Würth wächst weit über seine Ziele hinaus
Die einst von Reinhold Würth angepeilte zweistellige Umsatzsteigerung wird 2021 mit einem Plus von 19 Prozent weit übertroffen. Unsicherheiten bleiben. Auch deshalb spricht sich Würth-Chef Robert Friedmann für eine Impfpflicht aus.

Dem Handelskonzern Würth gelingt in einem Geschäftsjahr, das von Lieferschwierigkeiten und pandemiebedingten Turbulenzen geprägt war, das Außergewöhnliche: ein Rekordumsatz, Rekordgewinn und dazu ein "historisches" Wachstum, wie Konzernchef Robert Friedmann es formuliert. Um 18,5 Prozent ging der Umsatz nach vorläufigen Zahlen nach oben, auf 17,1 Milliarden Euro. Das Betriebsergebnis liegt erstmals im Milliardenbereich, bei 1,2 Milliarden Euro.
Manche Kunden haben sich die Lager gefüllt
"Um ein Umsatzwachstum von 18 oder - um Währungseffekte bereinigt - 19 Prozent zu sehen, müssen wir in der Unternehmensgeschichte weit zurückblicken, in die 1960er oder 70er Jahre", sagt Friedmann im Gespräch mit unserer Zeitung.
Einmaleffekte spielten dabei kaum eine Rolle. "Einzig vielleicht, dass Kunden teilweise ihre Lagerbestände kräftig aufgestockt haben." Genau beziffern lasse sich das nicht, "aber es wird wohl einige Prozentpunkte des Wachstums ausmachen", so Friedmann. Würth profitierte zudem vom starken Geschäft mit dem Handwerk, der Bau boomt.
Viele neue Kunden gewonnen
Immer wieder kommt Friedmann auf die Leistungsfähigkeit des Unternehmens zu sprechen. Es sei in der Pandemie gelungen, 200 000 neue Kunden zu gewinnen, was fünf Prozent Zuwachs entspricht. Möglich sei das gewesen, weil zu Beginn der Pandemie, als es in einigen Monaten kräftig bergab ging, keine Stellen abgebaut worden seien.
In solchen Situationen sei die Ruhe, die von der Eigentümerfamilie um Reinhold Würth ausgeht, besonders wertvoll. Finanzchef Joachim Kaltmaier ergänzt: "Als es dann um den Personalaufbau ging, zahlte sich am Kapitalmarkt das gute Rating aus." Würth genieße dort als Familienunternehmen besonderes Vertrauen.
Der Anteil des E-Business stieg auf knapp 20 Prozent. 2020 lag es noch bei 19 Prozent. Es wäre noch deutlich mehr gewesen, betont der Würth-Chef, wenn das Industriegeschäft besser gelaufen wäre. Dort werden die digitalen Kanäle des Multi-Kanal-Vertriebs besonders stark genutzt.
Auch der klassische Vertrieb wird gestärkt
Wo die Grenzen dieses Wachstums im Online-Bereich sind, das sei noch nicht absehbar. Aber der klassische Vertrieb bleibe weiter wichtig. 360 zusätzliche Verkäufer hat Würth eingestellt. "Wir hätten aber gerne 1000 eingestellt, das war der Plan", sagt Friedmann. Der Fachkräftemangel macht sich somit schon bemerkbar. "Deshalb setzen wir weiter auf die eigene Ausbildung", ergänzt Finanzchef Kaltmaier.
Die Zahl der Niederlassungen hat sich weltweit in zehn Jahren mehr als verdoppelt. Im vergangenen Jahr wurden 230 neue Niederlassungen weltweit eröffnet. Insgesamt sind es damit 2500.
Zweistelliges Wachstum auch in diesem Jahr erwartet
Gegen Jahresende hat der Geschäftsverlauf auch den Finanzchef weiter positiv überrascht. Nachdem zum Jahresanfang Wachstumsraten von unter zehn Prozent erreicht wurden, lag das Plus im April dann aufgrund der Lockdowns im Vorjahr bei 47 Prozent, um sich gegen Ende 2021 bei starken 15 Prozent einzupendeln. So könnte es nach dem Dafürhalten der Würth-Spitze weitergehen. "Wir erwarten ein zweistelliges Wachstum für dieses Jahr", sagt Friedmann.
Das ist mutig angesichts der Lieferprobleme. Deshalb wäre er froh, wenn es bei der Pandemie endlich Aussicht auf ein Ende gäbe. "Ja, ich spreche mich für die Impfpflicht aus", sagt Friedmann. Und das, obwohl sich das Management bei Würth üblicherweise zurückhaltend zeigt bei politischen Themen. "Für mich ist das aber ein gesellschaftliches Statement." Letztlich sei es auch eine Entlastung des Steuerzahlers, wenn die immensen Kosten für die Pandemiebekämpfung jetzt begrenzt werden könnten.
Länder, Sparten, Mitarbeiter
Die Würth-Gruppe wuchs in Deutschland um 14,1 Prozent auf einen Umsatz von 6,9 Milliarden Euro (2020: 6,1 Milliarden Euro). Die Würth-Gesellschaften im Ausland schnitten mit 10,2 Milliarden Euro (2020: 8,3 Milliarden Euro) noch erfolgreicher ab. In Italien beispielsweise ging es um 28 Prozent nach oben. "Das rührt vom relativ starken Rückgang im Jahr zuvor", sagt Würth-Konzernchef Robert Friedmann.
Nach Sparten waren die Würth Elektronik Eisos (plus 37 Prozent) und die Geschäftseinheit Elektrogroßhandel (plus 29 Prozent) besonders erfolgreich. Die Adolf Würth GmbH & Co. KG (AWKG) erwirtschaftete einen Außenumsatz von 2,1 Milliarden Euro (plus 11,3 Prozent).
Die Mitarbeiterzahl hat sich 2021 um 4044 auf 83 183 erhöht. In Deutschland beläuft sich die Anzahl der Beschäftigten auf 25 438. Im Außendienst sind weltweit über 33 000 Mitarbeiter tätig. Damit Wachstum auch am Unternehmenssitz noch möglich ist, wird im dritten Quartal 2022 das neue Innovationszentrum in Künzelsau-Gaisbach eröffnet. Dazu entsteht ein neues Parkhaus mit 752 Stellplätzen. Zusätzlich investiert das Unternehmen in ein neues Verwaltungsgebäude mit rund 375 Arbeitsplätzen. Der Baubeginn ist für 2024 geplant.
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