Unternehmen in der Region wollen mit Wasserstoff loslegen
Die Umstellung auf grüne Energie wird Jahre dauern. Der Raum Heilbronn wäre gerne vorn mit dabei, doch der Bund gibt die erhofften Fördermittel noch nicht frei. Steht das Geld womöglich auf der Kippe?

Die Sanktionen gegen Russland erfordern eine schnelle Umstellung der Energiewirtschaft. Um darauf vorbereitet zu sein, will die Heilbronner Spedition Fritz demnächst einen Wasserstoff-Lkw in Betrieb nehmen. "Wir wollen bis 2035 klimaneutral sein", erklärt Andreas Nohe beim H2-Netzwerktreffen in Heilbronn. Bis dahin muss es eine Lösung für die insgesamt mehr als 50 Lkw geben, die die Spedition im Dienst hat. Mit E-Mobilität, so glaubt Nohe, werde ein 40-Tonner wohl kaum zu betreiben sein. "Das ist nicht die Zukunft."
Mit dem Krieg bekommt das Thema Priorität
Grüner Wasserstoff dürfte insgesamt eine wichtige Rolle als Energieträger und Energiespeicher spielen, wenn der Abschied vom Erdgas vollzogen werden soll. Auch der Bund, der nach Veröffentlichung der Nationalen Wasserstoffstrategie im Juni 2020 das Thema lange Zeit wenig ambitioniert treiben ließ, beschleunigt das Thema nun.
Wenige Tage nach Beginn des Kriegs in der Ukraine hat Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eine Wasserstoff-Kooperation mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) geschlossen. In Namibia soll mit deutscher Beteiligung ein riesiges Wasserstoff-Kraftwerk entstehen. Thyssenkrupp baut in Saudi-Arabien eine Anlage, die wasserstoffbasierten Ammoniak herstellen soll. Mindestens vier Jahre dürfte es aber dauern, bis die ersten Schiffe mit dem grünen Treibstoff nach Deutschland kommen.
Rund um Heilbronn schon viel Know-how
Bis dahin muss sich Deutschland fitgemacht haben. Die Region Heilbronn bereitet sich seit längerem schon darauf vor. Als einer der größten Wasserstoff-Verbraucher im Land hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Lampoldshausen großes Know-how in diesem Bereich. Das DLR-Forum ist seit Jahren zum Wasserstofftag Treffpunkt für Experten und Politik. Mehrere Förderprogramme gibt es bereits.
Die Wirtschaftsförderung Raum Heilbronn (WFG) veranstaltet zudem regelmäßig das H2-Netzwerktreffen, wo sich Unternehmensvertreter ungezwungen austauschen. Harald Fischer von Bosch Engineering in Abstatt ist auch dabei und überzeugt, dass die Brennstoffzelle, die Wasserstoff in Strom umwandelt, auch bei der Mobilität noch eine große Zukunft vor sich hat.
Bosch arbeitet an verschiedenen Standorten an der Weiterentwicklung der Technik und hat auch schon serienreife Produkte im Angebot. Mit Unternehmen wie Iveco und Nikola aus den USA arbeitet das Unternehmen bei Projekten zusammen. "Batterien machen bei großen Lkw einfach keinen Sinn, da wäre jede Ladeinfrastruktur an Autobahntankstellen überlastet."
Ein Rädchen muss ins andere greifen
"Solche Treffen sind genial", findet Dietmar Münter vom Heilbronner Gasversorger HNVG. Der persönliche Austausch sei sehr wichtig, gerade in dieser Anlaufphase. Nur so habe er von den Plänen der Spedition Fritz und anderen Unternehmen erfahren. Das sei wichtig, etwa wenn es darum geht, die erste Tankstelle für grünen Wasserstoff in der Stadt zu bauen. In Öhringen testet die EnBW derweil, wie das Erdgasnetz auch schrittweise mit höheren Anteilen von Wasserstoff gefüllt werden kann. Vieles passiert hier parallel und wartet nur darauf, verknüpft zu werden.
Auch deshalb möchte die Region gerne mit dem Projekt Transformotive an den Start gehen. Erstes Ziel dabei ist, die Automobil- und Zulieferindustrie dabei zu unterstützen, sich fit für die Zukunft zu machen. Neben der Digitalisierung und der Umstellung auf den E-Antrieb wird dabei auch der Wasserstoff eine zentrale Rolle spielen.
Früh aktiv, und trotzdem müssen die Wirtschaftsförderer warten
Für die millionenschwere Förderung des Bundes - es geht um bis zu 14 Millionen Euro - hatten sich die Wirtschaftsfördergesellschaften WFG (Raum Heilbronn) und WHF (Region Heilbronn-Franken) als Partner schon im vergangenen Jahr gute Chancen ausgerechnet. Nun müssen sie sich weiter in Geduld üben. Eine neue Regierung, Haushaltsberatungen und der Krieg in der Ukraine setzen Fragezeichen hinter das Vorhaben.
Gemessen an den hohen Erwartungen, die Patrick Dufour, Geschäftsführer der WFG, und Andreas Schumm, Geschäftsführer der WHF, an ihren Antrag hatten, ist es bisher noch nicht gut gelaufen. Nahtlos konnten sie zwar an das anknüpfen, was das Bündnis für Transformation seit rund zwei Jahren erarbeitet hatte.
Die Initiative Pro Region hatte dafür erste Mittel bereitgestellt. Doch dann kam alles ins Stocken. Die erste Projektskizze reichten Dufour und Schumm bereits im Sommer 2021 ein. Nach Signalen aus Berlin verbrachten die zwei auch noch ihre Herbstferien damit, den Antrag für einen früheren Start neu aufzusetzen. Dann die ernüchternde Information: So schnell kann es gar nicht gehen.
Jetzt steht das Geld womöglich auf der Kippe
Nur zwei Anträge von deutschlandweit 31 wurden Anfang 2022 bewilligt. Nicht darunter war "Transformotive" aus Heilbronn. Und vorerst wird es auch kein grünes Licht geben, obwohl bereits alles auf einen Projektstart im Mai ausgerichtet worden war, weil derzeit das Haushaltsverfahren läuft.
Eine Zusage aus Berlin wird frühestens im Juni oder Juli zu erwarten sein, wie eine Anfrage unserer Zeitung beim Bundeswirtschaftsministerium in Berlin ergab. Dort räumt man auch ein, dass mit den Haushaltsberatungen noch Änderungen bei dem Programm möglich sind. Überall werden derzeit die Millionen und Milliarden verplant, da ist wohl nicht ausgeschlossen, dass die 150 Millionen Euro für die Transformationsprojekte anderweitig verwendet werden.
Audi wurde ausgebremst
All die Wasserstoff-Initiativen in der Region nehmen an Fahrt auf, nur bei Audi wurde der Brennstoffzellen-Entwicklung vor anderthalb Jahren der Stecker gezogen. Auf Betreiben von VW-Chef Herbert Diess wurden alle Anstrengungen beendet, die Wasserstoff-Technik auch im Pkw-Bereich einzusetzen. Die Brennstoffzellen-Entwickler sollten sich fortan auf den Nutzfahrzeug-Bereich von VW konzentrieren. Doch das gesamte Programm kam ins Stocken. Die Abteilung in Neckarsulm und Heilbronn muss seitdem einen kräftigen Personalverlust verkraften. Weniger als die Hälfte der einst 150 Entwickler in diesem Bereich sind offenbar noch an Bord. Audi gibt zu dem Thema keine Auskünfte mehr.
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