Limbach
Lesezeichen setzen Merken

Ein kleines Stück Klopapier und seine große Bedeutung bei der Tätersuche

In Krumbach im Odenwald wird an Heiligabend vor zehn Jahren die Leiche von Sabine J. gefunden. Die 46 Jahre alte Frau ist brutal ermordet worden. Es dauert gut zehn Monate und braucht viele Speichelproben, bis der Täter gefasst wird.

Christoph Feil
  |  
Ein kleines Stück Klopapier und seine große Bedeutung bei der Tätersuche
In diesem Haus in Krumbach wurde Sabine J. erschlagen. Foto: Polizeipräsidium Heilbronn

Martin Schweer erinnert sich noch sehr gut an Heiligabend vor zehn Jahren. Die Bescherung und das Abendessen sind vorbei, der Polizist und seine Familie sitzen friedlich beisammen, alle sind in Weihnachtsstimmung. "Dann kommt ein Anruf und eine Stunde später steht man mitten in Blut", beschreibt der Kriminalhauptkommissar den krassen Bruch, den er an diesem Tag erlebt.

In Krumbach, einem Ortsteil der Gemeinde Limbach im Neckar-Odenwald-Kreis, ist nämlich die Leiche von Sabine J. gefunden worden. Die 46-jährige Frau war nicht wie vereinbart zu ihrem Vater nach Schwenningen gefahren, woraufhin dieser die Polizei alarmiert hatte. Der Streifendienst hat Sabine J. daraufhin in ihrer Wohnung entdeckt, wo sie tags zuvor äußerst brutal erschlagen worden war.

Fünf Tage lang wird der Tatort Millimeter für Millimeter durchsucht

Martin Schweer wird hinzugerufen, um am Tatort Spuren zu sichern. Einbruchspuren gibt es damals nicht, erzählt der heute 53-Jährige. "Man hat noch am Auffindeabend relativ schnell vermutet, dass der Täter aus dem Umfeld sein muss." Fünf Tage lang durchsuchen Martin Schweer und seine Kollegen nahezu rund um die Uhr die ganze Wohnung, die sich in einer Feriensiedlung befindet. "Es ging zum Teil wirklich millimeterweise vorwärts."

 

Ein kleines Stück Klopapier und seine große Bedeutung bei der Tätersuche
Zunächst geht die Polizei von einer Vogel-Statue wie diese als Tatwaffe aus. Foto: Polizeipräsidium Heilbronn

Dabei wird gleich das erste sichergestellte Objekt von großer Bedeutung für den Fall sein: Auf dem Fußabtreter an der Eingangstür fällt den Polizeibeamten ein Stück Klopapier auf, sie gehen davon aus, dass der Täter es dort verloren hat. "Da hatten wir Opferblut dran und auch DNA einer unbekannten männlichen Person", fasst Martin Schweer das Ergebnis der Laboranalyse zusammen. Als außerdem eine identische DNA-Spur am Hosenbein von Sabine J. gefunden wird, an dem sie der Täter angefasst haben muss, sind sich Kriminaltechniker und Ermittler sicher: Sie haben den genetischen Fingerabdruck des Täters.

3276 DNA-Proben müssen von der Polizei ausgewertet werden

Den Täter selbst haben sie damit freilich noch nicht. "Dann ging die lange Suche los", berichtet Martin Schweer. Reihenweise werden verschiedenen Personengruppen - etwa aus dem Arbeits-, Wohn- und Freizeitumfeld des Opfers - angefragt, freiwillige Speichelproben abzugeben. Für die Polizei ein gigantischer logistischer Aufwand. Insgesamt 3276 DNA-Proben werden ausgewertet. "Nur 87 Personen haben verweigert. Da waren wir alle erstaunt."

Einer, der ebenfalls eine Probe abgibt, ist Christof Mölkner. Er ist ein Kollege von Sabine J., die Ausbilderin bei einem Berufsbildungswerk in Mosbach gewesen ist. Aus einem bestimmten Grund, so erzählt der mittlerweile 60-Jährige, schauen die Ermittler bei ihm genauer hin: "Wir waren fast gleich alt und aus derselben Heimatstadt, also Schwenningen. Da war für die Polizei klar: Die beiden müssen sich von früher gekannt haben. Aber dem war nicht so."

