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"Existenzieller Auftragseinbruch" – Wohnungsbau meldet Rekord bei Stornierungen

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Die Baubranche im Südwesten beklagt eine heftige Eintrübung. Immer mehr Unternehmen geraten in Schieflage. Verbände fordern ein schnelles Handeln der Politik.

Ein Gerüst steht in einem Neubaugebiet an einem Rohbau. Die Baubranche erlebt einen regelrechten Auftragseinbruch.
Ein Gerüst steht in einem Neubaugebiet an einem Rohbau. Die Baubranche erlebt einen regelrechten Auftragseinbruch.  Foto: Uwe Anspach/dpa

Der Bau in Baden-Württemberg erlebt "einen existenziellen Auftragseinbruch", berichtet der Präsident der Landesvereinigung Bauwirtschaft, Bernhard Sänger, bei der Halbjahresbilanz der Bauverbände in Stuttgart. Wie das Ifo-Institut zugleich mitteilt, melden bundesweit 12 Prozent aller Unternehmen in der Branche Finanzierungsschwierigkeiten.

Unternehmen in der Bauwirtschaft: Einen finanziellen Puffer haben nicht alle

Aufs und Abs sind die Unternehmen in der Bauwirtschaft gewohnt, erläutert Sänger. "Es gibt, glaube ich, keine Branche, die schneller reagiert und wo man schneller reagieren muss." Doch von einem finanziellen Puffer könnten heute nicht alle leben. Zu schnell seien die Preise angestiegen. Zu schnell fallen die Aufträge weg.

 


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Ein Baugerüst steht an der Fassade von einem nicht fertig gebauten Wohnhaus auf einer Baustelle im Berliner Süden. Die deutsche Bauwirtschaft warnt vor einem Einbruch im Wohnungsbau und fordert Unterstützung von der Politik. (zu dpa "Baubranche verlangt Erleichterungen für Wohnungsbau") +++ dpa-Bildfunk +++
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Einbruch am Bau: Handwerkspräsident Bopp vermisst politisches Handeln


Zum Auftragsmangel kommen nach Angaben des Ifo-Instituts jetzt Stornierungen, von denen jedes fünfte Unternehmen betroffen ist. Das habe es seit Beginn der Erhebungen vor 30 Jahren nicht gegeben. Die Region bildet hier keine Ausnahme.

Auch Ulrich Bopp, Präsident der Handwerkskammer Heilbronn-Franken, berichtet von mehreren Großaufträgen in seinem Unternehmen, die geplatzt sind oder verschoben wurden.

Von der öffentlichen Hand kamen viele Aufträge

Die Zahlen im Detail sind dennoch nicht alle entmutigend. Unerwartet stark entwickelte sich die Nachfrage im öffentlichen Hochbau mit einigen Großaufträgen. Dies war ein Treiber bis in den Juni hinein. So blieb im ersten Halbjahr sogar noch ein Plus unter dem Strich.

Allerdings: "Der Wohnungsbau ist vom Abwärtstrend brutal getroffen", so Sänger. Im Juni sei es um 25 Prozent bergab gegangen. "Im Juli war fast ein Kollaps zu spüren."

 


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«Aktuell melden 11,9 Prozent der Unternehmen im Wohnungsbau Finanzierungsschwierigkeiten. Das ist der höchste Wert seit über 30 Jahren», teilt das Ifo-Institut mit.
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Weniger Unsicherheit ist am Bau schon die halbe Miete


"Baubranche ist keine Eisdiele"

Auch wenn das Ruder jetzt konsequent rumgerissen würde - was die Baufunktionäre fordern - so würde es doch eine Weile dauern, bis der Effekt spürbar sei. Der Bau sei eben nicht mit dem Eisverkäufer vergleichbar, der auf Schlangen vor der Tür bei schönem Wetter reagiert, erläutert Thomas Möller, Geschäftsführer der Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg. "Wir brauchen mehr Anlauf. Deshalb haben wir seit Herbst vor dem Auslaufen der Förderung gewarnt."

Eine der immer wieder formulierten Forderungen: Die langwierigen Baugenehmigungsverfahren müssten beschleunigt werden. Dazu sei es wichtig, die Digitalisierung der Baubehörden voranzutreiben. Was das Bauen schneller und billiger machen würde, sei eine Abbau von bürokratischen Hemmnissen.

Diskussionen um Gebäudeenergiegesetz: Psychologie spielt wichtige Rolle

Dazu kommt, dass der Bau-Markt stark von Psychologie beeinflusst sei. So habe das gestoppte Gebäudeenergiegesetz einen großen Anteil am Geschäftseinbruch im Juli gehabt. "Durch die endlosen politischen Diskussionen" habe sich Deutschland zudem weiter von den Zielen des Klimaschutzes entfernt, warnt Möller.

Mit der Verabschiedung jetzt gebe es allerdings wieder etwas Sicherheit. "Wir hoffen, dass jetzt das Geld, das vorhanden ist in diesem Bereich, wieder vermehrt fließt." Die "Häuslebauer" hätten ihren Traum ja nicht aufgegeben.

Hoffnung, dass Preise erst einmal nicht weiter steigen

Was die Preise angeht, so bestehe die Hoffnung, dass sie erst einmal nicht weiter steigen, vielleicht sogar etwas sinken, erklärt Möller. Überlegungen wie in Nordrhein-Westfalen, Kies und Sand mit einer Rohstoffabgabe "hintenrum" wieder zu verteuern, seien nicht nachvollziehbar. So etwas müsse aufhören.

Stattdessen, so fordert die Landesvereinigung Bauwirtschaft, sollte die Grunderwerbssteuer ausgesetzt werden, die jede derzeit ohnehin kaum zu stemmende Finanzierung auch für Privatleute noch zusätzlich belaste.

Die Branche hofft auf den Wohnungsgipfel im Kanzleramt am 25. September. Die Wohneigentumsförderung müsse vom KfW-40-Standard abgekoppelt werden, fordert Sänger. Bei der erleichterten Abschreibung im Mietwohnungsbereich sei das schon geschehen. "Und wir fordern mindestens 10 Milliarden Euro für die Wohnraumförderung im Neubaubereich."

 


So ist die Situation im Hohenlohekreis

Auch im Hohenlohekreis beobachten die Bauämter einen Rückgang bei den Baugenehmigungen. Ein Beispiel: Waren im Mai 2022 noch 16 Bauanträge beim Landratsamt Hohenlohekreis gestellt worden, waren es im Mai 2023 noch fünf. Besonders der Mehrfamilienhausbau ist betroffen. Der Trend zeigt sich auch in den Gemeinderatsitzungen: Wurden in Bretzfeld vor einem Jahr beispielsweise noch viele Einfamilienhäuser im Neubaugebiet genehmigt, waren es vor der Sommerpause überwiegend Umbauten, die genehmigt wurden. Banken berichten von rückläufigen Baufinanzierungen.

 
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