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Cleebronn
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Der nicht immer ganz so ruhige Ort neben Tripsdrill

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Cleebronn ist in den vergangenen Jahren gewachsen und offener geworden, hat sich aber seinen dörflichen Charakter erhalten. Nur auf den Schwerlastverkehr würden einige gerne verzichten. Ein Spaziergang über Michaelsberg und durch die Ortsmitte.

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Das tiefe Grollen ist in der ansonsten friedlichen Atmosphäre auf dem Michaelsberg gut zu vernehmen. Es sind die Waggons der Holzachterbahn Mammut im Freizeitpark am Fuße des Bergs, die in die Tiefe rauschen. Und auf jedes beginnende Grollen folgt das freudige Geschrei der Insassen. Wie eine Miniaturwelt sieht Tripsdrill von hier oben aus. Doch den Blick kann man auch in die Ferne schweifen lassen. "An guten Tagen ist von hier der Stuttgarter Fernsehturm zu sehen", sagt Rolf Streicher. Heute endet die Sicht kurz hinter den Hochhäusern in Bietigheim-Bissingen.


Ein Ort voller Feuerwerk

Rolf Streicher hat - wie viele Cleebronner - ein inniges Verhältnis zum "Michelsberg". Streicher war 1966 mit nur 26 Jahren zum Bürgermeister der Gemeinde gewählt worden. "Seitdem hat sich hier viel verändert - am Berg durch die Rebflurbereinigung, aber auch im Ort", sagt der 81-Jährige.

Wie Cleebronn die Hänge emporgewachsen ist, kann man vom Michaelsberg ebenfalls gut überblicken. Stattliche Häuser etwa stehen jetzt dort, wo Dynamit Nobel bis Anfang der 90er Jahre Pyrotechnik produzierte. Mit Zink Feuerwerk ist noch ein namhafter Hersteller im Ort. Die wirtschaftliche Entwicklung geht weiter. Der Güglinger Gerüsthersteller Layher plant eine Erweiterung auf Cleebronner Gemarkung.

Der Michaelsberg ist Pflicht

Wer den Blick nach oben richtet, sieht weitere Landmarken des Unterlands: Schloss Stockheim, Burg Neipperg, die Heuchelberger Warte. "Ein Besuch gehört zum Pflichtprogramm, wenn Besuch kommt", erzählt der Alt-Bürgermeister, der bis 2002 auf dem Chefsessel im Rathaus saß.

Rolf Streicher war hier 36 Jahre lang Bürgermeister: "Die obersten drei Fenster, das waren meine." Foto: Christian Gleichauf
Rolf Streicher war hier 36 Jahre lang Bürgermeister: "Die obersten drei Fenster, das waren meine." Foto: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

"Unmöglich" findet er, dass an diesem Morgen leere Pizza-Kartons auf den Bänken neben der Michaelskirche liegen. "Da sind zurzeit auch einige unterwegs, die alles vollschmieren."

Lange Zeit die einzige katholische Kirche im Umfeld

Dichter wie Eduard Mörike beschrieben die Schönheit des Michaelsbergs, der mindestens seit dem frühen Mittelalter Wallfahrtsort für die Menschen der Region ist. Aus einem gallo-römischen Tempel wurde hier eine christliche Kirche, bis heute ist sie katholisch und inzwischen durch ein kirchliches Jugendhaus und Tagungszentrum ergänzt.

"Bis vor dem Zweiten Weltkrieg war es die einzige katholische Kirche weit und breit", erzählt Streicher. So sind auf dem Friedhof gleich daneben noch Gräber aus dem 19. Jahrhundert zu finden. Außerdem wurde 2007 ein leeres Grab als Gedenkstätte für "nicht bestattetes menschliches Leben", sprich für totgeborene Kinder, eingeweiht.

Über den Autor

Christian Gleichauf ist Chefkorrespondent Wirtschaft und hat im Rahmen der Aktion 50 Wochen - 50 Orte das Los für den Ortsspaziergang in Cleebronn gezogen. Hintergrund ist ein anderer Blick auf den Ort. Zuständig für Cleebronn ist unsere Redakteurin Claudia Kostner.

Wiedersehen mit einer langjährigen Mitarbeiterin

Mit dem Auto geht es zurück Richtung Cleebronn am Nordhang des Michaelsbergs nach unten. In den Rebzeilen wird der erste Wein gelesen. Das Hallo ist groß, als Rolf Streicher Rose Oehler in die Arme läuft, die 33 Jahre in seinem Vorzimmer gesessen hatte. Sie hilft der Winzerfamilie Beyl.

Das Wetter war zuletzt so gut, dass Anfang September der erste Sauvignon Blanc geerntet werden kann - "mit mehr als 90 Grad Oechsle", wie Thomas Beyl betont. "Sie lassen sich gut lesen", sagt sein Vater Hermann Beyl.

Weintrauben zum Probieren

Nach getaner Arbeit probieren einige aus der Wengerterfamilie die verschiedenen Traubensorten am Rastplatz, den die Weingärtnergenossenschaft Cleebronn-Güglingen angelegt hat.

Weinlese der Familie Beyl am Michaelsberg. Foto: Christian Gleichauf
Weinlese der Familie Beyl am Michaelsberg. Foto: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Da hält der rote VW-Bus von Uwe Storz, der die Ecke vor fünf Jahren angelegt hat. "Wir essen grad von deinen Trauben", begrüßt ihn Gudrun Beyl und lobt: "Das war bis dahin nur Gestrüpp. Jetzt ist es so ein schönes Plätzchen geworden." Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass man sich im kleinen Cleebronn mit seinen 3100 Einwohnern kennt, das wäre er wohl gewesen.

