In Künzelsau hat die Start-up-Kultur Tradition
Eine außergewöhnliche Dichte an Weltmarktführern findet sich in und um Künzelsau. Diese wirtschaftliche Stärke erklärt sich zum Teil geschichtlich. Zum Teil wird sie von einem Unternehmergeist gespeist, der hier offenbar besonders häufig anzutreffen ist.

Dazu gehören allerdings auch Rahmenbedingungen, die gerade in einer ländlichen Region besonders gut sein müssen, damit sich Unternehmen wohlfühlen.
Dass in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs der spätere EBM-Papst-Chef Gerhard Sturm gemeinsam mit den später so erfolgreichen Schraubenhändlern Reinhold Würth und Albert Berner die Schulbank drückte und somit gleich drei Ausnahme-Unternehmer eine Volksschulklasse besuchten, das gehört in Künzelsau zu den gern erzählten Geschichten. Doch mit solch einem Zufall die Prosperität der Stadt und des Kreises zu erklären, greift zu kurz.
Im Zweiten Weltkrieg verschont
"Künzelsau war damals schon ein wichtiger Gewerbestandort", sagt der Künzelsauer Stadtarchivar Stefan Kraut. Bis in die 1920er Jahre spielten die großen Gerbereien eine entscheidende Rolle für die Stadt. Ein besonderes Glück sei dann gewesen, dass sie von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont blieb. "So haben sich Firmen aus dem zerstörten Stuttgart oder Berlin niedergelassen, sie fanden hier intakte Immobilien vor."
Die Buchbinderei Sigloch und Stahl Fördertechnik siedelten aus Stuttgart nach Künzelsau über. Sigloch ist später nach Blaufelden weitergezogen, Stahl Crane Systems ist noch in der Stadt, inzwischen getrennt von der früheren Mutter, der R. Stahl AG in Waldenburg.
Stahl wiederum lockte den Geschäftspartner Ziehl-Abegg aus Berlin an den Kocher. Mit Ziehl-Abegg und später EBM in Mulfingen als Motoren- und Lüfterhersteller sowie mit den Schraubenhändlern Würth und Berner bildeten sich die ersten Cluster in der Gegend.
Fachkräfte waren und sind gesucht
Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor wurden auch die "Zugezogenen". In den Wirtschaftswunder-Zeiten war man damals dankbar für die hochqualifizierten Heimatvertriebenen, erzählt Christoph Bobrich, Wirtschaftsförderer der Stadt Künzelsau.
Der Fachkräftemangel ist in einer ländlich geprägten Region bis heute ein Thema. Punkten kann die Stadt mit der attraktiven Landschaft, der Natur, aber auch den Freizeitmöglichkeiten, den Bildungs- und Kulturangeboten, die unter anderem von den Stiftungen Würth und Berner finanziert wurden. Die Zuwanderung sorgt jedenfalls bis heute für eine positive Bevölkerungsentwicklung.
Gute Rahmenbedingungen auch in der Digitalisierung
Auch wenn manche Standortnachteile bestehen, versucht man sie in Hohenlohe konsequent auszugleichen. Überdurchschnittliche Steuereinnahmen investiert die Stadt in Infrastruktur.
Mit dem Mobiltelefon ist zwar noch das eine oder andere Funkloch in den Tälern Hohenlohes zu finden, doch schnelles Internet ist in Künzelsau und seinen Ortsteilen flächendeckend vorhanden, wie Bobrich betont. Für die Glasfaseranbindung schaffe die Stadt Voraussetzungen, wo immer es möglich ist.
Ein Segen sei, dass das Wohl Künzelsaus in den vergangenen Jahrzehnten nie an ein, zwei großen Firmen hing. "Es wurde immer Wert auf die Diversifizierung gelegt", sagt Archivar Kraut. Fast so viele Arbeitsplätze wie Einwohner hat die Stadt heute.
Unternehmen befruchten sich gegenseitig
Es können noch mehr werden. Die Hohenloher Kreishauptstadt hat noch Flächen für Firmenansiedlungen und -erweiterungen in petto - was im Südwesten nicht selbstverständlich ist. Der Außenstandort der Hochschule Heilbronn - die Reinhold-Würth-Hochschule in Künzelsau - fördert Innovationen. Start-ups werden konsequent unterstützt. Übrigens wie damals nach dem Zweiten Weltkrieg, als junge Firmen und etablierte Unternehmen von außerhalb in der Schlossmühle Zuflucht fanden. Würth, Sigloch, Stahl und Ziehl-Abegg konnten sich damals Tür an Tür in einem Umfeld entwickeln, das an heutige Start-up-Zentren erinnert.
Gemeinsam stärker
Interkommunale Zusammenarbeit funktioniert in Hohenlohe. Im Verein Hohenlohe Plus haben sich beispielsweise die großen Kreisstädte im Hohenloher Raum zusammengeschlossen- Öhringen, Schwäbisch Hall, Crailsheim, Bad Mergentheim und Künzelsau. Das gemeinsame Ziel ist, Fachkräfte in die Region zu locken. Diese Zusammenarbeit mach t auch an Kreisgrenzen nicht Halt.
Bekannt ist auch der Gewerbepark Hohenlohe in Waldenburg, der im Verbund mit Kupferzell und Künzelsau betrieben wird. Hier sind die Firmen Würth und Ziehl-Abegg, das Schraubenwerk Gaisbach, das Lidl-Regionallager, das Bauunternehmen Wolff & Müller, der Explosionsschutzspezialist R. Stahl, der Ventilhersteller Gemü und weitere Firmen aus dem Speditions- und Verpackungsbereich zu finden.

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