Mittendrin in den Unsicherheiten
Zwischen Lieferschwierigkeiten, Fachkräftemangel, Transformation und hoher Nachfrage: Die Industrie muss sich neu sortieren. Ein Gespräch mit Arbeitgebervertreter Jörg Ernstberger und Gewerkschafter Michael Unser

"Wir sind schon froh, dass dieses Jahr vorüber ist", schickt der Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Heilbronn, Jörg Ernstberger, vorneweg. "Da war schon viel Vuca." Der wissenschaftliche Begriff, mit dem eine Welt voller Volatilität, Unsicherheit und Komplexität bezeichnet wird, hat es in den vergangenen anderthalb Jahren ins Standard-Vokabular vieler Wirtschaftsvertreter geschafft. Denn es hat sich gezeigt, dass auch ein Ende der Corona-Einschränkungen keinesfalls ein Ende der Unsicherheiten bedeutet.
Weniger Lehrstellen, weniger Fachkräfte
Jede in der Pandemie getroffene Entscheidung wirkt nach. So etwa auch die Ausbildung junger Arbeitskräfte. "Die Zahl der Azubis in der Metall- und Elektroindustrie im Raum Heilbronn ist von 750 auf 550 gesunken", sagt Michael Unser, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Heilbronn-Neckarsulm. Er befürchtet: "Es wird schwierig, das vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels aufzuholen."
Zusätzlich zum allgemeinen Mangel an gut ausgebildeten Arbeitnehmern wird der Bedarf in Zukunftsbranchen besonders anwachsen. "Ich weiß nicht, woher wir künftig die ganzen ITler hernehmen sollen", sagt Unser. Klar sei, dass sich in Deutschland vieles schneller verändern muss, wenn man gegen die Tech-Konzerne aus den USA und die Übermacht aus China bestehen will.
Homeoffice verhindert auch Bewegung auf dem Arbeitsmarkt
Statt mehr Bewegung und Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt macht Jörg Ernstberger eher das Gegenteil davon aus. "87 Prozent unserer Firmen sagen, dass sie weniger Bewerbungen bekommen", so eine Zahl aus der aktuellen Südwestmetall-Umfrage. Auch hier zeige Corona Wirkung. Eine Einarbeitung von neuen Mitarbeitern im Homeoffice sei schlecht möglich.
Solche Tendenzen behindern auch die Transformation Richtung Digitalisierung, die längst begonnen hat und die Unternehmen und Mitarbeiter selbst gestalten müssen, wollen sie nicht irgendwann das Nachsehen haben.
Viele sind die Stärken der Region gar nicht bewusst
Um den zusätzlich von der Umstellung auf den E-Antrieb betroffenen Automobil-Zulieferern Hilfe anzubieten, wurde bereits vor mehr als zwei Jahren von der Initiative Pro Region Heilbronn-Franken das Bündnis für Transformation gegründet. Zur rechten Zeit, wie sich herausstellt. Denn im Landkreis Heilbronn werden teils die Stellen abgebaut, die im Hohenlohekreis und im Landkreis Schwäbisch Hall aufgebaut werden.
So haben sich Mitarbeiter des Autozulieferers Magna in einer Phase des Stellenabbaus bereits Richtung Frankfurt orientiert und wussten gar nicht, welche Stärken die Region im Osten hat. "Wir müssen schauen, dass wir solche hochqualifizierten Mitarbeiter nicht verlieren", sagt Jörg Ernstberger.
Millionen aus Berlin für die Transformation
Das Bündnis für Transformation soll im kommenden Jahr auf eine neue Stufe gehoben werden, mit einer außergewöhnlich hohen finanziellen Unterstützung aus Berlin. Mehr als zwölf Millionen Euro könnte der "Zukunftsfonds Automobilindustrie" für die Region ausschütten, und zwar an die regionalen Wirtschaftsfördergesellschaften WFG für Stadt und Landkreis Heilbronn sowie die WHF, die für die gesamte Region zuständig ist.
Damit soll die Hilfestellung professionalisiert und verstetigt werden, eine Anlaufstelle für Unternehmen geschaffen werden. Es wäre ein Pfund, mit dem sich auch beim Metropolkongress für die Metropolregion Stuttgart wuchern ließe. Der findet am 20. September 2022 in Heilbronn statt.
Als ob es auf all diesen Feldern nicht schon genügend Herausforderungen gäbe, spitzen sich Lieferschwierigkeiten und Preissteigerungen bei gleichzeitig rekordverdächtig gut gefüllten Auftragsbüchern in der Industrie zu. Sie sind das beherrschende Thema zum Jahresausklang. "Jeder bestellt gerade extrem hohe Mengen, um überhaupt beliefert zu werden und damit selbst lieferfähig zu sein", erzählt Michael Unser. Die Folge: Das Material wird knapp und knapper.
Klare Regeln
Angesichts der vielen Probleme, die durch die Pandemie verursacht oder beeinflusst werden, sehnen sich auch die Unternehmen danach, das Auf und Ab immer neuer Corona-Wellen endlich hinter sich zu lassen. Der Heilbronner Südwestmetall-Geschäftsführer Jörg Ernstberger würde eine Impfpflicht deshalb begrüßen. "Ich wünsche mir hier eine klare Entscheidung." Es dürfe jedenfalls nicht auf den Schultern der Sozialpartner abgelegt werden.
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