"Anfangs war Cleebronn nicht so tolerant"

Doch es gibt andere Sichtweisen auf die Gemeinde. Im Ortskern bellt ein verspielter Australian-Shepherd/Harzer-Fuchs-Mischling jeden an, der an der Bönnigheimer Straße entlangläuft. Angela Paterno ruft ihn zurück, doch der vier Monate alte Welpe hört nur widerwillig. "Sie lernt dazu", sagt die Hundehalterin.

Das Leben in Cleebronn hat sich schon in den 20 Jahren verändert, seit ich hier bin, erzählt sie. Anfangs habe sie sich doch etwas ausgegrenzt gefühlt, "da waren die Leute nicht so tolerant". Ihre Nachbarin Liane Lehmann bestätigt das: "Oh, ene aus der Zone", so sei sie von einem Einheimischen vor zwölf Jahren hier begrüßt worden. Doch inzwischen sei der Ort offener geworden, finden beide, wohl auch durch die Neubürger. "Es ist ein gemütliches Leben hier. Nur die vielen Laster nachts - das ist kaum noch auszuhalten."

Laute Laster brettern durch den Ort

Der Schwerlastverkehr ist auch tagsüber sichtbar. Ein Containerlaster brettert mit Tempo über die Umrandung der Mittelinsel des neuen Kreisverkehrs. Gleich daneben weist ein mit Blumen geschmücktes Fuhrwerk auf Tripsdrill hin.

Der Freizeitpark ist heute hauptsächlich dafür verantwortlich, dass es dem Ort finanziell gut geht, dass er sich Neugestaltungen wie diese hier in der Ortsmitte leisten kann. Und er ist der Fremdenverkehrs-Magnet für den weiten Umkreis.

Zwei Besucher nehmen sich Zeit für Cleebronn

Für die meisten Besucher geht es allerdings nur direkt auf den Parkplatz und von dort wieder nach Hause. Für Ortsbesichtigungen nimmt sich kaum jemand Zeit. So sind Herbert und Friedlinde Holzhauer aus Neuhausen im Enzkreis die einzigen, die sich im Café der Bäckerei Keppler stärken. Mit dem E-Bike sind sie die 25 Kilometer von Sternenfels über die Ehmetsklinge hergefahren. Auch auf dem Michaelsberg waren sie schon. "Tripsdrill war uns natürlich ein Begriff", sagt Friedlinde Holzhauer. "Jetzt geht es wieder zurück."

Ute Kuch in dem Laden, in dem sie schon als Kind ihrem Vater geholfen hatte. Die Cleebronner sind nicht erst seit der Corona-Krise froh, dass sie hier alles finden, was man im Alltag braucht. Foto: Christian Gleichauf
Ute Kuch in dem Laden, in dem sie schon als Kind ihrem Vater geholfen hatte. Die Cleebronner sind nicht erst seit der Corona-Krise froh, dass sie hier alles finden, was man im Alltag braucht. Foto: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Ute Kuch, mit Freude Geschäftsfrau und Verkäuferin

Im kleinen Supermarkt wenige hundert Meter weiter bedient Ute Kuch ihre Kundinnen. Viele wollen Pakete, Päckchen oder Briefe aufgeben. Andere holen sich etwas für die Mittagspause oder greifen bei Tortenunterlagen aus Pappe zu. Dass ein Ort der Größe Cleebronns so einen Laden hat, ist nicht mehr selbstverständlich.

"Ich mache das mit Freude, schon mein Leben lang", sagt Ute Kuch. Schon als Kind habe sie hier ihrem Vater geholfen. Jetzt ist sie 60 und möchte noch nicht ans Aufhören denken. Dass es schwierig wird, einen Nachfolger zu finden, das weiß sie. "Das Verhältnis Arbeitszeit zu Verdienst ist halt...", sie überlegt kurz, "...schwierig." Durch die Sortimentsvielfalt würde sich das Geschäft schon tragen. Doch gleichzeitig koste das eben auch viel Zeit. Immerhin, Corona hat dazu beigetragen, dass der Laden von Ute Kuch noch ein bisschen besser läuft als sonst.

Ein Bahnhof, der nur an Weihnachten in Betrieb ist

Etwas unterscheidet Cleebronn von den meisten Kommunen im Zabergäu: Gleise kreuzen hier keine Straße. Von einer Reaktivierung der Zabergäubahn, die weiterhin im Dornröschenschlaf liegt, würde der Ort somit nur indirekt profitieren. Einen großen Bahnhof sucht man vergebens. Das heißt, einen ganz kleinen gibt es schon. Kurz nach dem Ortsausgang Richtung Botenheim stehen neben den Christbaumkulturen Bewirtungshäuschen und der "Bahnhof Lindenhof", der zum Christbaumverkauf vor Weihnachten für etwas Jahrmarktstimmung sorgt.

Albrecht und Ulrike Gerhäusser schauen deshalb mit etwas gemischten Gefühlen auf die bevorstehende Saison. Firmenevents, wo Mitarbeiter ihren Baum selber schlagen und anschließend mit Glühwein in der kleinen Festhalle des Hofs anstoßen, dürften unter Corona-Auflagen womöglich so kaum stattfinden. "Ich hoffe, dass sich der Trend zur Regionalität, der sich in der Pandemie gezeigt hat, auch jetzt fortsetzt", sagt Ulrike Gerhäusser. Nach einer arbeitsreichen Heidelbeer-Ernte wollen sie nun aber etwas Abstand gewinnen und ein paar Tage Urlaub machen. "Danach kümmern wir uns um Weihnachten", sagt Albrecht Gerhäusser.

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