Interview: Fußballtrainer Martin Kimmig über den Ehrgeiz beim Nachwuchs
Einmal wie Thomas Müller Pokale abräumen? Trainer und Mediziner Martin Kimmig spricht im Interview über falschen Ehrgeiz und überzogene Erwartungen im Jugendfußball - bei Kindern und deren Eltern.

Kein Tor, kein Sieg, kein Weltuntergang? Für viele Nachwuchskicker und vor allem für deren Eltern offenbar doch. Das Thema Jugendfußball begleitet den Mediziner Martin Kimmig aus Oberstenfeld seit Jahrzehnten. Als Trainer, Koordinator und Sprecher der Spielgemeinschaft ABI steckt er viel Zeit und Herzblut in die Nachwuchsarbeit. Einige Entwicklungen beobachtet er allerdings mit Sorge. Falsches Leistungsdenken von Eltern und Kindern gehört dazu, sagt er im Interview.
Herr Kimmig, als Kinder- und Jugendarzt haben Sie eigentlich keinen Beruf, der einen frühen Feierabend impliziert. Wie oft in der Woche sind Sie dennoch auf dem Sportplatz zu finden?
Martin Kimmig: Unter der Woche sind es mindestens drei Mal. Dazu kommt ein Spiel am Wochenende. Und es gibt natürlich noch weitere Aufgabenfelder wie den Förderverein oder den sogenannte ABI-Rat unserer Spielgemeinschaft – ABI steht dabei für Abstatt, Beilstein, Ilsfeld, plus Heinriet. Es gibt immer viel zu besprechen. (lacht) Manchmal fragt man sich schon, was der eigentliche Fulltime-Job ist.
Wieso haben Sie sich Fußball ausgesucht?
Kimmig: Ich habe schon immer gern gekickt – auch wenn ich als Kind und Jugendlicher nie in einem Verein gespielt habe, weil ich im Internat war. Mir war es vor allem aber wichtig, ein Ehrenamt auszufüllen. Als mein Sohn im entsprechenden Fußballalter war, es aber kein Angebot in Oberstenfeld gab, bin ich eingestiegen. Mit zwei anderen Vätern habe ich ein Team gebildet und alles ab den E- und D-Junioren gemanagt.
Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Spieler?
Kimmig: Man muss dabeibleiben. Fußballtraining ist keine On-/Off-Veranstaltung, zu der man nach Lust und Laune hingeht – oder wegbleibt. Dieses Phänomen macht nicht nur uns zu schaffen, sondern es geht zahlreichen Sportvereinen so. Diese rücken aus Sicht vieler Eltern immer mehr in den Dienstleistungsbereich. Man gibt sein Kind ab, erwartet ein extrem qualifiziertes Training und kaum hört man, dass irgendwo anders die Kinder noch stärker, noch besser gefördert werden, sind sie weg.
Das heißt, die Vorstellung einer Fußballmannschaft, in der elf Freunde als verschworene Gemeinschaft viele Jahre auf dem Platz um den Ball kämpfen und Spaß haben, ist überholt?
Kimmig: Im Jugendfußball trifft das Bild vielleicht noch auf die kleinen Vereine zu, die viel Wert auf die Vereinsarbeit legen. Obgleich auch dort die Unterstützung von außen immer weniger wird. Bei den ganz jungen Jahrgängen – wie den Bambini (Jahrgang 2016 und jünger, Anmerkung der Redaktion) oder der F-Jugend – geht es auch noch ganz gut. Da ist viel Spaß dabei. Aber bei den höheren Klassen träumt der eine oder andere davon, dass er unbedingt etwas erreichen muss. Entsprechend schwierig ist es bei den D- und C-Junioren. Da verkehrt sich der Leistungsgedanke oft ins Negative, da schielen sie auf die Bundesliga. Bei den B-Junioren werden die Spieler dann wieder etwas realistischer. Der Gedanke, mit den eigenen Kumpels zusammen zu kicken, wird wieder wichtiger.
Dazu passt es, dass laut Studien besonders viele Kinder in der C-Jugend mit dem Fußball wieder aufhören. Wie kann man diese Nachwuchsspieler im Verein am Ball halten?
Kimmig: Dafür ist ein Spagat nötig. Man muss für alle Niveaubereiche in den Spielklassen Angebote machen – beispielsweise durch ein Sondertraining für die besonders guten Spieler. Und man muss auch den schwächeren Einsatzzeiten garantieren können. Jeder, der mit Leidenschaft kickt, will spielen und nicht auf der Bank sitzen.
So vielfältig wie die Spieler sind die Eltern. Es gibt die Desinteressierten, die mit dem Komplex Vereinsfußball wenig anfangen können, und auf der anderen Seite die stark leistungsorientierten Eltern, für die jedes Spiel mit einem Sieg enden soll ...
Kimmig: Es gibt noch eine dritte Gruppe. Zum Glück. Das sind die Eltern, die sagen, sie helfen gern, weil sie es im Verein schön finden und sie merken, dass es ihrem Kind dort gut geht. Aber in der Tat, diese sind nicht mehr so häufig. Die erste Gruppe ist relativ groß und denen ist oft völlig egal, ob das Kind sagt, es hat heute keine Lust zum Training, weil das Wetter nicht so gut ist oder sie noch etwas fertig zocken müssen.
Und die ehrgeizigen Eltern?
