eigene Flucht vor etwa viereinhalb Jahren aus dem Iran. "Da kommt die ganze Geschichte innerlich wieder hoch", sagt der 34-Jährige. Papi war in der vergangenen Saison ein Punktegarant des Ringer-Bundesligisten Red Devils Heilbronn. Früher kämpfte er für den Iran, bei der Europameisterschaft in Budapest wird er von heute an aber erstmals bei einem großen Turnier im deutschen Nationaltrikot auf die Matte gehen.
"Er hat das Potenzial, dort Gold zu holen. Er gehört zu den Besten der Welt", sagt der dreimalige Weltmeister Frank Stäbler. Der Musberger ist für Papi eine der wichtigsten Personen, die er seit seiner Flucht Ende 2017 getroffen hat. Der Ex-Red-Devil, der beim Halbfinal-Aus der Heilbronner am 12. Februar gegen den Serienmeister Wacker Burghausen seine erfolgreiche Karriere auch national beendet hat, half Papi ein neues Leben aufzubauen und hat ihn in seine Trainingsgruppe aufgenommen, auch von der Klasse Papis profitiert.
Überwacht und diskriminiert
Der mehrmalige iranische Meister gewann 2013 Silber bei den Asienmeisterschaften. Der Weg zu einer WM oder Olympischen Spielen blieb ihm jedoch verwehrt. Auch, weil Papi zu viele Fragen stellte und die religiösen Ansichten in seiner Heimat nicht alle teilte. Er habe auch nicht verstanden, warum er bei einem internationalen Wettkampf nicht gegen einen Athleten aus Israel antreten solle. Papi wurde gesperrt, seine Familie überwacht und seine sportliche Lage immer düsterer - die Flucht war der einzige Ausweg.
"Ich hatte große Angst vor dem, was kommen würde", erzählt Abdolmohammad Papi. "Meine Frau und ich hatten jeder nicht mehr als einen Rucksack mit Kleidern dabei, dazu unseren kleinen Sohn. Alles andere haben wir zurückgelassen." Paya ist eineinhalb, als ihn Schlepper mit seinen Eltern aus der Provinz Khuzestan mit dem Schiff von Katar über die Niederlande nach Deutschland bringen. Dort ziehen sie monatelang von einer Flüchtlingsunterkunft in die nächste, ehe sie dank der intensiven Mithilfe und Fürsprache Stäblers in Musberg unterkommen.
Die Ringer werden schnell beste Freunde. "Wir sprachen kein Deutsch, brauchten Spenden und Sozialhilfe", erzählt Papi. "Ich bin dem Deutschen Ringerbund und Frank unendlich dankbar." Stäbler besorgt ihm einen Job als Nachwuchstrainer und damit auch eine Aufenthaltserlaubnis. Papi lernt am Morgen mit Grundschülern Deutsch, am Nachmittag bringt er ihnen die ersten Ringergriffe bei. Vor drei Jahren wird seine Tochter Tyam - deren Name übersetzt "meine Augen" heißt - in Deutschland geboren. Im August 2021 erhält Abdolmohammad Papi die deutsche Staatsbürgerschaft. Zudem vermittelte Stäbler den Greco-Spezialisten zu den Red Devils.
Überraschung
Wie Frank Stäbler, der in Budapest als Fan mit auf der Tribüne sitzen wird ("darauf freue ich mich besonders"), traut auch der ehemalige Devils-Abteilungsleiter Jens Petzold dem Heilbronner Punktegaranten viel zu. "Er ist für eine Überraschung gut und hat auch eine Medaillenchance, wenn es optimal läuft. Es war sein Traum und er hat fokussiert darauf hingearbeitet für Deutschland starten zu dürfen." Petzold freut sich für Papi, der "eine schwere Zeit mit drohender Abschiebung hinter sich hat". Bei der WM in Oslo im späten Herbst 2021 hatte es mit der Premiere im Nationaltrikot noch nicht geklappt.
Auch Ex-Devils-Trainer Patric Nuding sieht Papis Chancen optimistisch - auch wenn "die Klasse bis 60 Kilo extrem stark besetzt ist. "Ruft er seine Leistung ab, ist eine Medaille drin." Papi selbst sagt über seine Premiere: "Ich habe schon jetzt gewonnen. Eine Medaille wäre ein Bonus." Ein verdienter, denn trotz Ellbogenverletzung und nach einer Corona-Infektion hat Abdolmohammad Papi zuletzt viel geopfert und sich mit im Team mit Bundestrainer Michael Carl vorbereitet.
Derzeit spricht einiges dafür, dass Papi trotz seines Umzuges nach Remscheid auch nächste Saison das Devils-Trikot trägt. "Wir sind zuversichtlich ihn zu halten. Final entscheidet er sich nach der EM", sagt Petzold.
Popp verzichtet, Ramazanov gewinnt Bronze
Die Europameisterschaften in der ungarischen Hauptstadt Budapest finden ohne das Red-Devils-Eigengewächs Eduard Popp statt. Der Schwergewichtler und EM-Dritte von 2021 aus Möckmühl gönnt sich eine Auszeit vom internationalen Geschehen. Neben Abdolmohammad Papi ist die Ringer-Abteilung des SV Heilbronn am Leinbach aber noch durch Ramazan Ramazanov (70 Kilogramm Freistil für Bulgarien) und Yunus Emre Basar (Griechisch-Römisch, 77 Kilo für die Türkei) vertreten. Ramazanov gewann die Bronzemedaille. Auch Taimraz Friev, der international für Spanien startet, war für die kontinentale Meisterschaft in Ungarn gemeldet. Die politische Situation nach dem russischen Angriffkrieges in der Ukraine hat seinen Start jedoch verhindert. "Taimuraz lebt in Russland, daher hat es mit seinem Flug nicht geklappt", berichtet der ehemalige Heilbronner Coach Patric Nuding.
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