Spaltung der Wirtschaft vorerst nicht zu überwinden
Vor allem für die Soloselbstständigen und besonders betroffene Branchen wünschen sich die Industrie- und Handelskammern im Land mehr zielgerichtete Hilfe vom Staat. Die aktuelle Konjunkturumfrage zeigt: Derzeit geht es nur für einen Teil voran.
Die Wirtschaft in Baden-Württemberg erholt sich. Das liegt vor allem an den exportorientierten Industrieunternehmen, erläutert Wolfgang Grenke, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags. Er fügt jedoch ein großes Aber hinzu: "Die Wirtschaft ist gespalten." Schlecht gehe es den "Lockdown-Branchen": Messe- und Eventveranstalter könnten seit über einem Jahr nicht ihrer Geschäftstätigkeit nachgehen. "Viele stehen vor dem Aus."
Mit der Öffnung sind große Hoffnungen verknüpft
Die aktuelle Konjunkturumfrage des BWIHK zeigt in die richtige Richtung. Der Anteil der Firmen, denen es gut geht, stieg von einem Drittel Anfang des Jahres auf 40 Prozent in diesem Frühsommer. Schlecht gehe es 21 Prozent, zuletzt waren dies mit 25 Prozent noch etwas mehr gewesen.
Immerhin: Für Einzelhändler, Hotellerie und Gastronomie sowie die Kulturschaffenden, die besonders unter dem Lockdown leiden, sei es "ein großes Hoffnungszeichen, dass alle Wirtschaftsbereiche nach und nach für Geimpfte, Genesene und Getestete wieder geöffnet werden", erklärte BWIHK-Vizepräsidentin und Präsidentin der IHK Region Stuttgart, Marjoke Breuning. "Nur so kann die Wirtschaft im Südwesten wieder Fahrt aufnehmen."
Selbstständige brauchen ihre Altersvorsorge auf
Für die benachteiligten Branchen und Unternehmen, insbesondere für die Soloselbstständigen, fordern die Wirtschaftsvertreter nun gezielte Hilfen. "Die Gießkanne wäre hier völlig falsch", sagt Johannes Schmalzl, der Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart.
Er fordert Förderprogramme, mit denen die besonders Gebeutelten ihr Eigenkapital wieder aufbauen können. "Viele Selbstständige brauchen derzeit ihre gesamte Altersvorsorge auf", warnt Schmalzl, "der Staat muss seinen Part leisten."
Betriebliches Impfen: Es dauert zu lang
Das gelte auch für die Impfstoffversorgung. "Wir haben Mitte Mai, und die Betriebsärzte haben immer noch kein Go fürs Impfen", rügt der ehemalige Stuttgarter Regierungspräsident Schmalzl. Es genüge nicht, dass den Unternehmen in Aussicht gestellt wird, dass es am 7. Juni losgehen soll. Denn es sei noch immer unklar, ab wann der Impfstoff bestellt werden kann. "Dieser 7. Juni kommt jedenfalls viel zu spät. Der Start muss noch im Mai sein." Die Unternehmen stünden bereit.
Zusätzliche Hilfen in Baden-Württemberg
Bei aller Kritik gab es zumindest in einem Punkt Lob für die Landesregierung: Es sei ihr gelungen, das Überbrückungshilfe-III-Programm noch kräftig zu erweitern. Viele Branchen brauchten diese Unterstützung auch, wenn sie die Krise überwinden wollen. Auch der Unternehmerlohn könne nun wieder beantragt werden. Zusätzlich müsse nun Bürokratie abgebaut werden - und dürfe nicht noch zunehmen, etwa mit dem Green Deal der EU.
Steigende Rohstoffpreise bereiten Sorgen
Sorgen bereitet Teilen der Wirtschaft eine Entwicklung, die nur bedingt etwas mit der Pandemie zu tun hat: die steigenden Rohstoffpreise. Holz und andere Produkte belasteten die Unternehmen beispielsweise in der Baubranche, die - vom privaten Wohnungsbau getragen - grundsätzlich sehr gut dastehe.
In manchen Teilen droht deswegen Kurzarbeit. Doch Wolfgang Grenke geht davon aus, dass sich die Wirtschaft darauf einstellt. "Die dunklen Wolken werden sich dann auch wieder verziehen." Gleichzeitig ist sich der BWIHK-Präsident sicher: An der Zweiteilung der Wirtschaft werde sich in den nächsten Monaten nichts ändern. "Einigen geht es sauschlecht."
Kommentare öffnen


Stimme.de
Kommentare