"Die Nordumfahrung wird nicht geschoben"
Baubürgermeister Wilfried Hajek bezieht Position zum 40 Millionen Euro teuren Straßenprojekt in Heilbronn.

Mit dem Bau des ersten Abschnitts der 4,5 Kilometer langen Nordumfahrung von Frankenbach und Neckargartach soll im dritten Quartal 2021 begonnen werden, sagt der Heilbronner Baubürgermeister Wilfried Hajek. Auch die Verlängerung der Saarlandstraße hält er für zwingend erforderlich.
Die Corona-Krise kostet Heilbronn viel Geld. Oberbürgermeister Harry Mergel spricht derzeit von 50 bis 60 Millionen Euro, die fehlen. Ist die Nordumfahrung noch finanzierbar?
Wilfried Hajek: Dieses Projekt wird nicht geschoben. Mit dem ersten Abschnitt, der von der Neckartalstraße zur Alexander-Baumann-Straße führt, wird auch das künftige Gewerbegebiet Steinäcker erschlossen. Das brauchen wir dringend. Außerdem ist es mir ein wichtiges Anliegen, die Stadtteile Neckargartach und Frankenbach verkehrlich zu entlasten.
Was kostet nach aktuellen Berechnungen die Nordumfahrung?
Hajek: Das Gesamtpaket von der B 39 durch die Böllinger Höfe zur Neckartalstraße hat ein Finanzvolumen von 40,3 Millionen Euro. Das Land bezuschusst die Maßnahme mit 50 Prozent.
Wie teilen sich die Aufwendungen für die drei Bauabschnitte auf?
Hajek: Der erste Abschnitt kostet 24,1 Millionen, der Ausbau durch die Böllinger Höfe zehn Millionen und der Anschluss an die B 39 sechs Millionen Euro. Und wie gesagt: 50 Prozent übernimmt das Land.
Wann soll mit dem Bau des Großprojekts begonnen werden?
Hajek: Geplant ist, im dritten Quartal 2021 zu beginnen. Fertigstellung des ersten Bauabschnitts soll dann Mitte 2024 sein. Für die Teilbereiche II und III gibt es noch keinen Bauzeitenplan. Dazu Aussagen zu treffen, wäre Kaffeesatzleserei.
Der erste Entwurf für die Nordumfahrung lag 1991 auf dem Tisch. Warum dauert die Umsetzung so lange?
Hajek: Die Verlängerung der Saarlandstraße hatte für uns absolute Priorität. Es war für mich eine große Enttäuschung, als das Land die Finanzmittel gestrichen hat. Danach haben wir uns auf die Nordumfahrung von Frankenbach und Neckargartach konzentriert.
Wie viele Fahrspuren bekommt die Nordumfahrung?
Hajek: Das ist unterschiedlich: Der erste Bauabschnitt wird dreispurig, der Ausbau innerhalb der Böllinger Höfe vierspurig und die Zufahrt von der B 39 zweispurig.
Läuft der Verkehr einmal ampel- und kreuzungsfrei?
Hajek: Nein, auf der Strecke wird es zahlreiche Knotenpunkte geben, aber durch eine koordinierte Ampelsteuerung werden wir nach dem Bau der kompletten Nordumfahrung für eine "Grüne Welle" von der B 39 bis zur Neckartalstraße sorgen können.
Wie viele Fahrzeuge werden die Nordumfahrung täglich einmal nutzen?
Hajek: Wir reden vom ersten Bauabschnitt - da gehen wir laut Prognose für das Jahr 2030 von 21 500 Fahrzeugen aus. Das entlastet den Anschluss Wimpfener Straße/Wannenäckerstraße gewaltig.
In welchem Ausmaß werden durch die Nordumfahrung Frankenbach und Neckargartach profitieren?
Hajek: Der Verkehr durch diese beiden Stadtteile wird sich jeweils erheblich verringern, in Neckargartach um etwa 30 Prozent auf der Frankenbacher Straße und in Frankenbach auf der Würzburger Straße um ebenfalls 30 Prozent sowie auf der südlichen Speyerer Straße um etwa sechs Prozent.
Und wie profitieren Kirchhausen und Biberach?
Hajek: Biberach und Kirchhausen werden vor allem durch die Fertigstellung des sechsspurigen Ausbaus der A 6 bis 2025 profitieren, da dann der Ausweichverkehr wegfällt. Die Nordumfahrung schafft kurze Wege in die Böllinger Höfe und das künftige Gewerbegebiet Steinäcker und macht beide Stadtteile damit als Wohnort attraktiver.

Sobald die Nordumfahrung komplett fertig ist, könnte dann die B 39 auf die neue Trasse durch die Böllinger Höfe verlegt werden?
Hajek: Das ist eine Entscheidung des Bundes, wäre aber konsequent und richtig. Die heutige B 39 würde dann zu einer untergeordneten Landesstraße mit weniger Verkehr.
Wann wird mit dem vierspurigen Ausbau der Neckartalstraße ab dem ehemaligen Tierheim begonnen?
Hajek: Der Ausbau der Neckartalstraße wird die erste Maßnahme nach dem Planfeststellungsbeschluss werden. Das wird im dritten Quartal 2021 sein. Dafür investiert das Land 7,4 Millionen Euro. Der städtische Anteil am neuen Knoten Buchener Straße/Neckartalstraße beträgt 1,4 Millionen Euro.
Wann werden die restlichen Abschnitte der Neckartalstraße vierspurig?
Hajek: Im Mobilitätskonzept, das bis 2030 datiert ist, ist der weitere Ausbau der Neckartalstraße nicht enthalten.
Brauchen wir überhaupt die Nordumfahrung und den Ausbau der Neckartalstraße? Viele Prognosen gehen künftig von weniger Verkehr aus.
Hajek: Unsere Prognosen nicht. Es wäre schön, wir hätten beide Straßenprojekte schon realisiert, um die Stadtteile zu entlasten. Und ich sage auch: Wir brauchen die Verlängerung der Saarlandstraße. Wie haben alle Grundstücke und die Planung liegt fertig in der Schublade. Wir wären sofort handlungsfähig.
Zur Person
Wilfried Hajek (64) ist seit 2006 Baubürgermeister der Stadt Heilbronn. Der gebürtige Weilheimer studierte Architektur mit dem Schwerpunkt Städtebau. Er schließt mit dem Diplom ab und erwirbt 1989 den Titel Regierungsbaumeister in Städtebau, Raumordnung und Landesplanung. Er wird Stadtplaner in Reutlingen und später Technischer Beigeordneter in Nürtingen. Hajek, unlängst Opa geworden, ist ein leidenschaftlicher Fan von Star-Wars- und Bond-Filmen. Seit fast 30 Jahren ist der Freund italienischer Kriminalromane Mitglied des toskanischen Radfahrvereins "Ciclistica Montefiridolfi" und fährt nahezu regelmäßig die L"Eroica, eine im Chianti-Gebiet stattfindende Radrundfahrt für historische Rennräder.
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare