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Der Weg vom Diesel zum Wasserstoff ist weit und teuer

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Wasserstofftag in Hardthausen und Woche des Wasserstoffs Süd: Was 2035 funktionieren soll, muss jetzt beginnen. Das DLR gibt bereits Gas. Und auch weniger bekannte Unternehmen wie Iinovis wollen ihre Chancen nutzen.

Elisabeth Loeffelholz von Colberg von der Arianegroup zeigt, wie viel Diesel und andere fossile Energieträger demnächst ersetzt werden müssen.
Elisabeth Loeffelholz von Colberg von der Arianegroup zeigt, wie viel Diesel und andere fossile Energieträger demnächst ersetzt werden müssen.  Foto: Gleichauf, Christian

Seit 2013 zeigt der Wasserstofftag am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Lampoldshausen, wie vielseitig Wasserstoff genutzt wird - und wie vielseitig er genutzt werden könnte. Nicht nur Raketentriebwerke benötigen das Gas in Massen, man kann damit auch fahren, fliegen, heizen, Strom erzeugen und es für zahlreiche Prozesse in der Industrie nutzen. Diesmal wurde aber deutlich: Mit "könnte" ist es jetzt nicht mehr getan.

Einmal Luftanhalten kostet 572 Tonnen CO2

Denn seit dem 24. Februar ist Krieg, und damit ist der Druck, von fossilen Energieträgern loszukommen, schlagartig gestiegen. Beeindruckend sind dabei die Größenordnungen, die Elisabeth Loeffelholz von Colberg von der Arianegroup präsentiert: Fünf Millionen Tonnen Diesel werden weltweit pro Tag produziert - und verbrannt. Dem stehen momentan nur 320 Tonnen flüssiger Wasserstoff gegenüber. Auf das Gewicht bezogen sind das 0,006 Prozent.

Wie viel klimaschädliches CO2 derzeit noch in die Atmosphäre entlassen wird, illustriert die Expertin so: Fünf Sekunden sollen die Teilnehmer die Luft anhalten. Fünf Sekunden, in denen in der EU unglaubliche 572 Tonnen CO2 emittiert werden.

"Deshalb müssen wir anfangen", sagt auch Michele Maggio vom Temperiergerätehersteller Lauda - wie viele andere in der Buchsbachtalhalle in Gochsen, wo der Wasserstofftag erstmals stattfand.


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Es wird teuer, so viel ist sicher

Doch über welche Summen man dann sprechen muss, das wird beim Vortrag von Manuel Langemann von der RWE-Tochter Generation SE deutlich. 50 Milliarden Euro hat der Energiekonzern für den Aufbau seiner Wasserstoff-Produktion bis zum Jahr 2030 vorgesehen. Zwei Gigawatt Leistung werden die Elektrolyseure dann haben, ein Fünftel dessen, was für Deutschland insgesamt vorgesehen ist.

Das Problem: Wer nur mit "überschüssigem" Grünstrom Wasserstoff herstellen möchte, der verliert nicht nur einen Teil der möglichen Produktion durch den unausweichlichen Leerlauf, die Anlagen brauchen wegen des ständigen Anlaufens und Herunterfahrens besondere Aufmerksamkeit. "Aber die Verluste sind nicht so groß, wie unsere Experten anfangs erwartet hatten", gibt Langemann Entwarnung.

Lidl fährt jetzt Brennstoffzellen-Gabelstapler

Erfahrungen werden auch andernorts gesammelt - manchmal sogar mit Beteiligung bekannter Firmen aus der Region. So berichtet Pascal Louvet von der größten Wasserstoff-Modellregion in Frankreich namens Lhyfe (ausgesprochen Leif). Dort wird derzeit ein Tankstellennetz aufgebaut.

Wichtigster Kunde an der ersten Zapfsäule ist der Discounter Lidl, dessen Logistikzentrum in Carquefou mit Brennstoffzellen-Gabelstaplern ausgestattet wird. Und die Franzosen sind sogar in Deutschland aktiv. Bis 2025 wollen sie Industriekunden flexibel mit kleineren Mengen an grünem Wasserstoff versorgen.

