Klassiker treffen auf Trends: Zu Besuch in der Medienwelt
Vom Bibliothekensterben ist in der Medienwelt in Neckarwestheim nichts zu spüren. Viele Leser kamen bereits als Kinder hierher. Neben den Trends wie New Adult-Literatur sind auch die Klassiker noch gefragt.

Draußen regnet es in Strömen, die Straßen sind menschenleer. Die Medienwelt Neckarwestheim an diesem düsteren Dienstagnachmittag zu besuchen, fühlt sich an wie eine gemütliche Höhle zu betreten. Eine helle, warme Höhle mit weißen Bücherregalen und grünen Sitzkissen.
Die Leihbücherei, die sich selbst Medienwelt nennt, ist zentral am Marktplatz gelegen, im selben Gebäude wie das Rathaus. Die Bibliothek sei ein Treffpunkt, eine Einrichtung für alle, erklärt Leiterin Eva Lürkens. Die gelernte Bibliothekarin arbeitet seit über 30 Jahren in der Leihbücherei des 4000-Seelen-Ortes. "Man kennt sich, das sind Leser, die einem treu bleiben." Durch die Neubaugebiete hat Neckarwestheim in den vergangenen Jahren zudem viele neue Einwohner bekommen, vor allem Familien mit Kindern.
Medienwelt Neckarwestheim orientiert sich bei ihrem Angebot an Trends
Jessica Arnold ist mit ihrem Sohn Elias gekommen. Der Fünfjährige mag Geolino, ein Wissensmagazin für Kinder. "Jetzt hat er ein Lego-Buch entdeckt", sagt die Neckarwestheimerin. Rentnerin Maria Scherbring liest gerade die Buchreihe über "Die sieben Schwestern" von Lucinda Riley. Das neueste Buch ist vor kurzem erschienen. "Mit den Enkeln komme ich auch gerne hierher, wenn die zu Besuch sind", berichtet die 69-Jährige.
Die Medienwelt bietet rund 11.200 Medien vor Ort. Über den digitalen Katalog, die Onleihe Heilbronn-Franken, sind zusätzlich rund 100.000 Medien verfügbar, schätzt Eva Lürkens. Der Bestand orientiert sich an der Nachfrage der Kunden - und nach Trends. Lürkens, Mutter von zwei Töchtern, lässt sich von BookTok inspirieren, einer Subcommunity auf der Social-Media-Plattform Tiktok, die sich mit Büchern befasst. Besonders beliebt ist dort das Genre New Adult, ein Trendbegriff für Liebesromane. Davon inspiriert bietet die Medienwelt ein eigenes Abteil mit Empfehlungen. Neben Romanen sind auch Sachbücher zum Thema Deko, Garten und Gesundheit gefragt. Zunehmend beliebt sind Themen, über die vor 20 Jahren noch nicht viel gesprochen wurde, beobachtet Lürkens. Etwa über Menstruation und Frauengesundheit. Die Bücherei bietet zudem eine große Auswahl an Kinder- und Familienmedien. "Tonies sind der Renner", sagt Lürkens. Das sind Audiosysteme in Form von Figuren. Klassische Brettspiele würden derzeit ein Comeback erleben.
Viele Kunden der Medienwelt sind bereits als Kinder hierher gekommen
An guten Tagen seien auch schon Mal 100 Leute am Tag dagewesen. Viele Anwohner hätten bereits als Kinder hier Bücher ausgeliehen, und kämen nun mit ihren eigenen Kindern hierher. "Das ist das schöne an einer Ortsgemeinde", sagt Eva Lürkens. Auch die 43-jährige Jessica Arnold kam als Kind in die Medienwelt, arbeitet heute als Erzieherin in Heilbronn. Vor allem jetzt, wo die Heilbronner Bücherei umbaut, ist sie für die Medienwelt dankbar. "Bei dem Wetter sind Bücher total gut." Für ihren Sohn Elias leiht sie Tiptoi aus, ein interaktives Lernsystem, bei dem das Kind mit einem Stift Töne erzeugen kann, "weil die so teuer sind". Auch "Hörbe mit dem großen Hut" von Otfried Preußler landet in der Tasche. Für sich selbst: ein Buch mit Bastelanleitungen.

Die Freundinnen Dina und Sara haben es sich in der Chilllounge auf Sitzsäcken gemütlich gemacht. Dina blättert im siebten Harry Potter-Band. Leichte Lektüre für die Neunjährige - wenn die Charaktere noch rätseln, hat sie die Lage längst durchschaut. "Manches finde ich zu einfach", sagt sie. Trotzdem ist es ihre Lieblingsbuchreihe. "Ich mag es, wenn es in Büchern Gefahr gibt", erklärt die Viertklässlerin. Die achtjährige Sara hält ebenfalls einen Klassiker in der Hand: "Hanni und Nanni" von Enid Blyton. Ihr gefällt, dass die Zwillinge "alles zusammen machen und viel Spaß haben". Sara besucht die dritte Klasse der Grundschule Neckarwestheim. Beide kommen jede Woche in die Bücherei, manchmal mehrmals. Fernsehen schauen sie zwar auch gerne. Aber Sara ist überzeugt: "Bücher sind spannender!"
Zahl der öffentlichen Bibliotheken sinkt
Die Leser wissen die Beratung vor Ort zu schätzen, sagt Eva Lürkens. Lesungen auf der Terrasse seien meist ausverkauft. Über ABC-Tüten erreichen sie auch bildungsferne Schichten. "Das ist auch eine soziale Aufgabe, die wir haben." Öffentliche Bibliotheken gibt es in Deutschland immer weniger. Die Deutsche Bibliotheksstatistik DBS erfasste im Jahr 2022 rund 84 Millionen Besuche und rund 6700 Institutionen. Zehn Jahre zuvor, 2012, verzeichnete die DBS über 124 Millionen Besuche und rund 7900 Institutionen.
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