Würth stößt in eine neue Größenordnung vor
In zwei Jahren ist der Schraubenhändler Würth um mehr als 30 Prozent gewachsen. Konzernchef Robert Friedmann erwartet nun eine leichte Abkühlung.

Es wird bei Würth nicht so dynamisch weitergehen wie zuletzt, das zeichnet sich in den ersten Monaten 2023 ab. Ein Umsatzplus im mittleren einstelligen Bereich strebt der Schraubenhändler dennoch an, und einen Gewinn auf Vorjahresniveau.
"Wir sind aber auch ein anderes Unternehmen geworden mit den 5,5 Milliarden Euro Wachstum in den vergangenen zwei Jahren", sagt Konzernchef Robert Friedmann vor der digitalen Bilanz-Pressekonferenz. Als letzte Amtshandlung durfte der scheidende Finanzchef Joachim Kaltmaier dann die knapp verpassten 20 Milliarden Euro Umsatz erläutern.
Der Gewinn bleibt fast vollständig im Unternehmen
Die Zahlen des vergangenen Jahres sind allesamt außerordentlich gut. Die Eigenkapitalquote erreichte beachtliche 46 Prozent oder absolut 7,9 Milliarden Euro. Die Zahl stieg binnen Jahresfrist um mehr als eine Milliarde Euro an, was verdeutlicht, dass die Familie im Verhältnis wenig für sich beansprucht.
Kaltmaier lobte jedenfalls die zurückhaltende Dividendenpolitik: "Die Familie entnimmt letztlich nur, was sie für Körperschaftssteuer und Lebensunterhalt benötigt." Luxusjacht hin oder her: Der Gewinn bleibt also fast vollständig im Unternehmen.
Ausgezeichnetes Rating von Standard & Poor's
Seit 26 Jahren wird dieses solide Wirtschaften von der Ratingagentur Standard & Poor"s mit einem A und stabilem Ausblick belohnt. "Es gibt nur drei Unternehmen, die besser als Würth bewertet werden in Deutschland, und das sind Siemens, Siemens Financial Services und die Deutsche Bahn", kommentierte Friedmann.
Ein besseres Rating wäre Kaltmaier zufolge mitunter möglich gewesen, doch ein "Rauf und Runter" würde für Unruhe an den Kapitalmärkten sorgen, wo Würth regelmäßig Anleihen platziert und sich so Liquidität sichert.
Rückhalt von der Familie
Friedmann betonte auch, dass Reinhold Würth mit seiner Nachfolgeregelung die Weichen gestellt habe, dass das Unternehmen weiter den uneingeschränkten Rückhalt durch die Familie genießt. "Auch in Zukunft bleibt Würth Würth", sagte Friedmann nur wenige Tage, nachdem mit Viessmann ein anderes großes Familienunternehmen in Deutschland sein Zukunftsgeschäft in die USA verkauft hat. Das, so soll der Hinweis wohl verstanden werden, kommt für die Künzelsauer nicht infrage.
Wenn das Wachstum nun auch nachlässt, auf Rekordkurs ist die Würth-Gruppe auch in diesem Jahr. Der Umsatz dürfte bei rund 21 Milliarden Euro liegen, abermals ein Vorsteuer-Gewinn von 1,6 Milliarden Euro. Dazu werden 850 Millionen Euro in IT, Logistik und Produktion investiert, 30 Millionen mehr als 2022. "Wenn man sieht, dass unsere Lagerbestände 2022 um 800 Millionen Euro zugelegt haben, dann ist da nicht nur Kapital gebunden, es braucht einfach auch die dafür notwendigen Kapazitäten", so Friedmann. Die schafft Würth derzeit in Künzelsau-Gaisbach mit der Erweiterung eines Vertriebszentrums, aber auch in Frankreich oder Italien.
Künstliche Intelligenz spielt eine Rolle, wenn auch nicht die zentrale
Künstliche Intelligenz wird auch bei Würth eingesetzt, etwa in der Logistik. Zur digitalen Pressekonferenz wird das mit Einspielfilmen illustriert, beispielsweise mit sogenannten Pickrobotern in der Logistik, die sich beim Paketegreifen selbst optimieren. "Das Problem ist", sagt Friedmann, "dass unterschiedliche Firmen für Greifer, Roboter und Software zuständig sind." Entwicklungssprünge sind deshalb wohl nicht zu erwarten, auch weil es keine "große KI" gebe wie bei den Sprachmodellen und ChatGPT. Trotzdem ist die intelligente Automatisierung notwendig, denn der Fachkräftemangel bleibt.
In der Logistik der umsatzstärksten Würth-Gesellschaften liegt der Automatisierungsgrad derzeit bei 34 Prozent. 2030, kündigte Friedmann an, soll der Wert 75 Prozent erreicht haben. Würth sucht trotzdem weiterhin Mitarbeiter, hat allein im ersten Quartal schon knapp 1000 Mitarbeiter eingestellt. Damit liegt die Belegschaft weltweit nun bei mehr als 86.000.
Kein Personalabbau im Vertrieb
"Die größte Mannschaft festangestellter Verkäufer der Welt" - der Würth-Vertrieb - wachse ebenfalls weiter, so Friedmann, wenn auch nicht mehr überproportional schnell wie früher. Hier macht sich der Vertrieb über die Online-Kanäle bemerkbar. Das Zusammenspiel aus persönlicher Beratung und unterschiedlichen Bestellmöglichkeiten sei besonders vorteilhaft im Business-to-Business-Bereich.
Die Konjunktur in den USA, wo es im vergangenen Jahr für Würth um mehr als 30 Prozent nach oben ging, schwächte sich deutlich ab. "In Euro wachsen wir noch, in Dollar sind wir nur auf Vorjahresniveau", erläutert Friedmann. Besser sieht es in Ost- und Südeuropa und auch in Deutschland aus.
Zukauf
Einen Boom erlebt weiterhin der Elektrogroßhandel bei Würth. Der nächste Zukauf findet genau in diesem Bereich statt. Würth unterbreitet dazu den Aktionären der börsennotierten Tim S.A. in Polen ein Angebot, das nur noch von den Kartellbehörden abgesegnet werden muss. Mit dem Management und den Aktionären sei man sich einig, erklärte Würth-Finanzchef Joachim Kaltmaier. Tim macht einen Umsatz von 300 Millionen Euro, 70 Prozent davon über E-Commerce. Die Akquisition, das hat Kaltmaier im Vorfeld abgeklärt, wird sich nicht auf das nächste Bonitätsrating auswirken.
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