Würth punktet mit Sparsamkeit
Manchmal reicht es schon, die Luft irgendwo rauszulassen: Der Befestigungsspezialist dreht momentan an vielen Schräubchen gleichzeitig, um die Klimaneutralität zu erreichen.

Kurz überlegt Norbert Heckmann, dann streckt er die Arme nach vorn, Hemd- und Sakko-Ärmel rutschen hoch, und er greift in den Eimer. Tonige Erde und Wildblumensamen sind darin, die vermischt er jetzt zu einer "Seedbomb", zu einer Saatbombe für seinen Garten. An dieser Station soll an diesem "Nachhaltigkeitstag" nicht nur für den Chef der Adolf Würth GmbH & Co. KG (AWKG), sondern für alle Mitarbeiter greifbar werden, was es mit dem Einsatz des Unternehmens für mehr Ökologie auf sich hat.
Auch Außendienst-Mitarbeiter steigen auf den E-Antrieb um
Jeder Einzelne kann und muss schließlich dazu beitragen, wenn ein Unternehmen klimaneutral werden will. Das fängt im Kleinen an und hört bei der Wahl des Dienstwagens nicht auf. Noch darf man beim Schraubenhändler aus Künzelsau zwischen Verbrenner- und E-Antrieb wählen.
"Von den Innendienstmitarbeitern bestellen schon 80 Prozent einen Vollelektrischen", sagt Fuhrpark-Chef Alexander Volpp. Der Außendienst hängt mit einer Quote von 25 Prozent noch etwas hinterher. Doch auch da tue sich mit den reichweitenstarken neuen Modellen einiges, sagt Volpp. Ab 2024 werden bei Würth dann nur noch E-Autos an die Mitarbeiter ausgeliefert.

Carina Lebsack begleitet das Thema Nachhaltigkeit bei Würth seit 2015. "Am Anfang ging es darum herauszufinden, wo wir stehen", erzählt sie. 2017 gab es den ersten Nachhaltigkeitsbericht und zahlreiche Projekte. Aus der Projektphase ist die AWKG inzwischen raus. Das Thema durchzieht alle Bereiche des Unternehmens und Lebsack koordiniert das als Leiterin Nachhaltigkeitsmanagement.
Augenwischerei soll es hier nicht geben
2024 soll die Würth-Muttergesellschaft CO2-neutral im Unternehmen selbst und beim Energiebezug sein. Bis 2030 soll auch indirekt in der vor- und nachgelagerten Lieferkette kein klimaschädliches Gas mehr freigesetzt werden. Rechnerisch.
"Das bedeutet, dass wir selbst durch konkrete Maßnahmen jeweils 80 Prozent der Klimaneutralität erreichen, der Rest muss über Kompensationsmaßnahmen ausgeglichen werden", sagt Heckmann. Möglich wäre es natürlich jetzt schon, alles über Klimaschutzprojekte zu kompensieren. "Aber das wäre Augenwischerei", sagt der 54-Jährige.
Erste Ziele erreicht hat die AWKG bei der Energie. 2021 hat das Unternehmen auf Grünstrom umgestellt und ist dabei, auf die Vermieter der Niederlassungen zuzugehen. Auf 28 000 Quadratmetern wurden Photovoltaik-Module installiert. Auf diesem Gebiet wird noch einiges passieren, deutet Heckmann an.
Hochwertig oder überflüssig?

Wichtig ist auch das Produkt und seine Verpackung. Auch da hat sich viel getan in den vergangenen Jahren. Ist bis vor kurzem noch jede größere Diamant-Trennscheibe in einer 370 Gramm schweren Kunststoffhülle ausgeliefert worden, kommt sie jetzt in einer 90 Gramm leichten Pappverpackung.
"Das allein spart 20 Tonnen Kunststoff pro Jahr", erläutert Volker Philippi an seiner Station. Damit kommt das Produkt vielleicht nicht mehr so wertig daher wie früher, doch die Zeiten haben sich geändert. Punkten kann man jetzt auch mit Sparsamkeit.
Bestellungen bündeln spart Zeit, Geld und CO2
Durchgesetzt hat sich bereits der "Höhenreduzierer", der Kartons genau auf die Größe zuschneidet und faltet, die für das Produkt notwendig ist. Somit ist weniger Füllmaterial notwendig und es wird weniger Luft transportiert, ein doppelter Effekt.
Und: "Mit unserem Liefertag sparen wir 20 bis 30 Prozent der Pakete ein", erzählt Mino Broselge. Damit kommen die Würth-Pakete nur noch einmal pro Woche, statt jeden Tag. Bestellungen werden gebündelt, Zeit und CO2 eingespart. 1600 Kunden machen bereits mit, 5000 sind vorerst das Ziel.
Das erscheint angesichts eines Kundenstamms von 650.000 ziemlich überschaubar, "aber es geht uns hier nicht um die Handwerker, wo sich der Chef selbst darum kümmert, sondern um die Großkunden mit vielen Bestellern", erklärt Broselge.
Das Sichtfenster ist weggefallen
Verpackungen sollen recycelt werden und im Idealfall aus Rezyklat bestehen. Die bekannte Orsy-Box mit Sichtfenster, durch die man die Schrauben und Muttern im Inneren auf einen Blick erkennen kann, gehört der Vergangenheit an. 25 Tonnen Kunststoff werden in der Würth-Gruppe so eingespart.
Vor allem aber geht die Box jetzt nicht mehr in den Restmüll, sondern ins Altpapier - auch der Klebstoff auf dem Etikett steht einem vollständigen Recycling nicht mehr im Weg. Kreislauffähigkeit ist das Schlagwort. Der Zyklus soll im besten Fall nie enden.
Relast-System hat ein riesiges Potenzial
Manchmal ergeben sich aber auch aus der Nutzung eines Produkts riesige Vorteile für den Klimaschutz, die nur bedingt in die Bilanz eines Unternehmens eingehen. So etwa der Relast-Verbundanker. Mit der speziellen Schraubenkonstruktion können Betonbauwerke saniert werden, die ansonsten abgerissen werden müssten. "Um 20 bis 40 Jahre kann die Lebensdauer so verlängert werden", erzählt Fabian Strobl.
Während die Bauwirtschaft angesichts voller Auftragsbücher die Möglichkeiten des Relast-Systems zu schätzen wisse, bleibt die öffentliche Hand aber noch zurückhaltend.
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