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Lieferkettenprobleme und andere Krisen: Deutschland soll nicht der Verlierer sein

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Auf Geschäfte mit China, warnt der für Lieferketten zuständige Würth-Manager Thomas Klenk, können viele Unternehmen nicht verzichten. Doch auf die bestehenden Verhältnisse ist kein Verlass mehr. Umdenken ist angesagt.

Lieferfähigkeit ist für Unternehmen ein zentrales Thema. Der Schraubenhändler Würth hatte hier auch während der Corona-Krise Vorteil.
Lieferfähigkeit ist für Unternehmen ein zentrales Thema. Der Schraubenhändler Würth hatte hier auch während der Corona-Krise Vorteil.  Foto: Würth/Andreas Lechner - Scanner GmbH K

Die Lieferkettenprobleme gehen derzeit nahtlos über in eine globale Phase der Neuordnung. Das erklärt der für Einkauf und Export verantwortliche Geschäftsführer der Adolf Würth GmbH & Co. KG (AWKG), Thomas Klenk, im Gespräch mit der WirtschaftsStimme.

Er erwartet, dass sich insbesondere das Verhältnis zu China langfristig ändern wird. Eine große Gefahr sehe er darin, dass Westeuropa und insbesondere Deutschland als Verlierer aus dieser Zeit der weltweiten Krisen herausgehe. "Das müssen wir verhindern", sagt der 58-Jährige.

China hat für Würth in Deutschland keine zentrale Bedeutung

Die Hälfte der Produkte, die die AWKG in Deutschland vertreibt, stammt aus Deutschland. Nur 20 Prozent kommen aus Asien. "Wir haben den Vorteil, dass wir uns nie so abhängig gemacht haben wie andere", sagt Klenk. Denn: "Das Klima für ausländische Firmen und ihre Mitarbeiter in China hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert." Peking nehme inzwischen viel mehr Einfluss auf die Wirtschaft.

Zusätzlich führe die Null-Covid-Strategie mit ihren drastischen Maßnahmen dazu, dass man kaum noch Mitarbeiter finde, die als sogenannte Expatriates, kurz Expats, nach China gehen.


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Mindestens für acht Tage geht es für Neuankömmlinge in China noch immer in die Quarantäne-Hotels, wo man jeden Tag einen PCR-Test machen muss. Zudem besteht jederzeit die Gefahr, dass es zum Lockdown kommt. Die Maßnahmen der chinesischen Verwaltung in diesem Fall sind bekanntermaßen drastisch.

Taiwan auch als Handelspartner wichtig

Würth nutzt die Produktion in China vor allem für den regionalen Markt. Nur sieben bis acht Prozent des deutschen AWKG-Sortiments kommen aus dem Reich der Mitte. Mit Abstand das wichtigste Beschaffungsland für Würth sei Taiwan, weil dort sehr hochwertige Maschinen und Handwerkszeug, aber auch Schraubteile und anderes Befestigungsmaterial hergestellt werden. Immerhin: Die Schiffe aus Fernost sind nun wieder weitgehend verlässlich unterwegs.

Andere Probleme bestehen weiter oder haben sich verschärft. Die Ankündigung der chinesischen Führung, Taiwan als "abtrünnige Provinz" wieder "zurückholen" zu wollen, sorgt für besonders viel Unruhe.

Klenk ist überzeugt, dass die deutsche Wirtschaft im Falle eines Einmarschs nicht genauso reagieren könne wie nach dem Kriegsbeginn auf Russland. "Es kann sich kaum einer leisten, das Land zu verlassen und alle Beziehungen zu China abzubrechen. Das gilt zum Glück auch umgekehrt." Es besteht also Anlass zur Hoffnung, dass China nicht alle Zurückhaltung aufgibt. Trotzdem würden westliche Firmen nun vorsichtiger agieren.

Expats verlassen das Land

Auch im Land hat sich die Atmosphäre seit der Ankündigung verschlechtert. "Das hat auch etwas mit den Chinesen selbst gemacht. Wer vorher mal offener gesprochen hat, spricht jetzt nicht mehr offen", sagt Klenk. Dass man überall abgehört und kontrolliert werden könne, sei inzwischen jedem bewusst. "Es gibt deshalb viele Expats, die sich entschieden haben, das Land zu verlassen", sagt Klenk.