Kimmig: Diese zurückzuhalten, ist schwierig. Das geht oft schon während des Trainings los, ist aber vor allem ein Problem am Spielfeldrand. Als Trainer hat man da oft keine Chance, weil ständig irgendeiner etwas reinbrüllt. Sie können oft nicht verstehen, warum ihr Kind plötzlich ausgewechselt wird und ein viel schlechterer Spieler auf das Feld darf. Dieser Ehrgeiz sorgt dann dafür, dass sie irgendwann sagen, die Mannschaft ist uns zu schlecht, wir müssen irgendwo anders hin und den Verein wechseln.
Es gab vor ein paar Jahren den Versuch einer Fair-Play-Liga bei den F- und E-Junioren. Bei dieser regelten die Kinder das Spiel selbst, bei Problemen schritten beide Trainer gemeinsam ein. Die Zuschauer mussten sich 25 Meter vom Spielfeldrand entfernt aufstellen, um nicht möglicherweise Aggressionen zu schüren...
Kimmig: Es wird teilweise heute noch bei den Bambini und F-Junioren gemacht. Es klappt eigentlich auch gut, sofern sich tatsächlich die Eltern und Trainer daran halten. Das Problem ist, dass die Eltern oft unweigerlich näher rücken und zum Teil auch aggressiv reagieren, wenn man sie darauf hinweist, den Abstand einzuhalten. Ich bin überzeugt, dass Kinder das Spiel unglaublich gut selbst regeln können.
Den Frust mancher Eltern bekommen immer öfter auch die Schiedsrichter zu spüren. Sie selbst pfeifen Begegnungen im Junioren-Bereich. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht?
Kimmig: Es hängt viel an den Trainern, wie diese die Eltern und die Kinder im Griff haben. Wenn dies gelingt, ist alles nur halb so schlimm. Aber ich habe bereits Spiele erlebt, bei denen man von den Kindern und gleichzeitig von den Eltern angepöbelt wurde, weil sie angeblich eine Abseitsstellung gesehen haben wollen. Wir haben leider keinen Videoassistent, wir haben nicht mal Linienrichter, die dies klären könnten. Aber die Beleidigungen gehen manchmal ins Persönliche hinein. Da muss man dann tief Luft holen und sagen, jetzt ist mal gut hier.
Wie unterstützt man seine Kinder richtig?
Kimmig: Wenn ein Junge oder Mädchen sagt, ich möchte im Verein kicken, sollte man sie in ihrem Wunsch bestärken, diesen aber auch mit einer Forderung verbinden. Zum Beispiel: Wir bringen dich zum Training, wir schauen zu, aber wir erwarten auch, dass du es durchziehst. Und nicht nach einem Vierteljahr einfach wegbleibst. Der Trainerjob macht uns unheimlich viel Spaß, aber wir können die Kinder auch nur entwickeln, wenn sie regelmäßig zu uns kommen.
Wenn Sie zurückblicken: Wie waren Sie selbst als Vater auf dem Fußballplatz?
Kimmig: Mein Sohn hat oft mit mir geschimpft und gesagt, ich sei ihm gegenüber am kritischsten. Ich habe versucht, mich zurückzunehmen und im Trainergespann als Teamplayer zu arbeiten. Das hat funktioniert. Wenn mein Sohn mal nicht spielen durfte, war es okay für mich.
Was die Jugendarbeit Ihrer Ansicht nach auch erschwert: Einzelne Vereine aus Heilbronn konzentrieren sich im Bereich Jugendfußball zu sehr darauf, erfolgreich entwickelte Talente im Umland abzuwerben, anstatt die eigenen Kinder vor Ort zu fördern.
Kimmig: Ja, dieses Ausbluten bereitet uns durchaus Sorgen. Zwei der Vereine bieten nicht mal mehr Trainingsmöglichkeiten für die Kleinsten (Bambini) an.
Was würden Sie einem talentierten Spieler mit auf den Weg geben?
Kimmig: Das ist schwierig. Ein früheres Talent aus Beilstein spielt mittlerweile bei Hoffenheim und ist Junioren-Nationalspieler. Heute muss ich sagen, es war richtig, dass er damals gewechselt ist. Auch wenn es ein harter Weg ist. Aber die ganz große Mehrheit im Unterland wird niemals in der Bundesliga spielen. Mein Rat lautet deshalb: Der Spaß und die Leidenschaft müssen im Mittelpunkt stehen – beides gilt es zu erhalten. In meiner Mannschaft gibt es auch Spieler, die locker in einem stärkeren Verein auflaufen könnten. Aber genau diese Jungs fühlen sich in der Truppe so wohl, dass sie gern bleiben.
Zur Person
Dr. Martin Kimmig wächst im Schwarzwald auf und kommt im Alter von zehn Jahren in ein Internat in Sasbach bei Achern. Nach der Schulzeit absolviert der 55-Jährige ein soziales Jahr in einem Kinderheim in Sinzheim, daran anschließend studiert er Medizin in Freiburg und Mainz. Sein praktisches Jahr verbringt er in Bolivien. Seine Ausbildung führt ihn in die Krankenhäuser nach Kaiserslautern, Neuwied und Ludwigshafen. Nach mehreren Jahren in Beilstein wohnt der dreifache Familienvater in Oberstenfeld, wo er seit 2000 eine Kinder- und Jugendarztpraxis betreibt. Als Trainer hebt er die Spielgemeinschaft ABI (Abstatt, Beilstein, Ilsfeld) 2012 mit aus der Taufe.
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