Hinter den Kulissen eines Plattenlabels: Ohne Papierkram kein Rock'n'Roll
Thomas Hertler sorgt dafür, dass Heavy-Metal-Fans regelmäßig etwas auf die Ohren bekommen. Zwischen Aktenordnern, Schreibtisch und Plattenstapeln leitet er die Geschicke des Musiklabels Massacre Records.

Blau, Rot, Gelb, Weiß - ordentlich nach Farben sortiert und beschriftet, reiht sich in den Regalen Leitz-Ordner an Leitz-Ordner. Thomas Hertler hat ganz offensichtlich viel Papierkram zu erledigen - Dokumente, Unterlagen, Belege, Korrespondenzen. Büroarbeit eben. Rock'n'Roll stellt man sich irgendwie ganz anders vor.
Dass Thomas Hertler von hier aus die Geschicke eines erfolgreichen Musiklabels steuert, darauf verweisen schon eher die zahlreichen Banner, Poster und Memorabilia, die sein Reich in der Bachstraße im Herzen von Untergruppenbach zieren. Und natürlich die Stapel an CDs, Singles und Vinylplatten überall. Seine Leidenschaft, die Musik - speziell Heavy Metal und gerne auch in der etwas härteren Gangart - und den Papierkram führt Hertlers Beruf zusammen. Als Labelmanager von Massacre Records kümmert sich der 57-Jährige um nahezu alles, was nötig ist, bis ein Tonträger das Licht der Welt erblickt.
Um ein Musiklabel zu leiten, braucht man Geduld und Akribie
Das braucht bisweilen viel Geduld und Ausdauer. "An unserem neuesten Signing, der Band Hardbone, war ich drei Jahre dran", erzählt Hertler. "Den Vertrag haben wir schon 2020 rausgeschickt." Dass der Familienvater aus Tamm in der Zwischenzeit aber nicht Däumchen dreht und auf Rückmeldung von Musikern wartet, zeigt ein Blick auf seinen Computermonitor: Den dominiert eine beeindruckend lange Excel-Liste, die alle Schritte aufführt, die bis zur Veröffentlichung einer Platte zu erledigen sind.
"Wenn die Druckvorlage für das Cover kommt, prüfe ich etwa, ob die Reihenfolge der Lieder stimmt oder der Barcode korrekt ist, bevor ich alles an die Druckerei weitergebe. Wenn da irgendwas nicht passt, kommst du schnell in Teufels Küche", erläutert er und blickt mit einem Augenrollen vom Rechner auf.
Musiker wissen die lockere Atmosphäre zu schätzen
Gerade in der direkten Zusammenarbeit mit den Bands hat er schon so einiges erlebt, seit er vor 32 Jahren in Abstatt Massacre Records mit ins Leben gerufen hat. "Bei manchen Kandidaten muss ich schon etwas Dampf machen, damit der Zeitplan eingehalten werden kann." Für die Künstler auf seinem Label ist Thomas Hertler Antreiber, Ansprechpartner und Berater. Die wiederum schätzen seine ruhige, gelassene und lockere Art und die familiäre Atmosphäre. "Ich mache das gerne, mir macht das jeden Tag Spaß. Diese Energie gebe ich gerne an die Bands weiter."
Und die lümmeln sich beim Besuch in Untergruppenbach auch gerne auf der großen bunten Besprechungscouch. Die hat heute Bürohündin Kiwi allerdings ganz für sich allein, was sie für einen ausgelassenen Kampf mit ihrem Stoffspielzeug nutzt.
Auch im digitalen Bereich muss alles passen
Weitere wichtige Arbeitsutensilien von Kiwis Herrchen sind neben dem Computer der Kopfhörer mit Mikro und sein Telefon mit bis zu sieben Leitungen. "Gute drei Stunden am Tag gehen schon mal für Online-Meetings und -Konferenzen sowie Telefonate drauf", sagt Hertler. Etwa mit anderen Abteilungen des Mutterkonzerns Believe, zu dem das Label seit 2017 gehört. Da geht es etwa um den digitalen Vertrieb. "Auch in diesem Bereich muss alles laufen, sonst hast du keine Chance mehr", spricht er die Bedeutung an, die Online-Kanäle wie Youtube oder Spotify haben. "Egal ob sie 18 oder 68 Jahre alt sind - ich sage allen meinen Musikern: Ihr müsst da performen!", so Hertler. "Das Tempo der Branche hat uns eingeholt." Deshalb stehe für die Künstler, die bei Massacre unter Vertrag sind, demnächst auch ein Workshop zum Thema an, um den auch gestandene Musiker wie etwa Velvet-Viper-Frontfrau Jutta Weinhold (75) nicht herumkommen, betont er.
Jetzt widmet sich der Labelmanager aber erst einmal wieder seiner Excel-Tabelle. "Ist ein Schritt abgehakt, setze ich ein Kreuz in die jeweilige Reihe. So geht das munter weiter." Ist für einen Release alles erledigt, ändert Hertler die Hintergrundfarbe der entsprechenden Spalte von Gelb in Weiß. "Dann bin für diese Veröffentlichung erst mal durch." So wie für "Fight or Fall", das vor wenigen Tagen erschienene Album der australischen Power-Metaller Night Legion. Gelbe Spalten gibt es in Thomas Hertlers Excel-Tabelle aber noch reichlich.
Seit mehr als drei Jahrzehnten im Geschäft
Massacre Records wurde 1991 von Torsten Hartmann und Thomas Hertler in Abstatt gegründet. Nach der Übernahme des Labels durch die französische Vertriebsgesellschaft Believe zog sich Hartmann 2018 aus dem Geschäft zurück. Seither steuert Hertler das Label als Ein-Mann-Betrieb von Untergruppenbach aus zusammen mit Anja Doreen Schöning, die in Hamburg die Promotion der Veröffentlichungen koordiniert.
Musikalisch konzentriert sich das Plattenlabel auf neue wie auch auf etablierte Künstler der Hardrock- und Heavy-Metal-Szene wie Assassin, Atrocity, Eisregen, The Prophecy 23, Illdisposed oder Laaz Rockit. Dabei spielt auch die Unterstützung lokaler Bands eine wichtige Rolle. Zum Massacre-Portfolio gehört mit The Idiots auch eine der dienstältesten Punkbands Deutschlands.
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