Auch ohne die strengen Corona-Maßnahmen wie in China führen Covid-Erkrankungen an vielen Produktionsstätten weltweit zu Ausfällen, zuletzt etwa in Taiwan. "In so vielen Fabriken hört man: Bei uns fehlen 20, 30, 40 Prozent der Mitarbeiter wegen Covid." Damit sei der Output fast nirgends wieder auf dem Niveau der Vor-Corona-Zeit angekommen, so Klenk.

Ein zweiter Produktionsstandort ist sinnvoll

Es sei nun angesagt, Bereich für Bereich zu prüfen, bei welchen Produktgruppen es Abhängigkeiten gibt und ob eine Produktion in Europa als Alternative zur bisherigen infrage kommt. "Second Source" - zweite Quelle - nennt man das im Fachjargon, und man hört das Wort inzwischen bei vielen Unternehmen. Die Abhängigkeit von Lieferanten, die in instabilen oder als nicht zuverlässig geltenden Ländern produzieren, soll minimiert werden.

Andere Branchen müssten schließlich Lehrgeld bezahlen und grundsätzlich umsteuern. Gerade die deutsche Autoindustrie habe teilweise bei unbedeutenden Kleinteilen nur auf den Preis geschaut. "Aber was ist das schon, wenn man bei einem Auto für 70.000 Euro 100 Euro in Summe einspart und gleichzeitig die Lieferfähigkeit insgesamt gefährdet wird? In der Vergangenheit hat es funktioniert, jetzt nicht mehr."

Vieles werde sich jetzt auch durch die EU-Vorgaben im Rahmen des Green Deals verändern. Es werde regional für die Regionen produziert, auf Englisch lautet das Prinzip Local for Local. Denn allein schon mit dem Blick auf den CO2-Fußabdruck sei es nicht sinnvoll, Ware um die ganze Welt zu transportieren.

Die zentrale Frage: Woher kommt künftig die Energie - und zu welchem Preis?

"Wenn wir aber in Europa wieder mehr produzieren wollen, brauchen wir die Rohstoffe und Grundstoffe aus der Stahl- und Chemieindustrie", betont Klenk. Mit knapper, teurer Energie sei der Standort Europa und insbesondere Deutschland in Gefahr.

Wenn das Knowhow erst einmal weg sei, werde es umso schwerer, diese Industrien wieder aufzubauen. "Wir brauchen Investitionen in großem Ausmaß, staatliche und auch von der EU. Und mir ist bewusst, dass die nächsten Jahre auch viel Geld in die Ukraine fließt."

Thomas Klenk ist bei Würth zuständig für die Lieferketten.
Thomas Klenk ist bei Würth zuständig für die Lieferketten.  Foto: Würth

Europa, gerade Westeuropa, sei wirtschaftlich im Vergleich zu Asien und den USA besonders von den aktuellen Krisen betroffen und werde langfristig unter den hohen Energiepreisen leiden. "Wir müssen in Deutschland aufpassen, dass wir nicht zu den wirtschaftlichen Verlierern werden."

"Und am Ende", das möchte Klenk nicht unerwähnt lassen, "brauchen wir auch noch Leute, die arbeiten wollen." Das entwickle sich zunehmend zum Problem. Es könne nicht jeder nur wenige Tage im Büro arbeiten. Aber das ist dann noch einmal ein anderes großes Thema.

Entspannung an der Preisfront

Der Transport aus Fernost habe sich weitgehend normalisiert, die Containerpreise sind wieder deutlich gesunken, erklärt Einkaufs-Geschäftsführer der Adolf Würth GmbH & Co. KG, Thomas Klenk. Die Reedereien hätten im vergangenen Jahr unglaublich viel Geld gemacht. "Jetzt sind die Schiffe nicht mehr so überbucht, die Staus vor den meisten Häfen haben sich aufgelöst." Manches deute vielleicht auf erste Veränderungen in der globalen Warenwirtschaft hin.

Leider sei aber eine entscheidende Ursache für diese Entspannung, dass die Nachfrage in einigen Bereichen des Welthandels nachgelassen habe. "Das wird das spannende Thema im nächsten Jahr", sagt Klenk auch mit Blick auf die für Würth so wichtige Bauwirtschaft. Erhöhte Zinsen, schwacher Euro, Inflation - damit kämen nicht nur private Häuslebauer in die Bredouille.


Dieser Artikel stammt aus der Wirtschaftsstimme, die am Dienstag, 22. November, der Tageszeitung beiliegt. Die Themen sind Logistik, neues Arbeiten und die konjunkturellen Aussichten. Außerdem gibt es das Ranking der größten Unternehmen in der Region.

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