Ohne Import wird keine Wasserstoffwirtschaft funktionieren

Baden-Württemberg will sich da nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. "Wasserstoff hat eine Schlüsselfunktion, er ist die vierte Säule der Energiewende neben erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und Elektrifizierung", sagt Sybille Hepting-Hug aus dem Umweltministerium in Stuttgart. Millionen an Fördergeld stehen bereit.

Doch eines betont auch Hepting-Hug: Selbst produzieren könne man den Wasserstoff nicht, der in Zukunft gebraucht wird. Eine aktuelle Prognos-Studie im Auftrag des Landes hat ergeben, dass der Bedarf an Wasserstoff in Baden-Württemberg 2035 bei 16 Terawattstunden oder rund 550.000 Tonnen liegt. "Der Import ist ein zentrales Thema."

Dafür sei auch die sogenannte Wasserstoffmagistrale notwendig, betont Jan Stefan Roell, Ulmer IHK-Präsident und Vertreter der dortigen Modellregion Hy-Five. Nur über eine solche Pipeline kann so viel Wasserstoff transportiert werden, wie er bald überall im Land benötigt wird. "Wenn sie 2035 funktionieren soll, dann muss sie jetzt schon auf den Weg gebracht sein.

Fortschritte am DLR

Auch wenn grüner Wasserstoff langfristig in anderen Regionen der Welt produziert werden muss, braucht es in der Übergangsphase auch hierzulande Kapazitäten. Am DLR läuft seit einigen Monaten der erste Elektrolyseur, den die Zeag im Projekt H2orizon installiert hat. In dieser Woche ist zudem der zweite Elektrolyseur angeliefert worden, der mit Windstrom Wasserstoff produziert, verrät Daniela Lindner, die zuständige Projekt- und Abteilungsleiterin am DLR. 280 Tonnen sind künftig damit möglich. Die Hälfte davon soll mit einem Verflüssiger auch in den Aggretatszustand gebracht werden, der für die großen Triebwerkstest nötig ist.


Woche des Wasserstoffs: Was sonst noch los war

In Bad Friedrichshall zeigte die Firma Iinovis ihren Brennstoffzellen-Prüfstand.
In Bad Friedrichshall zeigte die Firma Iinovis ihren Brennstoffzellen-Prüfstand.  Foto: Iinovis

Wasserstoff ist vielseitig einsetzbar, das wurde in dieser "Woche des Wasserstoffs Süd" deutlich. Neben der Veranstaltung in Hardthausen öffneten viele Unternehmen in Süddeutschland ihre Türen für Interessierte - auch in der Region. In Öhringen etwa präsentierte Netze BW die Wasserstoff-Insel, wo ein Teil des Erdgasnetzes abgetrennt wurde und dem Erdgas nun 30 Prozent Wasserstoff beigemischt wird.

In Bad Friedrichshall zeigte die Firma Iinovis ihren Brennstoffzellen-Prüfstand. "Das können sich in der Regel nur Hochschulen oder große Unternehmen wie Bosch leisten. Bei uns können auch kleinere Firmen die Anlage buchen", erklärt der zuständige Bereichsleiter Peter Diehl. Einzelne Komponenten könnten dort getestet werden.

Iinovis ist aus dem finnischen Valmet-Konzern entstanden, der sich auf sein Batteriegeschäft konzentriert und das Ingenieurgeschäft verkauft hat. Nun fungiert Iinovis mit seinen drei Standorten in Wolfsburg, München und Bad Friedrichshall zum einen als verlängerte Werkbank für die Automobilindustrie, zum anderen blieb das Know-how aus der Batterie- und Brennstoffzellenentwicklung im Unternehmen. Damit wollen die Friedrichshaller nun punkten.

Beim Besichtigungstermin an diesem Donnerstag waren Vertreter von Unternehmen wie Mann + Hummel, Freudenberg oder Gessmann aus Leingarten zu Besuch. Durch die Partnerschaft mit verschiedenen Hochschulen werden bei Iinovis auch Werkstudenten zum Master-Abschluss geführt.

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