Nach gut zehn Monaten wird der Täter geschnappt

Ein kleines Stück Klopapier und seine große Bedeutung bei der Tätersuche
Gut zehn Monate lang dauert die Suche nach dem Täter. Mehr als 3200 DNA-Proben aus dem Umfeld des Opfers werden dafür eingesammelt und ausgewertet. Foto: Polizeipräsidium Heilbronn

Anfangs, so der Eindruck von Christof Mölkner, will die Polizei ihm jedoch nicht so recht glauben. Eine Situation, die ihn nervös macht. "Nervös nicht in dem Sinne, dass man ein schlechtes Gewissen bekommt. Für mich war ja klar, ich habe nichts zu verbergen. Aber man kommt schon in einen Rechtfertigungsdruck und passt plötzlich mehr auf, was man sagt."

Am Arbeitsplatz des Opfers sei derweil vermutet worden, dass keiner der Kollegen für die Bluttat verantwortlich ist. Umso größer der Schock, als die Polizei Mitte Oktober 2012 - nach gut zehn Monaten Suche - endlich den mutmaßlichen Täter präsentiert. "Alle waren erschrocken, man konnte es nicht glauben", erinnert sich Christof Mölkner.

Zunächst hatte Janosch G. ein Alibi präsentiert

Denn Janosch G., der am Berufsbildungswerk bis zum Sommer 2011 Zivildienst geleistet hatte, hat den brutalen Mord gestanden. Der 23-Jährige wollte zwar zunächst keine Speichelprobe abgeben, hatte dafür aber ein scheinbar stimmiges Alibi vorweisen können. "Es steht ausdrücklich im Gesetz: Nicht mitmachen gilt nicht als verdächtig. Wenn jemand verweigert, muss man ganz klassisch wieder ermitteln, gegebenenfalls das Alibi überprüfen und so weiter", erklärt Martin Schweer. Als die Beamten Janosch G.s Angaben mit den Funkzellendaten seines Handys, die erst nach einiger Zeit vorlagen, verglichen hatten, waren sie auf Unstimmigkeiten gestoßen. Per Gerichtsbeschluss hatte er daraufhin eine DNA-Probe abgeben müssen. Der langersehnte Treffer!

"Ich habe mich gewundert, was da für ein Bübchen reinkommt", beschreibt Dr. Alexander Ganter, der als Richter die Verhandlung im April 2013 leitet, rückblickend den Angeklagten. Als ruhig und freundlich erlebt der ehemalige Vizepräsident des Landgerichts Mosbach den jungen Mann, der die Tat zwar einräumt, von vorneherein jedoch klar macht, dass er nicht sagen wird, warum er Sabine J. hinterrücks mit einem Schraubenschlüssel erschlagen hat.

"Das ist der einzige Fall, bei dem ich das Motiv nicht herausgefunden habe. Das hat eine Lücke hinterlassen", sagt Alexander Ganter heute - und: "Hier gab es nur Vermutungen." Wegen des Mordes an Sabine J. wird Janosch G. schließlich zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

 

Das Motiv

Bis heute, so erzählt Kriminalhauptkommissar Martin Schweer, hat sich der Täter nicht zum Motiv geäußert. Die Polizei hat aber eine Vermutung. "Er hat bei seinen Arbeitsplätzen Zeug mitgehen lassen, das er auf Ebay vertickt hat. Bei der Durchsuchung hat man entsprechende Sachen gefunden", so Schweer. Laut Zeugenaussage soll Sabine J. mit Janosch G. während einer Weihnachtsfeier des Berufsbildungswerks im Büro verschwunden sein. "Wir denken, dass sie ihm gesagt hat: Kläre das selbst oder ich kläre das. Und dass das ihr Todesurteil war."

Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
  Nach oben